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Europa-Ranking: Wo die armen Kerle wohnen

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Schuldneratlas Bayern hui, Irland pfui

Spätestens seit der griechischen Tragödie ist die Sprengkraft von Schulden für ein Staatswesen offenkundig. Aber wie steht es um die Verschuldung der anderen Länder Europas - und wie sieht es in Deutschland aus? Eine aktuelle Erhebung der Creditreform gibt Antworten.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Donnerstags um zehn Uhr wird auf dem Gerhard-Hauptmann-Platz in Hamburg meditiert. Das zumindest besagt der Stundenplan der Bewegung Occupy Hamburg. Innere Ruhe ist dieser Tage tatsächlich hilfreich. Denn einmal mehr hat Griechenland gezeigt, dass ein hoher Schuldenstand die Weltwirtschaft in nervöse Zuckungen versetzen kann. Deutschland steht im Vergleich dazu noch vergleichsweise gut da. Doch das muss nicht so bleiben.

Immerhin, noch sieht es gut aus. Vor allem, weil die Arbeitslosigkeit in Deutschland so niedrig ist wie lange nicht. Und Arbeitslosigkeit, so der SchuldnerAtlas Deutschland 2011 der Creditreform, ist der Haupttreiber für Überschuldung der privaten Haushalte. Sogar die Langzeitarbeitslosigkeit ist unter die Marke von 2 Millionen gesunken.

Diese Entwicklung schlägt sich auch in den Löhnen nieder, die pro Haushalt 201 um 3,2 Prozent wuchsen und laut Prognose der Creditreform auch 2012 noch weiter wachsen werden. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn die Teilzeitarbeit nimmt zu. 1999 arbeiteten 5,81 Millionen Deutsche in Teilzeit, heute sind es 7,84 Millionen, 35 Prozent mehr. Und auch die Zahl jener, die trotz eines Arbeitsplatzes auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, wächst. Seit 2007 ist diese Zahl um 13 Prozent auf 1,4 Millionen Menschen gestiegen.

Überraschend ist diese Entwicklung nicht. Bereits vor einem Jahr warnte das Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) vor einer Spaltung der Gesellschaft. Das Institut hatte errechnet, dass in der Zeit von 2000 bis 2010 der Anteil der Haushalte an der Gesamtbevölkerung gestiegen sind, die weniger als 70 Prozent mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Auf der anderen Seite stieg auch der Anteil jener Haushalte, die ein Einkommen von mehr als 150 Prozent des Mittelwertes erzielen.

"Statuspanik" bei der Mittelschicht

"Statuspanik" diagnostizierte das Institut bei jenen, die aus der Mittelschicht abzusteigen drohten. Einen ähnlichen Befund erhebt auch der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück in einem Gastbeitrag für die "Zeit" und warnt vor dem Rückgang der "Normalbeschäftigungsverhältnisse".

"Selbst Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in einem Normalarbeitsverhältnis haben, in den vergangenen zehn Jahren, kaum oder gar keine Reallohnzuwächse verzeichnet, was sich logischerweise negativ auf ihre Kaufkraft und damit ebenfalls auch auf die Binnennachfrage, in Deutschland, ausgewirkt hat", fügt Steinbrück hinzu. Doch nicht nur das. Auch für die Verschuldung ist so eine Entwicklung langfristig ein idealer Nährboden.

Insofern ist es nicht überraschend, wenn die CreditReform in Deutschland einen Anstieg des Anteils jener Schuldner mit einer "strukturellen Überschuldung" verzeichnet, also jener Schuldner. Sie befinden sich in einer "dauerhaften Überschuldungskrise und können nicht oder nur begrenzt von der positiven Entwicklung von Konjunktur und Beschäftigungsmarkt profitieren". Dieser "veränderungsresistente Schuldnersockel hat zwischen 2006 und 2011 um 300.000 auf 3,7 Millionen Fälle zugenommen.

Und sie stellen mehr als die Hälfte aller Überschuldungsfälle. Noch allerdings steht Deutschland im internationalen Vergleich noch recht gut da. So hat der durchschnittliche bundesdeutsche Haushalt Schulden in Höhe von 13.800 Euro angehäuft. In Griechenland sind es gut 10.200 Euro, in Irland 30.200 Euro. Zahlen, die tendenziell steigen werden, prognostiziert die Erhebung. Denn die Kosten für "Staatsbankrott" oder zur Rettung von Banken werden letztendlich von den Privathaushalten getragen werden müssen.

Denn auch die Staaten leiden unter den Schulden, die einen mehr, die anderen weniger. Und trotz der Unterschiede ihrer Staatsverschuldung eint die europäischen Länder eines - ihr Spielraum sinkt. So liegt die Schuldenquote gemessen am Bruttoinlandsprodukt in Deutschland bei 83 Prozent, in Griechenland bei 166 Prozent. Ab einer Schuldenquote von 90 Prozent schwindet der Spielraum des Staates rapide, so eine Daumenregel der Volkswirte.

Kein Wunder also, wenn Politiker laut über die Einführung neuer Steuern wie der Finanzmarkttransaktionssteuer oder der Wiederbelebung der Vermögenssteuer nachdenken. Was wiederum die Protestbewegungen stärken dürfte. Gute Aussichten also für Occupy Hamburg und Co.

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