Rückkehr der ABS Eine Hochqualitätsverbriefung, bitte!

Berühmt-berüchtigt seit der Finanzkrise, sind Asset-Backed Securities plötzlich wieder angesagt. EU und EZB entdecken solche Kreditverbriefungen als Mittel für ihre Politik, Finanzminister Schäuble auch. Diesmal aber sollen die Risiken ganz anders verpackt werden: mit Hochqualität statt Giftmüll. Wie geht das?
Schäuble im Bundestag: "Wir arbeiten an der Wiederbelebung des Marktes"

Schäuble im Bundestag: "Wir arbeiten an der Wiederbelebung des Marktes"

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Hamburg - Mit einem "Non-Paper" im Gepäck reist Wolfgang Schäuble zum Treffen der europäischen Finanzminister an diesem Freitag und Samstag nach Mailand. Das Papier, das keines ist, für das regelmäßige Treffen, das informell ist, hat er gemeinsam mit dem französischen Kollegen Michel Sapin verfasst. Allzu wörtlich sollen die Vorschläge noch nicht genommen werden, doch sie könnten der europäischen Wirtschaftspolitik eine neue Richtung geben.

In seiner Rede vor dem Bundestag zum Haushalt 2015 verriet Schäuble den Abgeordneten bereits Auszüge aus seinen unverbindlich-geheimen Gedanken. "Obwohl Liquidität heute eher im Übermaß vorhanden ist, bleibt der Zugang zu Kapital für kleine und mittlere Unternehmen in Teilen Europas immer noch beeinträchtigt", benennt er das Problem.

Die von vielen Kollegen geforderte einfache Lösung, ein staatliches Investitionsprogramm, lehnt der deutsche Finanzminister nach wie vor kategorisch ab. Stattdessen solle der Staat mit Standards und lockereren Aufsichtsregeln für Banken den Rahmen dafür setzen, dass Kapital leichter fließt. Eines der Mittel: "Wir arbeiten auch an der Wiederbelebung des Marktes für Hochqualitätsverbriefungen in Europa, der durch die Bankenkrise in Misskredit geraten ist."

Der Hinweis darf nicht fehlen. Verbriefungen wie Asset-Backed Securities (ABS) waren in den 2000er Jahren das Mittel der Wahl, um den Kreditboom anzuheizen und die damit verbundenen Risiken über den Finanzmarkt zu verstreuen - leider mit der Folge, dass sie sich dort anhäuften.

Investoren haben die Aussicht auf einen stetigen Cash-Flow

Das Prinzip besteht darin, dass eine Bank Kredite vergibt und die damit erworbenen Ansprüche an Zins und Tilgung in neugeschaffenen Wertpapieren an andere Investoren abtritt (meist unterteilt in vor- und nachrangige Ansprüche wie Senior-, Mezzanin- oder Junior-Tranchen). Die Bank bekommt frisches Geld sofort statt erst im Lauf der Jahre durch die Bedienung der Kredite, zugleich verschwindet das Ausfallrisiko aus ihrer Bilanz und sie bekommt Mittel frei für neue Kredite.

Die Investoren bekommen die Aussicht auf einen stetigen Cash-Flow aus unterschiedlichen Quellen - von deutschen Autokäufern über Londoner Stromkunden zu spanischen Metallfirmen -, ohne mit all diesen Schuldnern selbst Geschäfte abzuschließen. Beide Seiten gewinnen, solange die Schuldner nicht massenhaft säumig werden, was aber in der Finanzkrise geschah, weil das systematische Verbriefen und Ausblenden der Kreditrisiken eine saloppe Geldvergabe der Banken begünstigte. Dann waren ABS als "Giftmüll" verschrieen.

Neue EU-Kommission setzt auf ABS für 300-Milliarden-Euro-Investitionspaket

Jetzt also stattdessen "Hochqualitätsverbriefungen". Schäuble wies darauf hin, dass Deutschland auch im Rahmen der G20 an Standards für Papiere speziell mit Mittelstandskrediten arbeite. Und die Initiative bedeute "übrigens nicht, dass die Zentralbanken die entscheidenden Käufer für solche Verbriefungen sein müssen". Vielmehr "wollen wir sie in erster Linie marktfähig machen - um es mit freundlicher Zurückhaltung zu sagen".

Auch dieser Hinweis darf nicht fehlen, denn die Europäische Zentralbank hat gerade beschlossen, massenhaft ABS aufzukaufen - mit demselben Ziel wie Schäuble, nämlich des "Credit Easing", um die Kreditvergabe in Europa wieder in Schwung zu bringen. Details blieb EZB-Präsident Mario Draghi bisher schuldig, aber er deutete an, dass die Zentralbank sich auf Senior-Tranchen und alte ebenso wie neue ABS kaufen wolle, also neben der indirekten Wirkung über die Entlastung der Bankbilanzen auch direkt das Neugeschäft für Zukunftsinvestitionen befördern. "Qualität ist wichtiger als Quantität", erklärte EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny in einem Vortrag in Zürich. Um viel für Europas Wirtschaft zu bewegen, sei der aktuelle ABS-Markt ohnehin zu klein.

Diese Hinweise sind eine Antwort auf Kritik wie die von Jürgen Stark. Der ehemalige EZB-Chefvolkswirt zürnte im "Handelsblatt", "mit dem Ankauf von ABS - welcher Qualität auch immer - nimmt die EZB enorme Risiken auf ihre Bilanz und macht sich zu einer europäischen Bad Bank".

Trotz Finanzkrise - Trend zu neuem ABS-Markt kauf aufzuhalten

Die Erinnerung an die Altlasten der Finanzkrise verfängt. Dennoch scheint der Trend zu einem neuen ABS-Markt kaum aufzuhalten. Der Investitionsbedarf ist riesig, die Summe nach Anlagemöglichkeiten suchenden Kapitals auch, eine direkte Tätigkeit des Staats mit großen Konjunkturprogrammen nicht erwünscht. Da bekommt die Variante Charme, dem privaten Kapital mit leichteren Verbriefungsregeln auf die Sprünge zu helfen.

Auch die künftige EU-Kommission hat das Thema entdeckt. Der designierte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker schrieb dem britischen Kandidaten für das Amt des Finanzmarktkommissars, Jonathan Hill, in seinem "Mission Letter" als erste Aufgabe: "Trage mit Maßnahmen zur Verbesserung des Investitionsumfeldes zum Job-, Wachstums- und Investitionspaket bei, das wir in den ersten drei Monaten präsentieren wollen." Erster Punkt in Hills Beitrag zum 300-Milliarden-Euro-Programm: "angemessene Wege suchen, um nachhaltige und hochqualitative Verbriefungsmärkte wiederzubeleben".

Bereits die alte EU-Kommission hatte im Mai konkrete Vorschläge gemacht, um Verbriefungen zu erleichtern. In ihren Entwurf für die vom internationalen Bankaufsichtswerk Basel III verlangte Mindestliquiditätsquote (Liquidity Coverage Ratio, LCR) nahm sie ABS als eine der Anlageklassen mit den geringsten verlangten LCR auf - kurz hinter Pfandbriefen. Besonders ABS, die mit Auto-, Konsum- oder Mittelstandskrediten besichert sind, könnten die Banken ohne große Abschläge als "erstklassige liquide Aktiva" deklarieren. Wohnhypotheken nicht, obwohl dort die Zahlungsmoral traditionell besonders hoch ist - wenn auch in Immobilienkrisen an ihre Grenzen stößt.

Kein Risiko, keine Aussicht auf Erfolg

Schäuble, EZB, EU: Dreimal Fokus auf Verbriefung, dreimal Betonung der Qualität. Im Detail beginnt jedoch der Streit. Einen EZB-Vorstoß, staatliche Förderbanken wie die KfW oder die Europäische Investitionsbank sollten eine Garantie für neue ABS abgeben, lehnen Schäuble und Sapin in ihrem "Non-paper" ab. Die Investoren sollten weiterhin einen Anreiz haben, die ABS vor dem Kauf genau auf Risiken zu durchleuchten. Nur die neuen Standards sollen ihnen mehr Vertrauen vermitteln.

Die Betonung der Qualität von ABS steht in Konflikt mit dem Ziel, dort zu helfen, wo Hilfe nötig ist. Laut einer Analyse der DZ Bank konnten von knapp 100 Milliarden Euro an ABS, die 2014 bisher auf den europäischen Markt kamen, nur Anleger für knapp die Hälfte der Anteile gewonnen werden. "Platzierungsprobleme bestehen vor allem da, wo der Verbriefungsmarkt aus volkswirtschaftlicher Sicht besonders benötigt wird" - in Ländern wie Spanien und Frankreich sowie bei mittelständischen Unternehmen. DZ-Analyst Ralf Raebel vermutet, die EZB werde vor allem dort aktiv werden und nicht privaten Anlegern in "funktionsfähigen Marktsegmenten" Konkurrenz machen.

Was die Standards angeht, kann Schäuble auf die Erfahrung der True Sale Initiative zurückgreifen. Die von mehreren Großbanken getragene Plattform wurde 2004 gegründet, um den deutschen Verbriefungsmarkt in Schwung zu bringen - zu kurz vor der Finanzkrise für wirklichen Erfolg. Zwar wurde True-Sale-Geschäftsführer Hartmut Bechtold nie müde, die Unterschiede des eigenen Modells zum "Giftmüll" zu betonen, höhere Transparenz und weitere Verantwortung der kreditgebenden Bank zum Beispiel.

Das unlösbare ABS-Dilemma

Dennoch war der Markt zeitweise tot und kam nach selbstkritischer Einschätzung auch nur mit Transaktionen wieder zum Leben, "die einzig zu dem Zweck getätigt wurden, Wertpapiere als Sicherheit für die Refinanzierung über die EZB zu generieren".

Künftig nimmt die EZB die Papiere nicht mehr nur als Sicherheit, sondern kauft sie direkt. Das könnte den Markt in Schwung bringen, auch für deutsche ABS nach dem True-Sale-Standard. Sollen die Banken allerdings einen Großteil der Kreditausfallrisiken behalten, dürfte ihr Interesse an neuen Verbriefungen gering bleiben.

Anfang Oktober lädt die Initiative zu einem Kongress nach Berlin, um die Finanzbranche auf die Optionen im neuen ABS-Markt einzustimmen. Der Bund ist mit an Bord. Wirtschaftsstaatssekretärin Iris Gleicke soll die Konferenz mit dem Thema "Infrastrukturfinanzierung - die Herausforderungen der künftigen Finanzierung Europas" eröffnen.

Die Erwartungen sind also groß. Dennoch sieht der Frankfurter Finanzprofessor Jan Pieter Krahnen die Akteure wie die EZB vor einem unlösbaren Dilemma. "Entweder übernimmt sie mit den ABS unkalkulierbar hohe Risiken mit perversen Anreizwirkungen und bleibt womöglich auf hohen Verlusten sitzen", erklärt der Direktor des Center for Financial Studies. "Oder sie konzipiert enie nachhaltige ABS-Struktur, kann aber damit keine wesentlichen Impulse auf dem Kreditmarkt setzen."

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