DIHK-Konjunkturumfrage "Die harten Fakten sehen nicht schlecht aus"

Die Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags unter tausenden Unternehmen zeigt ein freundliches Bild. DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben erklärt im Interview, warum wir den Abschwung nicht zu fürchten brauchen - und die Statistik über die Lage täuscht.
Azubi in Metallbetrieb: "Die Unternehmen wollen mehr einstellen"

Azubi in Metallbetrieb: "Die Unternehmen wollen mehr einstellen"

Foto: Martin Schutt/ picture alliance / dpa

mm: Herr Wansleben, die meisten Frühindikatoren zeigen klar nach unten. Ihre aktuelle Konjunkturumfrage hebt sich davon ab. Sind die deutschen Unternehmen die letzten Optimisten?

Wansleben: Auch in unserer Umfrage sehen wir einen deutlichen Abschwung in den Konjunkturerwartungen gegenüber dem Frühsommer. Der Saldo zwischen den Unternehmen, die ihre Aussichten besser und denen, die sie schlechter beurteilen, hat sich um 18 Punkte verschlechtert. Die Optimisten haben aber immer noch einen Vorsprung von 7 Prozentpunkten. Ihre aktuelle Geschäftslage beurteilen die Unternehmen weiterhin so gut wie nie zuvor.

mm: Kommt von der Angst an den Finanzmärkten nichts bei den Unternehmen an?

Wansleben: Man sagt ja, Wirtschaft bestehe zu einem großen Teil aus Psychologie. Aber wir schauen auch auf die andere, die rationale Seite: Wie handeln die Unternehmen tatsächlich? Worauf stellen sie sich ein? Und da zeigt sich, dass sie weiterhin mehr einstellen und investieren wollen, auch wenn sie ihre Pläne leicht zurücknehmen. Die Mehrheit der Befragten beurteilt ihre Lage als normal, weder gut noch schlecht. Die Realität bestimmt ihr Handeln, und die harten Fakten sehen nicht so schlecht aus. Von einem Absturz der deutschen Wirtschaft kann keine Rede sein. Das langsamere Wachstum, das wir sehen, ist normal für die reife Phase des Aufschwungs.

mm: Könnte dieses Beharren der Unternehmen auf Investitionen und Einstellungen sich selbst als Stütze für die Konjunktur erweisen?

Wansleben: Ja, der Wunsch nach Stabilität ist sowieso ein wesentliches Element in unserer Gesellschaft. Die Stabilisierung des Arbeitsmarkts führt zu einer Stabilisierung der Binnennachfrage. Gerade in der Bauwirtschaft erleben wir derzeit einen noch zunehmenden Aufschwung, auch im Konsum ist noch Luft nach oben.

mm: Läuft die Binnenwirtschaft der Exportindustrie den Rang ab?

Wansleben: Die deutsche Wirtschaft ist traditionell stark exportgetrieben. Wir rechnen jetzt mit einem Wirtschaftswachstum von 1 Prozent für 2012 nach 3 Prozent in diesem Jahr. Dafür sorgt vor allem ein verschlechterter Beitrag des Außenhandels. Das bedeutet aber keinen Einbruch der Exporte, sondern liegt an steigenden Importen, weil die Nachfrage im Inland zunimmt. Mehr Importe sind ein positives Zeichen von mehr Wohlstand, außerdem stützen wir damit vor allem die europäischen Partner. Die Statistik zeigt also ein schlechteres Bild von der Wirtschaft, als wir es in der Realität empfinden.

mm: Haben Sie gar keine Angst vor einem Rückschlag?

Wansleben: Leider hängt auch die Psychologie im Markt. Das ist deutlich zu spüren. Die Firmen sorgen sich vor allem um die politischen Risiken: Was wird aus dem Euro, was aus Europa, letztlich ja aus der ganzen westlichen Welt, denn in den USA sind die Probleme ja nicht kleiner. Die Konjunkturerwartungen haben sich flächendeckend quer durch alle Branchen gedämpft. Das spricht für psychologische Faktoren.

mm: Sie sammeln die Umfragen aus 80 lokalen Industrie- und Handelskammern. Wo sieht es besonders gut aus, wo besonders schlecht?

Wansleben: Die Erwartungen sind vor allem dort, wo die Exportbranchen besonders stark sind, nicht mehr ganz so optimistisch. Das betrifft zum Beispiel Regionen in Süddeutschland. Aber auch dort haben die Exportunternehmen dank voller Auftragsbücher immer noch einen riesigen Vorsprung, der jetzt allmählich schrumpft. Ostdeutschland spürt dagegen vom Abschwung weniger. Das heißt aber nicht, dass die Wirtschaft dort besser dasteht, sondern liegt vor allem daran, dass die Industrie dort immer noch nicht so stark vertreten ist.

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