Montag, 18. November 2019

Wirtschaftsdaten Deutschland entfernt sich von Europa

Europa der zwei Geschwindigkeiten: Deutschland wächst, fast alle anderen fallen zurück

Die deutsche Wirtschaft entkommt der Rezession, in der die übrigen Euro-Staaten versinken. Grund zur Freude liefert der starke Jahresauftakt aber kaum. Europa braucht eine koordinierte Wachstumspolitik dringender als zuvor - denn das Auseinanderdriften der Euro-Länder ist gefährlicher als das Drama in Griechenland.

"Unfassbar stark" findet Dekabank-Volkswirt Andreas Scheuerle den Auftritt der deutschen Wirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres. Na ja. Um 0,5 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt laut Schnellschätzung der Statistiker gewachsen, immerhin fünfmal so stark wie vom Durchschnitt der Ökonomen vorausgesagt und genug, um das Minus von 0,2 Prozent im Vorquartal auszugleichen. Ein solider Aufschwung aber sieht anders aus.

Die Euro-Zone insgesamt hat dank der starken deutschen Produktion eine Rezession vermieden. Tatsächlich aber hat sich die Misere der Währungsunion noch verschlimmert, weil der Abwärtssog in Krisenländern wie Italien zunimmt; Spanien steckt nun wieder offiziell in der Rezession, in bester Gesellschaft mit der Hälfte der EU-Staaten. Frankreich stagniert nur noch. Die Krise hat nun auch Nicht-Euro-Staaten in Nord- und Osteuropa ergriffen, die bisher als Wachstumsträger galten.

Von den großen Volkswirtschaften der Union wächst nur noch die deutsche, und selbst das hilft dem Rest des Kontinents wenig. Denn abgesehen von wenigen Ausnahmen wie der slowakischen Autoindustrie profitieren die europäischen Partner nicht von steigender Nachfrage aus Deutschland.

Wichtiger als die Zahl 0,5 ist deren Zustandekommen. Obwohl die Bundesrepublik bereits im März mehr importiert als exportiert hat, reicht das nicht, um die Ungleichgewichte in Europa aufzufangen. Dennoch geben die schrumpfenden Absatzmärkte in der europäischen Nachbarschaft ihre Bedeutung an Ziele in Übersee wie China oder die USA ab. Die deutschen Unternehmen investierten zu Jahresbeginn weniger als noch im Herbst, der private Konsum schaffte es wohl gerade so über die Nulllinie, wie die schwachen Einzelhandelsumsätze nahelegen.

Auseinanderdriften hat mehr Sprengkraft als das Chaos in Griechenland

Diese Entwicklung ist bedenklich. Für Deutschland, weil der Export als alleinige tragende Säule des Wachstums wacklig ist, zumal auch die Nachfrage aus Amerika oder China unter großen Fragezeichen steht - die ersten Frühindikatoren zeigen an, dass der Erfolg aus dem ersten Quartal sich im zweiten kaum fortsetzen lässt.

Bedenklich für Europa, weil die Hoffnung schwindet, die im vergangenen Jahrzehnt aufgebauten Ungleichgewichte könnten sich von selbst korrigieren. Deutschland wäre der natürliche Absatzmarkt für steigende Exporte aus den überschuldeten Randstaaten, um deren Konsumrückgang und Schuldenabbau abzufedern.

Das wirtschaftliche Auseinanderdriften der großen Euro-Länder hat für die Währungsunion mehr Sprengkraft als das Politchaos in Griechenland. An diesem Dienstagabend trifft Bundeskanzlerin Angela Merkel erstmals den neuen französischen Präsidenten François Hollande, der neben dem im Herbst beschlossenen Fiskalpakt einen Wachstumspakt für Europa fordert.

Zumindest erste Signale für ein Entgegenkommen kamen zuletzt aus der Bundesregierung. Euro-Bonds für Projekte, Investitionsprogramme, Schuldenabbau - ohne staatliche Mittel kommt kaum ein Vorschlag aus. Was nach dem Sparduo Merkozy kommt, ist entscheidend für die Zukunft des Euro.

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