Mittwoch, 23. Oktober 2019

Turbulenzen in deutscher Wirtschaftsstatistik Wie Pauschalreisen neuerdings die Inflation verzerren

Urlauber auf Mallorca

Die Liebe der Deutschen zum Pauschalurlaub gefährdet die wirtschaftspolitische Steuerung der Euro-Zone - das zumindest schreibt die "Financial Times". Die Folgerung ist reichlich überspitzt, doch das Blatt weist auf eine interessante Entwicklung hin: Die deutsche Inflationsstatistik ist deutlich weniger verlässlich als früher.

Hintergrund ist eine Methodenänderung des Statistischen Bundesamts (Destatis). Seit diesem Jahr werden Sommer- oder Winterreiseziele zu jeder Jahreszeit mit gleichem Gewicht im Preisindex abgebildet. Früher wurde das Mallorca-Paket im Winter, wenn es wenig genutzt wird, weniger stark eingerechnet - und damit kam der typische Preisaufschlag im Sommer rechnerisch kaum vor.

Kehrseite davon ist jedoch, dass das auf den gesamten Verbraucherpreisindex durchschlägt - und der damit an Aussagekraft verliert. "Preisunterschiede im Laufe eines Jahres von über 50 Prozent sind dabei keine Seltenheit", weiß Destatis. Das war auch früher so. Nach der neuen Methodik sind diese starken Schwankungen aber bis in den Gesamtindex spürbar, der zu 2,7 Prozent aus den Preisen für Pauschalreisen berechnet wird.

Im April erreichte die deutsche Inflationsrate mit 2,0 Prozent die Zielmarke der Europäischen Zentralbank für Preisstabilität. Man könnte also denken, für die deutsche Wirtschaft wäre eine straffere Geldpolitik angezeigt, um die Preise wieder unter Kontrolle zu bringen. Tatsächlich war maßgeblich ein ganz normaler saisonaler Faktor am Werk: die Osterferien. In den Folgemonaten beruhigte sich der Index auch wieder, um nach den jüngsten Juli-Daten wieder um 1,7 Prozent zu steigen. Klar: Sommerferien.

Als Maßstab für die Geldpolitik werde die Statistik aus der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone damit unbrauchbar, warnen von der "Financial Times" zitierte Ökonomen.

Zugleich haben sie jedoch einen einfachen Ausweg parat, den die Entscheider von der Europäischen Zentralbank wohl auch ohne diesen Rat finden würden: sich stärker auf Inflationsdaten stützen, die von vornherein weniger Störsignale enthalten. So wie die US-Zentralbank Federal Reserve, die sich an einem Kerninflationsindex orientiert, aus dem auch notorisch stark schwankende Energie- oder Nahrungsmittelpreise herausgerechnet werden. Was übrig bleibt, sagt dann mehr über die tatsächliche Preisdynamik in der Gesamtwirtschaft aus.

Die EZB hält zwar an der Gesamtinflation als Maßstab fest, begründet ihre Entscheidungen aber schon seit Jahren mit den am Finanzmarkt gemessenen Inflationserwartungen über die kommenden fünf Jahre - auch da ist das scharfe Auf und Ab oft zufälliger Entwicklungen geglättet.

Nützlich könnten die von Destatis gemessenen Verbraucherpreise auf Pauschalreisen immer noch sein: für Reisende, die nicht auf die Hochsaison angewiesen sind und anhand des Index ablesen, ob sie im Frühjahr oder Herbst auf den Balearen einen guten Deal machen.

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