Käuferstrom Der Euro wankt, der Konsum wächst

Kann der private Konsum die Konjunktur retten? Trotz Schuldenkrise kaufen die Deutschen munter ein und sorgen für Ausgleich, wenn Investitionen und Exporte stocken. Entscheidend für die Kauflaune scheint einzig die persönliche Lage.
Von Cornelia Knust
Warum denn Trauer tragen? Der Deutsche entspart und freut sich auf Weihnachten

Warum denn Trauer tragen? Der Deutsche entspart und freut sich auf Weihnachten

Foto: dapd

München - Eigentlich müssten alle zu Hause bleiben. Wer will schon Weihnachtsgeschenke kaufen, wenn scheinbar gerade die Welt untergeht? Wenn das Vertrauen in die Währung, die Wirtschaft, den Staat verloren ist, wenn nichts mehr sicher scheint, nicht der eigene auf Pump finanzierte Wohlstand, nicht das Auskommen der Kinder, die einmal die Zeche zahlen müssen. Wer interessiert sich da für Flachbildschirme, feines Parfum, den nächsten schicken Fummel? - Oder gerade?

Es ist wohl noch kein Tanz auf dem Vulkan, der in Deutschland stattfindet. Und doch sind die Verbraucher "überraschend optimistisch", sagt Rolf Schneider, Team-Leiter Makroökonomie beim Allianz-Konzern. "Für die Konsumenten ist entscheidend, was in ihrem eigenen Umfeld passiert". Und das Umfeld sieht stabil aus: Sie sehen einen weiterhin soliden Arbeitsmarkt, einen mäßigen Auftrieb bei den Löhnen, eine insgesamt positive Entwicklung des Einkommens.

Zwar dürfte auch den Konsumenten bewusst sein, dass eine Verschärfung der Euro-Krise irgendwann auch auf den Arbeitsmarkt und die Reallöhne durchschlagen dürfte, meint Schneider. Dennoch haben die Bürger das "Angstsparen" aufgegeben, sie legen weniger auf die hohe Kante, stecken mehr in den Konsum - und zwar vor allem in langlebige Konsumgüter wie Waschmaschinen, Kühlschränke oder ein neues Auto.

Die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat gerade ihren Konsumklimaindex veröffentlicht, und der steigt tatsächlich seit Monaten an. Das Pro-Kopf-Budget für die Weihnachtsgeschenke ist mit 241 Euro nur um vier Euro geringer als im sehr ordentlichen Vorjahr.

Und die Sparquote ist laut Bundesbank im dritten Quartal auf 9,4 Prozent gesunken - ein für Deutschland sagenhaft niedriger Wert.

Ende des Angstsparens

Auf ihrer Erwartung nach lang anhaltende Krisen reagierten die Verbraucher mit Zuführungen zu ihren Notgroschen, auf kurzfristige Krisen eher mit einer Rückführung der Sparquote, sagt Andreas Scheuerle, Konjunkturanalyst bei der Deka-Bank. Obwohl auch bei den Konsumenten die Konjunkturerwartungen negativ seien, steige die Anschaffungsneigung.

Diese leichte Weihnachts-Euphorie werde zwar nicht von Dauer sein. Auch der Konsum werde im nächsten Jahr erst einmal eine Delle zeigen - aber eben nur eine Delle und keine Schrumpfung. Das sei an sich schon eine positive Botschaft. "Damit wird der Konsum zu einem stabilisierenden Element, während Investitionen und Exporte in dieser leichten Rezession die erwartbaren technischen Reaktionen zeigen", sagt Scheuerle.

Eine ganz ordentliche Tarifabschlüsse in diesem Jahr werden ihre Wirkungen bis ins nächste Jahr hinein entfalten und in einen Lohnzuwachs von 2,8 Prozent münden meint der Deka-Analyst. Das sei allerdings weniger als noch vor einem Jahr erwartet und bleibe züchtig innerhalb des Verteilungsspielraums. Interessant dürfte deshalb die bevorstehende Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie werden. Da sei die Erwartungshaltung der Gewerkschaftsmitglieder sehr hoch: Sie wollten endlich profitieren von der glänzenden Entwicklung der Branche. Gleichzeitig müssten sie auf die wieder schwierigere Lage einzelner Unternehmen Rücksicht nehmen.

Preise sollen sinken

"Der Konsum kann die konjunkturelle Abwärtsbewegung nicht komplett kompensieren, aber etwas dämpfen", meint auch Andreas Rees, Chefvolkswirt von Unicredit in München. Seine optimistische Erwartung von 2 Prozent realem Zuwachs bei den Konsumausgaben 2011 werde zwar nicht erreicht, aber ein Plus von knapp 1,5 Prozent sollte es schon werden. Er glaubt auch, dass die Inflation "ihren Höhepunkt gesehen hat". Umfragen bei Unternehmen deuteten darauf hin, dass sie im derzeitigen konjunkturellen Umfeld höhere Rohstoffkosten nicht mehr so leicht an den Endkunden überwälzen könnten.

Ist es ein gewisser Fatalismus angesichts immer neuer Horrorszenarien für Europa, der die Menschen zum Geldausgeben verführt? Darüber kann man nur spekulieren. Immerhin so etwas wie Resignation dürfte sich einstellen beim Blick auf die aktuelle Verzinsung des Ersparten. Analyst Scheuerle spricht von einem "Anlagenotstand". Nach drei Crashs traue sich der Privatmann nicht mehr an den Aktienmarkt, deutsche Staatsanleihen seien nicht sehr renditeträchtig, Peripherieanleihen zu riskant, Gold zu teuer.

Was also bleibt, sind vielleicht Immobilienanlagen und in jedem Fall das, was man sich und den Lieben immer schon mal gönnen wollte. Weihnachten kann kommen.

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