Rezessionsgefahr Europas Kern schmilzt

Euro-Land steckt bereits in der Rezession, die deutsche Volkswirtschaft steht kurz davor. Die Zweiteilung in Kern- und Krisenländer der Währungsunion war gestern. Besonders die deutsche Binnenkonjunktur enttäuscht - vor allem die Unternehmen treten auf die Bremse.
Stahlwerk in Thüringen: Die deutsche Industrie legt eine Vollbremsung hin

Stahlwerk in Thüringen: Die deutsche Industrie legt eine Vollbremsung hin

Foto: dapd

Hamburg - 0,2 Prozent. Als Jubelmeldung geht die an diesem Donnerstag aus Wiesbaden gelieferte Statistik zum deutschen Wirtschaftswachstum im Sommerquartal wohl kaum durch. Genauso viel gab es im jüngst von deutscher Seite geschmähten Frankreich. Belgien, Finnland und Österreich melden eine schrumpfende Wirtschaft, die Niederlande sogar drastisch. Das war der harte Kern der Euro-Zone, die als Ganzes jetzt offiziell wieder in der Rezession steckt.

"Dieser Rückfall in die Rezession ist hausgemacht", schimpft der belgische Ökonom Paul de Grauwe von der London School of Economics über das "Ergebnis übertriebener Sparmaßnahmen in den südlichen Ländern und dem Unwillen der nördlichen Länder, etwas anderes zu tun".

Deutschland selbst schien sich lange von der Malaise im Rest der Währungsunion abkoppeln zu können, sank doch der Anteil der dorthin gehenden Exporte in den vergangenen Jahren von 45 auf nur noch 37 Prozent - wachsende Nachfrage aus Übersee, vor allem aus China und den USA, sorgte für den Ausgleich.

Die Binnennachfrage, die 2010 und 2011 noch für eine kräftige Erholung von der schweren Krise sorgte, enttäuscht inzwischen aber auf der ganzen Linie. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung rechnet in seinem aktuellen Jahresgutachten mit einem Beitrag von Null aus dem Inland für das diesjährige Wachstum. Die 0,8 Prozent, die unterm Strich noch zusammenkommen, gründen sich vor allem auf starke Exporte, weil sich deutsche Güter mit dem fallenden Euro  verbilligt haben - ironischerweise "von einem Vertrauensverlust in die Integrität der Währungsunion hervorgerufen", wie die Wirtschaftsweisen schreiben.

Auch im abgelaufenen dritten Quartal lahmte laut Statistischem Bundesamt die Binnennachfrage, vor allem die Ausrüstungsinvestitionen schrumpften erneut deutlich. Laut Dekabank ist die aktuelle Erholung seit dem Ende 2009 erreichten Tief inzwischen so schwach wie noch nie. Zur Jahreswende 2010/2011 erschien es noch einer der stärksten Aufschwünge der Geschichte - wie es nach der schwersten Rezession seit dem Krieg auch zu erwarten war. Doch mit der Eskalation der Euro-Krise im Sommer 2011 knickte die Kurve ab.

"Wer nicht abschätzen kann, ob seine heute getätigten Investitionsausgaben morgen und übermorgen die zur Finanzierung notwendigen Erträge bringen werden, wartet erst einmal ab", erklärt Ökonom Andreas Scheuerle von der Dekabank. Die Auftragsbücher der Unternehmen hätten sich merklich geleert. Während die Firmen bis zum Sommer noch die Produktion auf Hochtouren hielten, um alte Aufträge abzuarbeiten, hätten sie im September eine "Vollbremsung" hingelegt.

Deutsche Bank rechnet mit Rezession im Winterhalbjahr

Das wiederum wirkt verstärkend auf die Abschwungstendenz: Vorleistungen werden weniger nachgefragt, die Energiekonzerne etwa verkaufen weniger Strom. Wenn die Investitionen sinken, überträgt sich das leicht auch auf andere Wirtschaftsaktivitäten.

"Das ist gewöhnlich ein Vorbote für eine Rezession", unkt Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Laut IMK-Konjunkturbarometer ist das Rezessionsrisiko für Deutschland erstmals in diesem Jahr über 50 Prozent gestiegen.

Die Deutsche Bank geht bereits von einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung im Winterhalbjahr aus, auch andere Ökonomen rechnen mit Minusraten im laufenden und dem kommenden Quartal. Zu schlecht sind alle Frühindikatoren, ob Ifo-Index, Einkaufsmanagerindex oder Auftragseingänge der Industrie.

"Ein deutlich negativer Wachstumsbeitrag dürfte vor allem von den Exporten kommen", sagt Postbank-Ökonom Marco Bargel. Im September fielen die Ausfuhren bereits markant, das erste Minus seit Anfang 2010. "Das nächste Jahr wird zäh", fasst der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, dessen Herbstumfrage in der Branche zusammen - zumal der Euro wieder deutlich zugelegt hat, seit sich die Europäische Zentralbank entschlossen zeigt, die Währung zu verteidigen.

Der Konsum muss es richten

Woher kommt dann überhaupt noch Grund für den Optimismus, dass die deutsche Wirtschaft 2013 mit 0,8 Prozent Wachstum annähernd ihr Potenzial ausschöpfen könne, wie es der Sachverständigenrat voraussagt? Diese Prognose stützt sich vorwiegend auf den privaten Konsum - unter der Annahme, dass die Bruttolöhne erneut um deutlich mehr als 3 Prozent steigen und die Arbeitslosigkeit auf ihrem jetzigen Tiefstand bleibt.

Doch solche Bedingungen haben im laufenden Jahr bislang keine großen Kräfte freigesetzt. "Angesichts der guten Rahmendaten hätte man aber auch durchaus mehr erwarten können", sagt Dekabank-Ökonom Scheuerle. Auf dem Arbeitsmarkt hebt sich die deutsche Wirtschaft tatsächlich noch deutlich positiv vom Rest des Kontinents ab, auch wenn sich hier bereits erste Spuren des Abschwungs zeigen.

Zum Jahreswechsel werden wir uns wohl vom Bild des in starke und schwache Länder geteilten Europas verabschieden müssen - stattdessen wird der Kontinent in der Misere vereint.