Sonntag, 31. Mai 2020

Stütze für Deutschland Neues Selbstbewusstsein am Bau

Aufschwungs-Euphorie in der Baubranche: Im Jahr 2011 legte der Branchenumsatz um 12,5 Prozent zu

Die kriselnde Bauwirtschaft gilt seit den 90er Jahren als Bremsklotz für die deutsche Konjunktur. Doch jetzt profitiert die Branche ausgerechnet von der Euro-Schuldenkrise - und entwickelt sich zur wichtigen Konjunkturstütze.

Hamburg - In Zeiten der Euro-Schuldenkrise gilt eine Wachstumsprognose von rund einem Prozent schon als gute Nachricht: Für dieses Miniplus inmitten der europäischen Konjunkturflaute erntet die deutsche Wirtschaft weltweit Bewunderung. Doch das Wirtschaftswachstum steht auf wackeligen Beinen.

Es wird vor allem von der Binnenkonjunktur getragen - denn der traditionelle Wachstumstreiber, die exportorientierte Industrie, erreichte im März dank zunehmender Fokussierung auf die ehemaligen Schwellenländer zwar nie gesehene Höhen. Doch weil dabei der Import noch stärker als der Export steigt, wird der Wachstumsbeitrag des rekordhohen deutschen Außenhandels mau bleiben. Genau in dieser Phase avanciert ausgerechnet eine Branche zum Treiber der Binnenkonjunktur uns somit zum Hoffnungsträger, die jahrelang als Konjunkturbremse galt: die Bauwirtschaft.

Bereits 2011 hatte die Baubranche mit Rekordwachstumszahlen überrascht. Seit dem Bauboom der Nachwendezeit war es das erste Mal, dass die Bauverbände durchweg gute Nachrichten zu vermelden hatten - fast zwanzig Jahre lang war die Branche zuvor nicht aus der Rezession gekommen. Die leidgeprüften Branchenvertreter konnten ihr Glück kaum fassen: Kaum waren die schlimmsten Nachwehen der Finanz- und Wirtschaftskrise überstanden, legte die Bauwirtschaft ein verblüffendes Wachstumstempo vor. Der Umsatz stieg im ersten Quartal 2011 um sagenhafte 21,9 Prozent.

Die Auftragsbestände kletterten auf den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung, die Bauinvestitionen wuchsen so kräftig wie seit 1994 nicht mehr. Bloß nicht zu euphorisch werden, mahnten die Verbandschefs zunächst. Der vergleichsweise warme Winter habe für einen ungewöhnlich frühen Baubeginn gesorgt, hinzu kämen Nachholeffekte wegen der Wirtschaftskrise und nicht zuletzt die Konjunkturpakete der Bundesregierung.

Bald noch bessere Prognose für 2012

Doch der Bau-Boom war mehr als ein Strohfeuer: Im Gesamtjahr 2011 legte der Branchenumsatz um 12,5 Prozent zu. Und während die deutsche Industrie insgesamt erst im März wieder ihre Produktion steigern konnte, läuft in der Bauwirtschaft das erste Quartal 2012 bereits wieder so gut, dass der Hauptverband der deutschen Bauindustrie (HDB) nun seine vorsichtige Wachstumsprognose von 2,5 Prozent für 2012 nach oben korrigieren will.

"Noch liegen nicht alle Zahlen vor", sagt Heiko Stiepelmann, Leiter der Hauptabteilung Volkswirtschaft und Kommunikation beim HDB in Berlin. "Aber ein oder zwei Prozentpunkte mehr als ursprünglich erwartet werden mindestens drin sein." 2012, so viel stehe fest, werde wieder ein gutes Jahr. "Der Bau hat sich im vergangenen Jahr zur Stütze der Gesamtwirtschaft entwickelt", sagt er. Das werde auch in den kommenden Jahren so bleiben. "Nachdem wir lange den Rückwärtsgang eingelegt hatten, steigt jetzt die Bedeutung der Baubranche für die Gesamtwirtschaft."

Schließlich würden vom Bauboom auch die Baustoffindustrie, Handwerker, Lieferanten, Dienstleister, Architekten und Bauingenieure profitieren. So ist das deutsche Handwerk so gut in das Jahr 2012 gestartet wie seit 20 Jahren nicht mehr. "Der Anteil der Wertschöpfungskette Bau am Bruttoinlandsprodukt liegt bei etwa 10 Prozent", betont Stiepelmann. Die Branche will nun in den kommenden Monaten kräftig Personal aufstocken. Auch das stützt die Binnenkonjunktur.

Wachstumstreiber für die Baubranche ist ausgerechnet die europäische Schuldenkrise. Während die Unsicherheit im Euro-Raum anderen Branchen das Leben schwer macht, beschert sie der Bauwirtschaft eine Sonderkonjunktur. Der Grund: Die Schuldenkrise treibt Anleger ins deutsche Betongold. Die Angst vor der Geldentwertung durch die Euro-Krise, Deutschlands Ruf als letzter sicherer Hafen inmitten rezessions- und schuldengeplagter Euro-Länder und nicht zuletzt der Mangel an sicheren Anlageformen sorgt dafür, dass viel Kapital in den deutschen Immobilienmarkt fließt.

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