Sonntag, 21. April 2019

Deflation Schweden verliert Status als Musterland

Sehnsuchtsort: Astrid-Lindgren-Kulisse in Südschweden

Heile Welt im Pippi-Langstrumpf-Land? Nicht mehr. Das als Modellökonomie viel gepriesene Schweden rutscht in die Deflation, damit droht die Schuldenfalle zuzuschnappen. Die wirtschaftliche Führung muss Häme eines "Zinsrebellen" aushalten.

Hamburg - Erst ging es sanft abwärts. Dann fiel die Rate zum Jahreswechsel auf Null. Im Februar knapp darunter, im März schließlich auf minus 0,6 Prozent. Die Verbraucherpreise in Schweden fallen. Das Land erlebt bereits die Deflation, die in der Euro-Zone befürchtet wird.

Für Lars Svensson kommt die Stunde, in der seine Warnungen sich als berechtigt erweisen. Der Stockholmer Ökonom, vor einem Jahr im Streit aus dem Rat der Reichsbank ausgeschieden, erklärt in seinem Blog: "Die Deflation wurde von der seit Sommer 2010 von der Reichsbank verfolgten Politik des knappen Geldes verursacht." Als Folge müssten sich die Schweden auf eine steigende Schuldenlast und wachsende Arbeitslosigkeit einstellen.

Für Schwedens Führung, die ihr eigenes Land als "Musterwirtschaft" mit geringer Staatsverschuldung und dynamischen Firmen bewirbt, ist es ein Debakel. Noch bis vor kurzem wurden der schnelle Wiederaufstieg aus der Weltwirtschaftskrise, das (auch nach schmerzlichen Erfahrungen in einer eigenen Finanzkrise Anfang der 90er Jahre) streng regulierte Bankensystem und der soziale Zusammenhalt weltweit gelobt. Plötzlich ist Schweden eines der europäischen Länder mit großer Arbeitslosigkeit, und das trotz der Flexibilität, die eine vom Euro unabhängige Währung mit sich bringt.

Reichsbankgouverneur Ingves: Inflationsrate "nicht so wichtig"

Reichsbankgouverneur Stefan Ingves erklärt in Pressekonferenzen neuerdings, die Inflationsrate sei "nicht so wichtig". Ingves und seine Zentralbankerkollegen haben es sich zum Markenzeichen gemacht, den Kampf gegen Spekulationsblasen ins Zentrum ihrer Geldpolitik zu rücken. Gegen weitere Zinssenkungen sperren sie sich vor allem mit Blick auf die stark gestiegenen Hauspreise. 2010 hatten sie die Zinsen allerdings unter Verweis auf die Inflation angehoben.

Gegen beides hatte sich Svensson, in der schwedischen Presse als "Zinsrebell" betitelt, aufgelehnt. Doch die konservative Mehrheit im Rat war sich ihrer Sache sicher. Der prominente US-Ökonom Paul Krugman nennt die schwedische Erfahrung "ein Schaubeispiel für Sadomonetarismus". Die Reichsbanker hätten alles ihrem Kult des harten Geldes unterworfen und dabei nicht nur die konventionelle Lehrbuchtheorie ignoriert, sondern auch den Rat "eines der weltweit führenden Makroökonomen und zudem besonderen Experten für Deflationsrisiken".

Krugman spricht hier nicht von sich selbst, sondern von einem früheren Kollegen an der Universität Princeton, der bereits in den 90er Jahren die Lehren aus Japans Dauerstagnation zog: Lars Svensson, dem herausgemobbten Zinsrebellen.

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