Daniel Stelter

Wachstumskrise in Europa Wie man Firmen zu mehr Investitionen motiviert

Mehr Investitionen können die Wachstumskrise in Europa beenden. Doch staatlich finanzierte Programme führen in die Irre. Unternehmen, die auf enormen Geldreserven sitzen, scheuen Investitionen. Dabei wäre es einfach, sie zu mehr Investitionen zu bewegen.
Unternehmen in Europa sitzen auf enormen Geldreserven. Mit den richtigen Anreizen könnten Staaten sie davon überzeugen, es zu investieren

Unternehmen in Europa sitzen auf enormen Geldreserven. Mit den richtigen Anreizen könnten Staaten sie davon überzeugen, es zu investieren

Foto: Marcus_F¸hrer/ picture-alliance / dpa

Hamburg - Die Regierungschefs von Frankreich und Italien, Francois Hollande und Matteo Renzi fordern mehr Investitionen in Europa. Jean Claude Juncker, der neu gekürte Kommissionspräsident, pflichtet ihnen bei und plant ein mindestens 300 Milliarden großes Investitionsprogramm. Die Hoffnung bei allen Dreien: Durch mehr schuldenfinanzierte Nachfrage die Wirtschaft auf Trab bringen, damit diese endlich wieder schneller wächst, als der Schuldenberg.

Kommentatoren, vor allem aus dem angelsächsischen Raum, pflichten ihnen bei: Sollen die Staaten doch das günstige Zinsniveau dazu nutzen, um mit billigen Krediten im großen Stil Ausgabenprogramme zu fahren. Nur so ließe sich die Stagnation überwinden. Sobald die Wirtschaft wieder brummt, dürfte es demnach ein Kinderspiel sein, die Schulden zu bedienen. Ein verlockender Gedanke.

Das Problem daran ist nur, dass es genau jenen Rezepten entspricht, die erst zu den untragbaren Schuldenlasten geführt haben. Noch jedes Mal wurde die Hoffnung enttäuscht, die Wirtschaft könne so deutlich stimuliert werden, dass sie schneller wächst als die Schuldenlast. Was bleibt, ist ein Zeitgewinn und vor allem eine Umverteilung zu jenen, die als erstes Zugriff auf die neuen Mittel gehabt haben. Und höhere Schulden.

Doch es geht auch anders. Das Wachstum in einer Volkswirtschaft wird in Summe von vier Sektoren bestimmt:

  • Die privaten Haushalte mit Konsum
  • Die Unternehmen mit Investitionen
  • Der Staat mit Konsum und Investitionen
  • Der Außenhandel mit Überschuss (= die Inländer sparen mehr als sie ausgeben) oder Defizit (= die Inländer konsumieren mehr als sie einnehmen)

Woher also soll das Wachstum in Zukunft kommen?

Strategie für Europa fehlt

Wir in Deutschland konzentrieren uns seit Jahren auf den Außenhandel, zu Lasten von Konsum und Investitionen im Inland. In der Folge verfällt unsere Infrastruktur und der Lebensstandard liegt tiefer, als er eigentlich wäre, würden wir einen ausgewogenen Außenhandel haben.

Die Ersparnisse, die wir durch die Anhäufung von Überschüssen bilden, investieren wir zudem schlecht - in US-Schrottimmobilien oder als Lieferantenkredite an die heutigen Krisenländer Europas. So falsch die einseitige Fokussierung auf den Außenhandel in Deutschland ist, so wenig taugt diese Strategie für Europa als Ganzes. Wir müssen andere Wege finden, die Nachfrage zu beleben.

Die Nachfrage der privaten Haushalte könnte in einigen Ländern Europas wie vor allem Deutschland in der Tat ein wichtiger Ansatzpunkt sein, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stärken. Wir Deutsche sind im Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn noch relativ gering verschuldet und sparen auch noch mehr.

Die Lohnsteigerungen der letzten Monate sollten zusätzlich die Konsumnachfrage beleben. Gegen einen deutschen Konsumboom spricht jedoch die Überalterung der Gesellschaft. Nicht nur müssen wir wegen der tiefen Zinsen eher mehr als weniger für die Altersversorgung zurücklegen. Ältere Menschen haben ohnehin eine geringere Konsumneigung.

Unternehmen in Europa sitzen auf Geldbergen und investieren wenig

In den anderen Ländern Europas kämpfen die privaten Haushalte mit den Folgen des Verschuldungsbooms der letzten Jahrzehnte. Hier ist Sparen angesagt und kein weiterer Konsum. Die rekordhohe Arbeitslosigkeit dämpft die Nachfrage zusätzlich. Die Hoffnung auf eine Belebung der privaten Nachfrage dürfte demzufolge enttäuscht werden, außer es käme wirklich zu direkten finanziellen Hilfen für die Haushalte - etwa durch eine wie der direkten Überweisung der EZB an jeden Bürger der Euro-Zone. Und soweit gehen EZB und Politik nicht. Noch nicht.

Verbleiben die Unternehmen. Es war die Meldung der letzten Woche: die Unternehmen in Europa schwimmen im Geld. Wie auch die Mitbewerber in den USA weisen die europäischen Großkonzerne enorme Liquiditätsreserven aus. Während die Staaten unter hohen Schulden leiden und versuchen, Sparprogramme in die Wege zu leiten, und die privaten Haushalte ebenfalls dabei sind, ihre Schuldenlast in den Griff zu bekommen, erfreuen sich die Unternehmen einer guten bis sehr guten Rentabilität und erheblichen Mittelzuflüssen. Dennoch wird immer weniger investiert, was die Erholung aus der Krise erschwert.

Weshalb ist das so? Billiges Geld und hohe Profite sollten doch Anreiz genug für Investitionen sein? Die Ursachen sind struktureller und konjunktureller Art.

Die Zeit ist reif für ein neues Modell

Maue Wachstumsaussichten: Aus Sicht von Unternehmen ist Europa unabhängig von der akuten Krise nur moderat attraktiv. Die Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten schrumpfen, was nur geringe Nachfrage und Wachstumsraten erwarten lässt. Vielversprechender sind die aufstrebenden Gesellschaften vor allem in Asien. Je näher man an diesen Märkten produzieren kann, desto besser, gerade auch mit Blick auf den sich bereits abzeichnenden Fachkräftemangel in Europa.

Alte Industrien: Gerne vergessen wir angesichts von Exporterfolgen und großen Namen, dass die Kernindustrien Deutschlands aber auch Europas noch aus dem 19. Jahrhundert stammen: Auto, Chemie, Elektrotechnik sind Industriezweige, in denen Europa über mehr als 100 Jahren eine führende Position erarbeitet hat. Diese Industrien sind gekennzeichnet durch geringes Wachstum, hohe Eintrittsbarrieren und zunehmende Konsolidierung.

Die zwangsläufige Folge: Investitionen lohnen sich nur beschränkt. Zudem stehen die traditionellen Industrien vor einer fundamentalen Herausforderung. Die zunehmende Digitalisierung droht, bestehende Wettbewerbsvorteile zu zerstören und bestehende Wertschöpfungsketten neu zu definieren. Eine Welt, in der immer mehr Roboter Aufgaben wahrnehmen und 3-D-Drucker wiederum 3-D-Drucker herstellen, die dann Produkte direkt beim Kunden produzieren (sofern sie nicht mit Drohnen ausgeliefert werden), wird ein gänzlich anderes Wettbewerbsumfeld darstellen.

Dezentrale Energieerzeugung wird Energieversorger, wie wir sie heute noch kennen, obsolet machen. Die heutigen Marktführer stehen vor existenziellen Herausforderungen. Nicht, dass sie diese nicht bewältigen könnten - doch die Geschichte ist reich an Unternehmen, denen dies eben nicht gelungen ist.

Riskante Investitionen: Es ist immer riskanter, in neue Dinge zu investieren, als Bestehendes durch Effizienzprogramme und Kostensenkung zu optimieren. Zunehmend führen Innovationen zu einer "winner-takes-it-all"-Situation. Die Innovationen, die Erfolg haben, sind so durchschlagend, dass sie Märkte erobern und neu definieren - aber selten. Und nicht finanzielle Mittel entscheiden nicht über den Erfolg, sondern Kreativität und Bereitschaft, dass Bestehende fundamental in Frage zu stellen. Weil es wenig wahrscheinlich ist, eine solche Innovation zu tätigen, geben die Unternehmen lieber gleich weniger für Innovation aus.

Falsche Anreizsysteme: Die Anreizsysteme für Manager fokussieren auf kurzfristige Ergebnisse, nicht langfristige Wertsteigerung. Insofern verhält sich die Wirtschaft nicht viel anders als die Politik. Hier die Aktionäre, dort die Wähler. Und alle gemeinsam nur kurzfristig orientiert. Folglich sind Aktienrückkäufe, Dividenden und Firmenübernahmen attraktiver als Investitionen mit unsicheren Aussichten. Interessanter Weise liegen die Investitionsquoten von nicht an der Börse gelisteten Unternehmen höher - offensichtlich haben die Eigentümer dieser Unternehmen einen längeren Atem was die Investitionen betrifft.

Unausgelastete Kapazitäten: Auch sechs Jahre nach Beginn der Finanz- Wirtschafts- und Euro-Krise liegt das reale BIP in den meisten Ländern noch deutlich unter dem Trendwachstum von vor der Krise, und die Kapazitäten sind nicht ausgelastet. Kein Grund zu investieren.

Hohe Schulden: Dabei muss man wissen, dass die Unternehmen nicht nur viel Geld haben (die 2000 größten Unternehmen der Welt rund 4,5 Billionen US-Dollar), sondern auch hohe Schulden (11 Billionen), weshalb die Nettoverschuldung zwar tiefer liegt als zum Höhepunkt 2007, aber relativ zum Marktwert des Eigenkapitals (so wird der "Leverage" berechnet) auf ähnlich hohem Niveau wie damals. In Europa dasselbe Bild: Zwar sind die Schulden gesunken (von 3,7 Billionen in 2008 auf 2,8 in 2013), aber relativ zum Wert aller Assets ist die Verschuldung unverändert.

Zunehmende politische Unsicherheit: Die wirtschaftliche und politische Unsicherheit hat in den letzten Jahren eher zu- als abgenommen in den letzten Jahren: Euro-Krise, Ukrainekonflikt, Nahostkrise, Energiewende in Deutschland. Alle diese Faktoren führen zu Unsicherheit und damit Investitionszurückhaltung.

Wenn nun Privathaushalte einen zu hohen Schuldenstand abbauen müssen ("deleveraging") und der Staat tendenziell das selbe tut, verbleiben nur der Außenhandel (mehr exportieren als importieren) und der Unternehmenssektor (mehr investieren), um den Nachfragerückgang der anderen Sektoren aufzufangen. Wenn in einer solchen Situation, Unternehmen statt zu investieren, ebenfalls sparen, fällt die Anpassung nur auf den Außenhandel oder aber die Wirtschaft gerät in eine Rezession und der Staat verfehlt sein Sparziel wegen fallender Steuereinnahmen und steigenden Sozialkosten.

Investitionen der Firmen steuerlich fördern - oder ihnen die Infrastruktur überlassen

Investitionen statt Ausschüttungen fördern

Insofern ist es eine ungesunde Anomalie, dass der Unternehmenssektor trotz Rekordgewinnen spart und die Staaten weiterhin Defizite machen.

Eine Lösung kann darin liegen, die Investitionen der Unternehmen zu fördern. Über steuerliche Bevorteilung von Investitionen gegenüber Ausschüttungen und Aktienrückkäufen, über verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten.

Bleibt es bei der derzeitigen Situation, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Staaten auch im Unternehmenssektor die Steuerschraube wieder anziehen. So gesehen ist es im Unternehmensinteresse, dass Geld lieber im eigenen Geschäft zu investieren.

Doch vielleicht ist die Zeit auch reif für ein ganz anderes Modell: dem Privatsektor die Investitionen auch im Bereich der öffentlichen Infrastruktur zu überlassen. Geld und Kompetenz ist dort vorhanden. Vernünftige Regulierung vorausgesetzt, kann sich daraus eine Win-Win Situation ergeben.

Diesen Text veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung von Daniel Stelter, beyond the obvious .

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