Montag, 22. Juli 2019

Wie der Boom am Arbeitsmarkt wirklich aussieht Teilzeit-Republik Deutschland - das ist das wahre Jobwunder

Pendler am Frankfurter Hauptbahnhof

2. Teil: Bald mehr neue Teilzeit- als Vollzeitstellen

Auch die Zahl der marginal Beschäftigten schrumpft. Mit 5,3 Millionen (immer noch fast jeder Achte) ist laut IAB bald der niedrigste Stand seit 2002 erreicht. Es sieht fast wie eine Rückkehr zum Normalarbeitsverhältnis vor Gerhard Schröders Agenda 2010 aus. Allerdings ist der Begriff marginale Beschäftigung sehr weit gefasst - und auch unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten verbergen sich manche mit prekären Verhältnissen.

Besonders markant ist die Zunahme der Beschäftigten in Teilzeit. Während die Vollzeitjobs im Jahresvergleich um 1,8 Prozent zulegten, wuchs die Zahl der (sozialversicherten) Teilzeitkräfte um 2,8 Prozent auf 9,4 Millionen - fast 40 Prozent der Arbeitnehmer. Die IAB-Prognose hatte zuletzt jedoch eine noch stärkere Verschiebung in Richtung Teilzeit vorhergesehen als jetzt von der Statistik gemessen. 2019 sollen demnach erstmals mehr neue Teilzeit- als Vollzeitjobs entstehen. Die Zahl der Arbeitsstunden wächst dennoch im Gleichschritt mit der Zahl der Beschäftigten.

Der Arbeitgeberverband BDA argumentiert in einer Broschüre über "die Mär von der prekären Arbeitswelt", Teilzeit sei "fast immer aus privaten Gründen gewollt" - also kein Ausdruck negativen Drucks auf das Normalarbeitsverhältnis. Zum Jahreswechsel hat der Bund den Anspruch der Beschäftigten auf Teilzeitarbeit (genauer gesagt auf anschließende Rückkehr in Vollzeit) ausgeweitet. Mehr Teilzeit gilt als Fortschritt in Richtung Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Auf der anderen Seite vergrößert der Teilzeittrend die Kluft zwischen Männern und Frauen, die mehr als drei Viertel der Teilzeitjobs ausüben - die privaten Gründe heißen oft Kinder oder pflegebedürftige Angehörige. Für den Koblenzer Ökonom Stefan Sell ist das deutsche Jobwunder, wenn auch nicht absolut schlecht, doch "schlechter als sein Ruf", weil die sozialen Sicherungssysteme immer noch auf der Annahme jahrzehntelanger Vollzeitarbeit beruhten. Die vielen Teilzeitjobs vor allem im Einzelhandel oder dem Gastgewerbe seien "eine sichere Quelle für zukünftige Altersarmut".

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