Montag, 16. September 2019

Wie der Boom am Arbeitsmarkt wirklich aussieht Teilzeit-Republik Deutschland - das ist das wahre Jobwunder

Pendler am Frankfurter Hauptbahnhof

3. Teil: Immer noch der größte Niedriglohnsektor Europas

Ob es wirklich so kommt, hängt vor allem von den Einkommen ab. Die Zahl der Minijobber schrumpft in der Statistik nur auf den ersten Blick: 4,64 Millionen gingen 2018 einer geringfügig entlohnten Beschäftigung (450-Euro-Job) im Hauptberuf nach, ein Minus von 1,6 Prozent dank Jobwunder. Zugleich hatten jedoch 2,91 Millionen regulär Beschäftigte noch einen Mini-Nebenjob - offenbar, weil das Geld in Teilzeit nicht reicht. Dass diese Zahl um 4,9 Prozent wuchs und damit auch das Minijob-Segment insgesamt, ist ein Warnzeichen.

Die Zahl der Aufstocker, die zusätzlich zum Erwerbseinkommen noch auf Hartz IV angewiesen sind, steht bei rund 1,1 Millionen. Die Hälfte davon ist eigentlich in sozialversicherter Beschäftigung, zumeist in Teilzeit. Deren Zahl stagniert seit Jahren, ähnlich wie der harte Kern von rund 800.000 Langzeitarbeitslosen offenbar nicht vom Boom profitiert.

Wie es um den Niedriglohnsektor insgesamt steht, lässt sich so aktuell nicht sagen. Immerhin gibt es neuerdings ausführliche Daten bis 2016 aus einer Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Demnach stagniert der Anteil der Niedriglöhner seit Jahren bei 22,7 Prozent der Beschäftigten - einer der höchsten Werte in der EU, übertroffen nur von wenigen osteuropäischen Staaten. In Ländern mit hoher Tarifbindung wie Schweden, Belgien oder Frankreich sind die Quoten einstellig.

Immerhin ist die Niedriglohnschwelle (von der OECD definiert als zwei Drittel des mittleren Lohnniveaus) in den vergangenen Jahren stark gewachsen, auf 10,44 Euro je Stunde 2016. Absolut gesehen dürften die Einkommen der Niedriglöhner also deutlich schneller wachsen als die der Normalverdiener - auch dank des 2015 eingeführten Mindestlohns, der jedoch mit aktuell 9,19 Euro weiterhin klar unterhalb dieser Schwelle liegt.

Für befristete Arbeitsverträge meldete das IAB einen steilen Anstieg bis 2017 (neuere Daten liegen noch nicht vor) auf den Rekordstand von 3,15 Millionen. Gut die Hälfte davon war ohne Sachgrund befristet - die Große Koalition hat sich also durchaus ein relevantes Problem am Arbeitsmarkt für ihren Reformplan vorgenommen, den Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in diesem Jahr verwirklichen will. Vor allem die so genannten Kettenbefristungen sollen begrenzt (nicht abgeschafft) werden. Laut IAB dürften einige Hunderttausend Fälle von dem neuen Gesetz erfasst werden.

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