Konsum Kaufen, kaufen, kaufen

Die Kauflaune der deutschen Konsumenten ist gut wie seit Jahren nicht, sie hat Deutschland vor einer Rezession bewahrt. Doch der Konsum-Boom hat eine Kehrseite: Immer mehr Menschen kaufen auf Pump - auch wenn sie es sich nicht leisten können.
Ratenkredite: Mehr als jeder vierte Haushalt nutzt sie bereits regelmäßig, um Konsumgüter anzuschaffen

Ratenkredite: Mehr als jeder vierte Haushalt nutzt sie bereits regelmäßig, um Konsumgüter anzuschaffen

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Hamburg - Amerikaner und Deutsche sind sich einig: Es ist Shopping-Zeit. Das legen jedenfalls aktuelle Studien von Marktforschungsinstituten diesseits und jenseits des Atlantik nahe: Sowohl in den USA als auch in Deutschland ist das Konsumklima so gut wie seit fünf Jahren nicht mehr, melden die GfK in Deutschland und das Conference Board in den USA. Von Konjunkturflaute, Schuldenkrise, Fiskalklippe und selbst von Diskussionen über Steuererhöhungen lassen sich Verbraucher hüben wie drüben nicht irritieren: Sie kaufen ein, als hätte es die Krise nie gegeben. Und helfen so der lahmenden Konjunktur ihrer Heimatländer auf die Sprünge.

Für die USA ist das nicht ungewöhnlich. Ökonomen und Anleger warten hier stets mit angehaltenem Atem auf die neuesten Zahlen zum Verbrauchervertrauen, denn die konsumfreudigen Privathaushalte tragen 70 Prozent zur US-Wirtschaftsleistung bei. Sie zeigen sich oft selbst in Krisensituationen erstaunlich kauffreudig - zur Not kaufen sie eben auf Pump.

Die deutschen Konsumenten hingegen gelten nicht gerade als Konjunkturtreiber, im Gegenteil. Hierzulande blicken Konjunkturforscher traditionell vor allem auf die Entwicklung des Exports, der den Löwenanteil zur Wirtschaftskraft und zur Dynamik der konjunkturellen Entwicklung beiträgt. Der Binnenkonsum dagegen ist üblicherweise das Sorgenkind der Ökonomen. Die Deutschen sparen lieber, statt zu konsumieren, heißt es. Noch im vergangenen Jahr kanzelte die Vorsitzende des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, die deutsche Bundesregierung ab: Deutschland tue nicht genug, um seinen Binnenkonsum anzukurbeln und schwäche so die Exporteure anderer Länder.

Dabei hat sich der private Konsum im Inland im Verlauf der Finanz- und Wirtschaftskrise immer mehr zur Konjunkturstütze gemausert. Auch im ersten Quartal 2013 verdankt die deutsche Wirtschaft es nur der ungewöhnlich großen Kauflust der Verbraucher, dass sienicht in eine Rezession gerutscht ist. Allerdings hat der dynamische Zuwachs beim Konsum auch eine Schattenseite: Er ist zu einem immer größeren Anteil auf Pump finanziert.

Mehr als jeder vierte Haushalt nutzt Ratenkredite

Während sich Unternehmen angesichts der unsicheren konjunkturellen Entwicklung zurzeit kaum bei ihren Banken blicken lassen und Investitionen lieber aus eigener Kasse finanzieren, werden Privathaushalte offenbar besonders häufig bei ihren Banken vorstellig. Kreditinstitute konnten das Neugeschäft mit Privatkunden 2012 um 4,5 Prozent auf 37,3 Milliarden Euro steigern.

Der private Konsum ist im selben Zeitraum um nur 0,7 Prozent gewachsen - die Kreditaufnahme für Konsumgüter wächst folglich stärker als der Konsum selbst. 2013 dürfte sich dieser Trend fortsetzen. Das zeigen Zahlen des Bankenfachverbands, in dem 60 Kreditinstitute organisiert sind. Der Fachverband erklärt die Banken zum eigentlichen Konjunkturmotor: Viele Warenkäufe seien überhaupt nur wegen eines entsprechenden Kreditangebots zustande gekommen. Das Geschäft der Kreditbanken habe sich deutlich besser entwickelt als die entsprechenden Absatzmärkte.

Dabei werden vor allem Ratenkredite beliebter: Mehr als jeder vierte Haushalt nutzt sie bereits regelmäßig, um Konsumgüter anzuschaffen. Die Ratenkredite werden immer häufiger direkt beim Einzelhändler vor Ort abgeschlossen. Die Angebote für Konsum auf Pump sind allgegenwärtig - sei es der "Null-Prozent-Kredit" beim Elektronikhändler, die "Mini-Raten" beim Möbelkauf oder das "Super-Niedrigzins-Angebot" im Küchenstudio.

Im Jahr 2012 wurden 7,7 Millionen neue Ratenkredite geschlossen, das sind 514.000 mehr als noch im Vorjahr, zeigt der Schuldenkompass der Bonitätsauskunft Schufa. Ein noch stärkerer Wachstumstreiber für das Geschäft mit Ratenkrediten sind Online-Finanzierungen, die 2012 um 17,3 Prozent auf 3,5 Milliarden zugenommen haben. Bundesweit werden bereits sieben Prozent der Ratenkredite über das Internet geschlossen. Kreditanbieter haben sich an der Kasse oder am Online-Warenkorb etabliert.

Waschmaschine auf Raten

Besorgniserregend finden Branchenvertreter den Trend zum Konsum auf Pump nicht, im Gegenteil. Kredite haben nach Ansicht des Bankenfachverbandes sogar einen positiven erzieherischen Effekt: "Kredit ist für viele Verbraucher eine Hilfe zur Selbstdisziplin", erklärt Peter Wacket, Geschäftsführer des Bankenfachverbandes. Schließlich gab jeder zehnte Verbraucher in einer Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK im Auftrag des Bankenfachverbandes an, dass ihm die Disziplin zum Sparen fehle: "Sparen ist etwas, das ich nicht kann" ist eine der häufigsten Antworten in der Studie.

Ein Drittel der Verbraucher sagt zudem, dass schlicht die finanziellen Mittel zum Sparen fehlen, da die gesamten Einkünfte für die Lebenshaltung benötigt würden. "Viele Verbraucher sind auf Kredite angewiesen, um sich Autos oder Möbel anzuschaffen", schlussfolgert Wacket. Wer nicht sparen kann, nimmt eben einen Kredit auf.

Verbraucherschützer können darüber nur den Kopf schütteln. "Genau diese Fehleinschätzung treibt Verbraucher in die Überschuldung. Wenn ich nicht jeden Monat 100 Euro zur Seite legen kann, kann ich mir auch keine Kreditraten von 100 Euro im Monat leisten", sagt Frank Lackmann, Experte für Kredit und Entschuldung der Verbraucherzentrale NRW. Bei den Schuldnerberatungen der Verbraucherzentralen häufen sich Fälle, in denen solche Ratenkredite direkt in die Überschuldung führten - die laufenden Einnahmen reichen nicht mehr aus, um den Schuldendienst zu leisten. "Vor allem die aggressiv beworbenen sogenannten Null-Prozent-Finanzierungen sind inzwischen allgegenwärtig und werden vor allem für Geringverdiener zu einer normalen Art der Konsumfinanzierung."

Junge Menschen und Berufseinsteiger ließen sich von den Ratenkrediten besonders häufig zu Investitionen verlocken, die sie sich eigentlich nicht leisten können, sagt Verbraucherschützer Lackmann. Für viele Geringverdienerfamilien sei es normal, die klamme Zeit bis zum Monatsende mit einem Konsumentenkredit zu überbrücken, die neue Waschmaschine auf Raten zu kaufen und den Familienurlaub mit Kreditraten abzustottern.

Kreditkartenzinsen von 15 Prozent und mehr

Die größte Gefahr der Kreditangebote an der Händlerkasse sei, dass die Hemmschwelle zur Kreditaufnahme sinke. "Zur Bank zu gehen und zu sagen: Ich brauche einen Kredit, das ist etwas anderes als an der Kasse zu sagen: Ich möchte gerne in Raten zahlen." Versteckte Kosten der Kreditverträge, etwa durch einen höheren Produktpreis, würden dabei leicht übersehen. "Neuerdings beobachten wir außerdem, dass im Kleingedruckten beim Ratenkaufvertrag gleich auch ein Kreditkartenangebot einer Bank versteckt ist", berichtet Lackmann.

Zwei Wochen nach dem Kauf des neuen Kühlschranks trudele die Kreditkarte mit einem Rahmen von mehreren tausend Euro dann beim Kunden ein. "Diese Karten sind nach dem Prinzip amerikanischer Kreditkarten gestaltet: Die abgerufene Summe wird nicht am Monatsende eingezogen, sondern kann in Raten abgestottert werden. Allerdings zu Zinssätzen von 15 Prozent und mehr", warnt der Verbraucherschützer. Beim nächsten finanziellen Engpass kommt der Ratenkäufer dann vielleicht in Versuchung, die Kreditkarte zu nutzen - ein lukratives Geschäft für die Bank. Doch der Konsument rutscht immer tiefer in die Schulden.

Rund 6,6 Millionen Deutsche sind überschuldet, zeigen Erhebungen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Das sind 200.000 Menschen mehr als noch im Jahr 2011 - und das, obwohl die Arbeitslosigkeit sinkt. "Das Grundproblem ist, dass wir immer mehr Menschen haben, die prekär beschäftigt sind - also geringe Gehälter haben, nur befristete Arbeitsstellen", sagt Lackmann. Das betrifft besonders oft junge Berufseinsteiger. 28,5 Prozent der überschuldeten Bundesbürger sind jünger als 31 Jahre, zeigt eine Auswertung des Wirtschaftsinformationsdienstes Bürgel.

Kein Wunder, findet Verbraucherschützer Lackmann: "Gleichzeitig steigen vor allem in größeren Städten die Mieten, auch die Belastung durch höhere Energiekosten trifft vor allem Gering- und Durchschnittsverdiener." Aus einem Durchschnittseinkommen sei es oft kaum noch möglich, Rücklagen zu bilden. "Trotzdem wollen sich die jungen Leute natürlich etwas aufbauen, die Wohnung einrichten, sich auch einmal etwas leisten." Wird der Arbeitsvertrag nicht verlängert oder es kommen hohe unerwartete Ausgaben durch Scheidung oder Krankheit hinzu, sitzen die Verbraucher schnell finanziell in der Klemme und können ihre Ratenkredite nicht mehr bedienen. Wenn dann die Zahlungen ausbleiben, trifft das auch die Unternehmen, die den Kredit als Marketinginstrument nutzen, um ihre Ware an den Mann zu bringen.

Kredit früher verpönt, heute Normalität

Es sind allerdings nicht die Niedrigzinsangebote der Kreditbanken allein, die den Trend zum Konsum auf Pump verursachen, sagt Michael-Burkhard Piorkowsky, Professor für Haushalts- und Konsumökonomik an der Universität Bonn: "Die aktuell niedrigen Zinsen verstärken den Trend, aber einen Mentalitätswandel beobachten wir schon länger." Die Grundhaltung zum Sparen und zur Kreditaufnahme verändere sich. "Ein Konsumentenkredit zur Finanzierung kurzfristigen Konsums war früher verpönt. Inzwischen ist er für einen Teil der Bevölkerung der Normalfall."

Gleichzeitig gebe es nach wie vor viele Menschen, für die es ein Ideal sei, schuldenfrei zu leben. "Die sind stolz, wenn sie mit einem Bündel Bargeld in der Hand zum Autohändler gehen und Cash zahlen können", sagt Piorkowsky. Diese Zweiteilung zeigt auch eine Analyse der Bundesbank zur Finanzierung privater Haushalte: 35 Prozent der Haushalte haben mindestens einen unbesicherten Kredit, also zum Beispiel Konsumentenkredite oder revolvierende Kreditkartenschulden.

Immerhin 50 Prozent der deutschen Haushalte haben hingegen keinerlei Schulden. "Der Trend geht allerdings erkennbar dahin, dass die Leute sagen: Warum soll ich warten und sparen, wenn ich meinen Wunsch auch jetzt per Kredit verwirklichen kann", sagt Piorkowsky.

Der Konsumforscher geht davon aus, dass die Schuldenpolitik der Staaten eine Rolle bei diesem Mentalitätswandel spielt. "Es ist inzwischen der absolute Normalfall, dass Staaten sich über Kredite finanzieren. Ich bin mir sicher, dass diese Schuldenmentalität auch auf die privaten Akteure abfärbt."

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