Freitag, 26. April 2019

Absurde Konjunkturdebatte Worüber wir wirklich reden sollten

5G ist die nächste Generation des Mobilfunks und neuer, extrem schneller Übertragungsstandard. Er ist zwingende Voraussetzung für die Anwendungsbereiche der Zukunft, Deutschland hinkt hier hinterher

Puh! Gerade noch einmal davongekommen. Die Wirtschaft ist - trotz Dieselaffäre, Brexit, Trump und Co. - doch noch nicht abgestürzt. Ja, wir sind schwächer gewachsen als erwartet. Aber hey, wir sind immer noch ganz oben. Wirklich?

Die Bekanntgabe der Konjunkturdaten gleicht inzwischen einem Ritual, in etwa so, wie man sich die Aufsichtsratssitzung eines gediegenen Familienunternehmens vorstellt, Marke "gut situiert und satt". Der Patriarch sagt: "Wir waren wieder mal gut. Nicht so gut wie sonst, aber besser als die anderen." Und alle nicken. Der eine murmelt "Brexit", der andere sagt "Steuern". Und danach geht es weiter wie vorher.

Interessant ist, was nicht gesagt wird

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH. Mit neun Büchern (u.a. "Radikale Innovation", "Digitale Disruption") und mehr als 100 Fachartikeln ist er einer der engagiertesten Innovationsvordenker im deutschsprachigen Raum. Er berät mittelständische Unternehmen und Konzerne.
    www.jens-uwe-meyer.de

Genau so fallen die Reaktionen auf Konjunkturdaten aus. Freude über leicht gestiegene Investitionen in Ausrüstungen und Anlagen. Auch der Bauboom macht Freude. Der Chefvolkswirt der Commerzbank sieht Hoffnung für die gebeutelte Automobilbranche, der KfW-Chefvolkswirt macht für die schwächelnde Wirtschaft von der Grippe bis zum Niedrigwasser viele Faktoren verantwortlich. Und der Hauptgeschäftsführer der DIHK beklagt die hohe Steuerbelastung der Unternehmen und die weltweiten Handelskonflikte. Alles ebenso richtig wie erwartbar.

Viel interessanter ist, was die Experten so alles nicht kommentieren. "Wir müssen schauen, dass wir bei wichtigen Schlüsseltechnologien den Anschluss nicht verlieren, sei es beim Thema Künstliche Intelligenz oder beim autonomen Fahren." Dieser Satz stammt nicht von einem Visionär, sondern von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in seiner aktuellen Ausgabe der "Schlaglichter der Wirtschaftspolitik". Und danach noch eine Ohrfeige für die deutschen Unternehmen: "Dabei brauchen wir auch den Mut, Neues auszuprobieren." Aua. Gut, sein eigenes Ministerium ist auch nicht unbedingt die Quelle für große Visionen, aber sei es drum.

Wir brauchen ein digitales Wirtschaftswunder.

Ja, es wurde immer wieder angesprochen. Und man kann es nicht mehr hören. Wir sind dabei, das Thema Digitalisierung zu verschlafen. Herrje, ja, das wissen wir doch. Dummerweise wird es nicht besser, wenn man sich die Ohren zuhält und auf Durchzug schaltet. Die Studie "Digitalisierungsindex Mittelstand 2018" kann man auf zwei verschiedene Arten lesen: "35 Prozent der Unternehmen erzielen durch Digitalisierungsmaßnahmen eine Umsatzsteigerung." Das kann man positiv werten. Man könnte aber auch sagen: 65 Prozent aller Unternehmen haben bis heute nicht herausgefunden, wie man mit Digitalisierung Geld verdient.

PwC kommt in einer Studie zum Ergebnis, dass Deutschland der steuerlich unattraktivste Standort für Digitalinvestitionen ist. In Zahlen ausgedrückt: Von 33 bewerteten Ländern liegt Deutschland auf Platz 33.

"Ja, mein Gott, Herr Meinungsmacher, es geht doch trotzdem." Ja, noch.

Was dem "Geschäftsmodell Deutschland" fehlt, ist eine klare Innovationsstrategie. Eine Vision für das postindustrielle Zeitalter, in dem Maschinen nicht nur Güter, sondern auch Daten produzieren. Eine Vision für das Jahrzehnt der disruptiven Innovation, in dem das Internet der Dinge Realität wird. Und in dem Algorithmen nicht nur einfache Arbeiten übernehmen, sondern wie beim Projekt "Nextrembrandt" sogar kreative Aufgaben. Was fehlt, ist der Anspruch, von Platz 33 wenigstens unter die ersten fünf zu kommen.

Warum 5G zum Hindernis für die Wirtschaft werden kann

Nur eines von vielen Beispielen: Anfang Dezember haben drei südkoreanische Netzanbieter gemeinsam das 5G-Netz ihres Heimatlandes gestartet, die nächste Generation des Mobilfunks. LG Uplus, einer der Anbieter, hatte Anfang Dezember 2018 schon 4100 Basisstationen in Betrieb. Korea Telecom versorgte zum gleichen Zeitpunkt Seoul und sechs andere Metropolregionen.

Und Deutschland? 2020 soll die kommerzielle Vermarktung starten. Vodafone und die Deutsche Telekom haben ihren Testbetrieb gestartet. In Berlin standen im Herbst 2018 immerhin schon fünf Antennen der Deutschen Telekom. Wow!

Auch wenn der Vergleich wehtut: In Korea wurden Ende vergangenen Jahres mehr Städte durch 5G kommerziell versorgt, als die Deutsche Telekom 5G-Testantennen in Berlin hatte.

Warum uns das wurmen sollte? Weil 5G nicht einfach nur schnelles Internet ist. Sondern die zwingende Voraussetzung für die Anwendungsbereiche der Zukunft. Wenn Sie in der Presse über 5G lesen, wird meistens vom ultraschnellen mobilen Breitband geredet (Enhanced Mobile Broadband). Das ist schön, weil YouTube noch schneller flackert und Netflix endlich überall verfügbar ist. Viel wichtiger aber sind die beiden anderen Anwendungsbereiche, die das Informationszentrum Mobilfunk so beschreibt: "Die Kommunikation zwischen Maschinen und Anwendungen (Massive Machine Type Communications, M2M) sowie ein Hoch-Zuverlässigkeitsnetz mit kurzen Antwortzeiten (Ultra-Reliable and Low Latency Communications)."

Wir haben keinen Plan B

Und nun das Problem: Auf diesen Standards beruhen praktisch alle Anwendungen, die in Zukunft unsere Wirtschaft beeinflussen. Autonomes Fahren, die Vernetzung von Waren und Gütern im Internet der Dinge, mobile Robotikanwendungen etc. Diese Anwendungen müssen entwickelt werden. Das geht gerade noch ohne 5G. Aber sie müssen auch getestet werden: Wie reagieren die Anwendungen in der Praxis? Wie wir bei den Diskussionen um das autonome Fahren sehen, ist das nicht immer einfach. Dass die Google-Tochter Waymo mit ihren mobilen Fahrzeugen Fahrgäste verärgert, weil die autonomen Autos so defensiv fahren, dass sie bei Problemen einfach stehenbleiben, findet man eben erst in der Praxis heraus.

Wer wird in den kommenden Monaten die Gelegenheit haben, neue Produkte und Anwendungen auf 5G-Basis in der Praxis zu testen? Südkorea. Wer nicht? Wir.

Das macht heute keine Probleme, denn schließlich sind unsere Volkswirte und Verbandsvertreter damit beschäftigt, über die Autokonjunktur, die Grippe, das Niedrigwasser, die hohe Steuerbelastung und die Handelskonflikte zu sprechen. Aber es wird zum Problem werden. So wie der Elektronikhändler Mediamarkt, über dessen problematische Zukunftsstrategie ich 2012 schrieb, die Folgen erst heute zu spüren bekommt.

Und so werden wir die Folgen unser heutigen Trägheit im kommenden Jahrzehnt zu spüren bekommen. Wir werden uns fragen, warum die neuen Produkte und Lösungen aus Südkorea und nicht aus Deutschland kommen. Wir werden zurückblicken und sagen: "Haben wir Anfang 2019 wirklich über Grippewelle und Niedrigwasser statt über Fortschritt gesprochen?" Wenn wir über die deutsche Konjunktur sprechen, müssen wir das echte Problem thematisieren: Wir haben - gesamtwirtschaftlich gesehen - keinen Plan B.

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