Dienstag, 23. Juli 2019

Sinkende Löhne, weniger Vermögen, höhere Belastung Die Mittelschicht schrumpft und zahlt

Das Geld wird knapp: Der Rückgang der Einkommen war explizit gewollt, um international wieder wettbewerbsfähig zu werden. Doch Folgeinvestitionen in Bildung und Innovation blieben aus

3. Teil: Höhere Belastung

Als wäre es nicht genug, dass der deutsche Mittelstand unter stagnierenden Löhnen und einer falschen Anlagestrategie leidet, so wird er auch noch deutlich höher mit Steuern und Abgaben belastet als in anderen Ländern der OECD.

Dies liegt vor allem daran, dass die Steuerschraube bereits bei ab Jahresbruttoeinkommen von 50.000 Euro drastisch angezogen wird. Eine zunehmend unrealistische Definition eines "Besserverdieners".

Die Belastung der Mittelschicht setzt sich bei der Inanspruchnahme öffentlicher Leistungen fort. So zahlt eine Familie mit einem brutto Jahreseinkommen von 80.000 Euro nicht selten deutlich mehr Kindergartenbeitrag als eine Familie mit 45.000 Euro Jahresbrutto.

Wer die Mittelschicht so belastet, darf sich nicht wundern, wenn sie schrumpft. Wollte die Politik dies ändern, müsste die Belastung deutlich gesenkt werden, damit es wieder möglich ist, aus eigener Kraft durch Arbeit und Sparen reich zu werden.

Starkes Wachstum im unteren Bereich

Angesichts dieses Umfelds darf man sich nicht wundern, wenn die Abwanderung aus der Mittelschicht ins Ausland weiter anhält. Wer kennt nicht die Ärzte und Ingenieure die lieber in der Schweiz oder den USA ihre Zukunft bauen? Auch wenn die Abwanderung in den letzten Jahren wegen der guten Konjunktur nachgelassen hat, führt dies zu einem relativen Rückgang der Mittelschicht.

Die Hauptursache für den bedauerten Rückgang der Mittelschicht dürfte jedoch im überproportionalen Anwachsen der unteren Einkommens- und Vermögensschichten liegen.

Ein einfaches Rechenbeispiel illustriert dies sehr gut. Gehen wir von einer Bevölkerung von 80 Millionen im Jahr 2000 aus und nehmen eine Verteilung 10/40/50 auf die obersten 10 Prozent, die Mittelschicht und die ärmere Bevölkerungshälfte an. Kommt es aufgrund der demografischen Entwicklung und der Abwanderung zu einem Rückgang der Bevölkerung um 15 Prozent, der ausschließlich durch ein Anwachsen in den unteren Einkommensregionen kompensiert wird, sinkt der Anteil der Mittelschicht von ehemals 40 auf nur noch 34 Prozent (ein Rückgang um 15 Prozent wäre dann die Schlagzeile!). Obwohl wir eine unveränderte Bevölkerungszahl haben, ist der Mix ein deutlich anderer.

Das starke Anwachsen der unteren Einkommensschichten als Folge von Zuwanderung und Umverteilung ist folglich ein wesentlicher Grund für die Abnahme der Mittelschicht. So gibt der Sozialstaat gerade im untersten Einkommensbereich den stärksten relativen finanziellen Anreiz Kinder zu bekommen. Das Familieneinkommen lässt sich so gerade für Nichtqualifizierte leichter und deutlicher steigern als über Arbeit. Dieser Anreiz dürfte mit ein Grund für die erschreckende Tatsache sein, dass immer mehr Kinder in Armut aufwachsen. Wobei Armut bekanntlich als Abweichung vom Mittel definiert ist.

Das die Politik hier durchaus andere Anreize setzen könnte, liegt auf der Hand. So hatte die US-Regierung unter der Führung von Bill Clinton ein Gesetz erlassen, wonach der Staat bei alleinstehenden Frauen maximal zwei Kinder finanziell unterstützt. In der Folge ging die Geburtenrate in dieser Gruppe deutlich zurück. Bevor man nun aufschreit und dies als eine unzulässige Einmischung in das Privatleben verteufelt, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass diese Kinder letztlich von der Mittelschicht über Umverteilung finanziert werden.

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