Herbstgutachten Deutschland schrammt an der Rezession vorbei

Nach zwei Jahren Aufschwung muss sich die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr auf einen harten Rückschlag einstellen. Die führenden Forschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognose deutlich nach unten korrigiert. Gute Nachrichten gibt es lediglich für Arbeitnehmer.
Autoindustrie: Noch laufen die Bänder der deutschen Autobauer auf Hochtouren, im nächsten Jahr könnte die Nachfrage deutlich sinken

Autoindustrie: Noch laufen die Bänder der deutschen Autobauer auf Hochtouren, im nächsten Jahr könnte die Nachfrage deutlich sinken

Foto: KAI-UWE KNOTH/ AP

Berlin - Die Ökonomen erwarten für 2012 nur noch einen Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt von 0,8 Prozent. Das geht aus dem heute vorgelegten Herbstgutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute hervor. Im Frühjahr hatten die Experten noch ein Wachstum von 2 Prozent vorhergesagt. Wegen des starken Jahresauftakts hoben die Institute allerdings ihre Prognose für dieses Jahr von 2,8 auf 2,9 Prozent an.

Die Schuldenkrise drohe sich zu einer Bankenkrise auszuweiten, heißt es zur Begründung. "Dies belastet zunehmend auch die deutsche Konjunktur", warnen die Experten. "Die stark erhöhte Unsicherheit wird die inländische Nachfrage dämpfen, und der Außenhandel dürfte aufgrund der schwierigen Krise wichtiger Handelspartner nicht mehr zur Expansion beitragen."

Sollte sich die Staatsschuldenkrise weiter zuspitzen, werde das europäische Finanzsystem erneut ins Wanken geraten, so die Experten. Dies würde Auswirkungen auch auf nichtfinanzielle Unternehmen haben. Die deutsche Konjunktur würde dann stärker als erwartet gedämpft, so dass es zu einer Rezession käme. Unter der Annahme, dass die Schuldenkrise schrittweise an Schärfe verliere, werde das Wirtschaftswachstum in Deutschland ab Frühjahr 2012 wieder an Tempo zulegen, so die Experten.

Jobwunder geht weiter, keine Rezession

Trotz der befürchteten Konjunkturflaute sagen die Institute gute Zeiten für Arbeitnehmer voraus. Die tariflichen Stundenlöhne dürften um 2,5 Prozent zulegen und damit stärker als in diesem Jahr mit 1,8 Prozent. "Die Lohn- und Gehaltsrunde 2011 ist weitgehend abgeschlossen, mit vielen Vereinbarungen, die auch das Jahr 2012 betreffen", schreiben die Institute. "Dabei zeigt sich, dass angesichts der günstigeren gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen deutlich höhere Abschlüsse getätigt wurden als in den Vorjahren."

Auch das deutsche "Jobwunder" geht weiter: Die Zahl der Arbeitslosen werde im kommenden Jahr um 153.000 auf rund 2,8 Millionen (6,7 Prozent) sinken, die Beschäftigung um fast 200.000 auf den Rekordwert von knapp 41,3 Millionen steigen. In diesem Jahrliegt die Arbeitslosenquote durchschnittlich bei 7 Prozent.

Entlastung kommt auch von der Preisfront. Die Inflationsrate wird demnach von 2,3 auf 1,8 Prozent fallen und damit wieder unter der Zwei-Prozent-Marke liegen, bis zu der die (EZB) von stabilen Preisen spricht. "Ausschlaggebend hierfür dürfte der geringere Anstieg der Importpreise sein", erwarten die Institute.

"Der inländische Preisdruck wird hingegen leicht zunehmen." Maßgeblich dafür seien verstärkt anziehenden Lohnstückkosten. Auch der Staat drehe an der Preisschraube. "So werden Kommunen vielfach Gebühren erhöhen, um ihre Haushalte zu konsolidieren", hieß es. "Zudem dürfte die Umgestaltung des Energiemix, bedingt durch die Abschaltung von Atomkraftwerken, den Stromverbrauch künftig verteuern."

Kritik übten die Wirtschaftsexperten am Euro-Krisenmanagement der Politik. Sie fordern, endlich einheitliche Verfahren für den Umgang mit Staats- und Bankenpleiten durchzusetzen. Mit einer Eskalation der Bankenkrise wegen einer Umschuldung in Griechenland rechnen die Institute aber nicht. "Eine Ansteckung in dem Ausmaß wie nach der Insolvenz von Lehman Brothers ist wenig wahrscheinlich." Deshalb sei eine schwere Rezession wie 2009, als die Konjunktur wegen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise um 5,1 Prozent einbrach, nicht zu erwarten.

Unterschiedliche Bewertung der EZB-Anleihekäufe

Die Staatsanleihenkäufe der EZB bewerten die Ökonomen unterschiedlich. Die Mehrheit der Institute vertritt die Auffassung, dass die EZB ihr Mandat überdehnt und ihre Unabhängigkeit aufs Spiel gesetzt hat, heißt es in dem Gutachten. Zudem verminderten die Anleihekäufe den Druck auf die Mitgliedsländer und auf die Europäische Kommission, ihrerseits Verfahren zur Lösung der Schuldenkrise zügig auf den Weg zu bringen. Der Konsolidierungsdruck auf die einzelnen Länder werde reduziert.

Eine abweichende Haltung vertritt das Konsortium aus IWH (Institut für Weltwirtschaft Halle) und Kiel Economics. Die Staatsanleihenkäufe der EZB seien aufgrund der akuten Bedrohung der Stabilität des Banken- und Finanzsystems gerechtfertigt. Die von allen Instituten geforderten ordnungspolitischen Lösungen könnten laut IWH nicht kurzfristig realisiert werden.

Einig sind sich die Institute jedoch in der Einschätzung, dass es sich um keine nachhaltige Situation handele, wenn die Verantwortung für die wirtschaftspolitischen Ziele verwischt wird. "Zentral ist, dass die EZB wieder in die Lage versetzt wird, unabhängig von der Finanzpolitik zu agieren und die Preisstabilität zu sichern.

Gefahren für Geldwertstabilität steigen

Die Gefahren für die Geldwertstabilität haben nach Einschätzung der Institute im Zuge der Schuldenkrise zugenommen. Noch hätten sich diese Gefahren nicht in der tatsächlichen Inflationsentwicklung niedergeschlagen. Es sei also noch Zeit umzusteuern. Dafür müsse die EZB den Ankauf von Staatsanleihen rasch stoppen, fordern die Institute.

Aber auch die Wirtschaftspolitik sei geforderte. Diese müsse eine zentrale Institution schaffen, die schnell und unabhängig von der Zustimmung aller Mitgliedsstaaten systemrelevante Banken stützen und gegebenenfalls abwickeln kann. Die Zeit dränge, da schon der nächste große Inflationsschock zu einer "Entankerung" der Inflationserwartungen führen könne.

Die Gemeinschaftsdiagnose wurde im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung Essen (RWI), dem Institut für Wirtschaftsforschung München (Ifo), dem Institut für Weltwirtschaft Kiel(IfW) und dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) erstellt, die dabei mit weiteren Instituten kooperierten.

mg/dpa-afx/dapd/rtr
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