Sonntag, 15. September 2019

0,3 Prozent Wachstum Deutschland verliert Wirtschaftsschwung

Bauwirtschaft: Zuletzt Stütze der deutschen Konjunktur

Die deutsche Wirtschaft verliert in der Euro-Krise Schwung. Die hiesige Wirtschaft muss im zweiten Quartal das Tempo drosseln. Mit einem Plus von 0,3 Prozent bleibt die Bundesrepublik aber stärker unter Dampf als zuvor befürchtet. Das treibt auch den Aktienmarkt an.

wiesbaden - Die deutsche Wirtschaft hat sich im Frühjahr der Abwärtsspirale in Europa nur leicht entzogen. Steigende Exporte und kauffreudige Verbraucher ließen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von April bis Juni um 0,3 Prozent zum Vorquartal wachsen. Das ist zwar weniger als zu Jahresbeginn mit 0,5 Prozent, aber etwas mehr als Ökonomen mit 0,2 Prozent vorausgesagt hatten. Der deutsche Aktienmarkt legte nach bekanntgabe der deutschen Wachstumsdaten zu, auch der Rentenmarkt reagierte entsprechend.

Im Vergleich zum zweiten Quartal 2011 legte das BIP in Deutschland unter Berücksichtigung der Inflation um 0,5 Prozent zu. Allerdings gab es in diesem Jahr einen Arbeitstag weniger: Ohne diesen Effekt lag der Zuwachs bei 1,0 Prozent. Dagegen steht die Euro-Zone trotz des robusten Wachstums ihrer größten Volkswirtschaft vor einer neuen Rezession: Sie schrumpfte um 0,2 Prozent, nachdem sie im ersten Quartal stagniert hatte. as teilte die europäische Statistikbehörde Eurostat am Dienstag in Luxemburg in einer ersten Schätzung mit. Auch im Schlussquartal 2011 hatte es mit 0,3 Prozent bereits ein Minus im Vergleich zu den drei Monaten davor gegeben - den ersten Rückschlag seit 2009.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) erklärte: "Vor dem Hintergrund des schwierigeren europäischen und weltwirtschaftlichen Umfelds bleibt es wichtig, Wachstumsimpulse zu setzen und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken".

Als Stützen der Konjunktur erwiesen sich der Konsum der Deutschen, mithin ein Teil der Binnennachfrage. "Im Inland wurde sowohl von den privaten als auch von den öffentlichen Haushalten mehr konsumiert als im Vorquartal", so die Statistiker. Die sinkende Arbeitslosigkeit, deutliche Lohnerhöhungen und die abflauende Inflation beflügelten die Kauflaune. Auch der Außenhandel lief zuletzt noch einigermaßen robust. Die Einbrüche im Geschäft mit Krisenstaaten wie Griechenland und Spanien wurden durch die starke Nachfrage in Asien und den USA mehr als kompensiert. "Nach vorläufigen Berechnungen sind die Exporte etwas stärker gestiegen als die Importe", schrieb das Statistische Bundesamt.

Allerdings wird auch Deutschland Ökonomen zufolge immer stärker unter Druck kommen. Die Commerzbank rechnet damit, dass die Wirtschaft im dritten Quartal um 0,1 Prozent schrumpfen wird. "Die eigentlich wettbewerbsstarke deutsche Wirtschaft leidet unter den von der Staatsschuldenkrise ausgehenden Unsicherheiten und dem geringen Wachstum der Weltwirtschaft", erklärte Chefvolkswirt Jörg Krämer. Sein Kollege Schulz erwartet, dass die Wirtschaft von Juli bis September stagniert, bevor es zum Jahresende wieder aufwärts gehen soll.

Exporte, Produktion und Industrieaufträge waren zuletzt gesunken. Der Ifo-Geschäftsklimaindex als wichtigstes Konjunkturbarometer liegt auf dem niedrigsten Niveau seit März 2010. Auch Börsianer blicken mit Sorge nach vorn: Ihre Konjunkturerwartungen für die kommenden sechs Monate fielen im August überraschend auf ein Jahrestief, teilte das Mannheimer ZEW-Institut zu seiner Umfrage unter knapp 300 Anlegern und Analysten mit.

Bereits im Frühjahr hielten sich die Unternehmen angesichts der ungewissen Aussichten zurück. Sie investierten das zweite Quartal in Folge weniger in Maschinen, Fahrzeuge und andere Ausrüstungen. "Die Firmen reagieren sehr empfindlich auf die sich abzeichnende konjunkturelle Verlangsamung in der Weltwirtschaft", sagte der Deutschland-Chefvolkswirt von UniCredit, Andreas Rees.

Die aktuelle Wirtschaftswachstumskarte Europas sieht somit so aus: Verglichen mit anderen Euro-Ländern steht Deutschland noch gut da. In Portugal brach das Bruttoinlandsprodukt um 1,2 Prozent ein, in Zypern um 0,8 Prozent, in Italien um 0,7 Prozent, in Belgien um 0,6 Prozent und in Spanien um 0,4 Prozent. Österreich und die Niederlande schafften jeweils ein Plus von 0,2 Prozent, während mit Frankreich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion stagnierte.

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