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Exporte: Deutsche Produkte sind Schwellenlandstars

Exporte Euro-Krise sorgt für deutschen Zitterwinter

Noch trotzt die deutsche Wirtschaft der Euro-Schuldenkrise. Doch ihre wichtigste Triebkraft, der Außenhandel, hat Schwung verloren. Die Konsequenz: Ab dem Winterquartal wird der Abschwung auch in Deutschland spürbar sein - und dann müssen wohl auch die Bundesbürger zurückstecken.

Hamburg - Das Jahr 2011 wird den deutschen Verbrauchern und Unternehmern trotz der europäischen Schuldenkrise in guter Erinnerung bleiben: Konjunkturforscher sind sich einig, dass die Wirtschaft dieses Jahr um insgesamt rund 3 Prozent wachsen wird, fast so stark also wie im Boomjahr 2010 - der Sommer 2011 hat noch einmal etwas Schwung gegeben. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich zudem weiter positiv, die Verbraucher geben sich spendabel, und die Unternehmen investieren kräftig. Doch die starke Binnenkonjunktur verdeckt, dass ausgerechnet der wichtigste Antrieb der Exportnation Deutschland, der Außenhandel, längst schwächelt.

"Schon in diesem Jahr hat der Außenhandel nur noch eine untergeordnete Rolle für die konjunkturelle Entwicklung gespielt", sagt Christian Grimme, Außenhandelsexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo in München. "Investitionen und privater Konsum waren die eigentlichen Stützen des Wachstums." Im kommenden Jahr werde der Export noch schwächer: "2012 wird der Außenhandel keinen nennenswerten Beitrag mehr zum Wirtschaftswachstum leisten."

Im Grunde war diese Entwicklung sogar gewünscht, nicht zuletzt bei Deutschlands Handelspartnern - und von vielen Konjunkturforschern erwartet worden. "Die Aufholeffekte der Weltwirtschaft nach der schweren Finanzkrise sind vorbei. Das gilt für die Schwellenländer ebenso wie für die Industrieländer", sagt Ferdinand Fichtner, Abteilungsleiter Konjunkturpolitik des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. So weit, so voraussehbar. "Viele hatten erwartet und gehofft, dass der ursprünglich exportgetriebene Aufschwung bis zu diesem Zeitpunkt zunehmend von der Binnenkonjunktur getragen werden würde." Von diesem Optimismus müsse man sich nun aber verabschieden.

"Noch ist die Binnennachfrage stabil. Aber die Unsicherheit durch die europäische Schuldenkrise schlägt immer stärker auf die Haushalte durch", sagt Fichtner. Das werde sich schon im Winterquartal zeigen. Je länger es bis zu einer Lösung der Schuldenprobleme dauere, desto stärker würden die Verbraucher verunsichert. "Wenn bis Ende des Jahres keine Lösung in Sicht ist, wird die Verunsicherung der Konsumenten in Kaufzurückhaltung umschlagen." Der ursprünglich zeitlich befristete Effekt der Schuldenkrise auf die deutsche Konjunktur würde dann weiter verstärkt. "Wenn die Krise nicht bald gelöst und die Stimmung nicht bald besser wird, werden wir als Ausgleich wieder verstärkt auf den Export angewiesen sein, und damit vor allem auf die Nachfrage aus den Schwellenländern", sagt Fichtner.

Deutlich weniger Aufträge - aus der ganzen Welt

Doch ob der Export seine Aufgabe als Stütze der deutschen Wirtschaft dann noch erfüllen kann, ist mehr als fraglich - auch wenn beispielsweise China schon jetzt in der Rangliste der bedeutendsten deutschen Handelspartner weit, weit nach vorne prescht. Doch zeitgleich spürt die Industrie die weltweite Konjunkturabkühlung: Die produzierenden Unternehmen erhielten zuletzt deutlich weniger Aufträge, nicht nur aus dem krisengeplagten Euro-Raum, sondern auch aus Übersee. Im September haben deutsche Unternehmen ihre Produktion quer durch alle Sektoren deshalb so kräftig gedrosselt wie seit über zweieinhalb Jahren nicht mehr.

"Der Außenbeitrag trägt im Jahr 2011 voraussichtlich mit einem Wachstumsbeitrag von 0,7 Prozentpunkten noch positiv zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts bei. Im Jahr 2012 hingegen wird sein Einfluss aller Voraussicht nach negativ sein", heißt es im vergangene Woche veröffentlichten Jahresgutachten des Sachverständigenrats. Insgesamt werde die Wirtschaft 2012 gerade noch um 0,9 Prozent wachsen, prognostizieren die Wirtschaftsberater der Bundesregierung: "Im Falle einer Stagnation des Welthandels würde Deutschland in eine Rezession geraten."

Die exportabhängige Industrie setzt ihre Hoffnung auf die boomenden Schwellenländer, die trotz Euro-Krise die Grundlast für die deutschen Exporteure liefern sollen. "Die Hoffnung der Unternehmen hierzulande auf die Konsumenten in den Emerging Markets ist sehr stark ausgeprägt", sagt Reinhard Cluse, Schwellenländerexperte der Bank UBS. "Zu recht, denn die Binnennachfrage in diesen Ländern wird weiter ansteigen, weil der Konsum nicht wie in Europa von zu hohen Staatsschulden und Konsolidierungsprogrammen belastet wird. Die Staatsfinanzen der Schwellenländer sind besser aufgestellt als die der entwickelten Länder." Schon heute macht beispielsweise der umsatzstärkste deutsche Konzern, Volkswagen  , einen erheblichen Teil seines Gewinns in China. Und die Nachfrage der Konsumenten dort scheint noch immer zu steigen.

Es wäre allerdings naiv anzunehmen, dass sich Asien und Lateinamerika von einem Abschwung in den Industriestaaten abkoppeln könnten. Auch Ifo-Experte Grimm ist skeptisch: "Die Nachfrage aus den Schwellenländern wird uns noch über das Winterhalbjahr retten", sagt er. "Doch auch dort werden die Zuwachsraten nicht mehr so hoch ausfallen wie in den vergangenen Jahren. Und die große Frage bleibt: Was passiert im Euro-Raum?" Immerhin gehen rund 40 Prozent der deutschen Ausfuhren nach wie vor in die Währungsunion.

Hoffnung auf die zweite Schwellenlandwelle

"Viele Länder werden sparen müssen und bekommen kaum Kredite. Von dort ist nicht viel zu erwarten. Die anhaltende Unsicherheit sorgt zudem für aufschiebendes Verhalten bei Investitionen", sagt Grimm. Frühestens Ende nächsten Jahres werde die Nachfrage aus großen europäischen Staaten wie Frankreich oder Großbritannien wieder anziehen.

Positiver gestimmt ist man beim Bundesverband Groß- und Außenhandel (BGA): "Wir reihen uns nicht ein in den Reigen derer, die die Konjunktur herunterreden", sagt Jens Nagel, Außenwirtschaftsexperte des BGA. "Die Exporte in die Europäische Union (EU) haben sich ja in den ersten neun Monaten 2011 trotz der Schuldenkrise überraschend gut entwickelt. Natürlich wird jetzt in einigen Ländern gespart. Andere, wie etwa Polen, oder auch Skandinavien, sind aber stabil."

Auch die Exporte in die Schwellenländer liefen besser als die Konjunkturforscher prognostizierten: "Es wird immer nur von China und der dortigen Immobilienblase geredet, aber auch die Schwellenländer aus der zweiten Reihe, etwa Bangladesch, sind riesige Wachstumsmärkte. In Brasilien steht eine riesige Sonderkonjunktur wegen der anstehenden Sportereignisse an. Und auf der arabischen Halbinsel gibt es nach wie vor gigantische Investitionsprogramme." Überall seien deutsche Ingenieure und Zulieferer im Spiel. "Wenn jetzt eine an sich gut laufende Konjunktur permanent heruntergeredet wird, könnte das eine self fulfilling prophecy werden", ärgert sich Nagel.

Doch der Rückgang der Exporte ist für viele Unternehmen bereits Realität. Die deutschen Ausfuhren in die 17 Euro-Staaten sind im dritten Quartal bereits um rund 5 Prozent gesunken, in die europäischen Länder um rund 3 Prozent. Auch der Bundesverband der deutschen Industrie warnt vor einer weltweiten Eintrübung der Konjunkturaussichten und erstmals seit dem Frühjahr 2009 vor einem Rückgang der Exporte für das kommende Jahr.

"Die Regierungen im Euro-Raum müssen die Spirale der Verunsicherung auf den Finanzmärkten durchbrechen und die Konsolidierung der Staatsfinanzen energisch vorantreiben. Nur dann wird die exportorientierte deutsche Wirtschaft weiter wachsen", sagt Stefan Mair, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung.

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