Rezessionsgefahr Banken drängen EZB zu Zinssenkung

Auf der letzten Sitzung unter Führung von Noch-EZB-Chef Jean-Claude Trichet soll der Rat der Europäischen Zentralbank die Wirtschaft des Kontinents retten. Der Markt erwartet, dass die Geldhüter die Zinsen wieder senken, die sie gerade erst erhöht haben - ungeachtet der gestiegenen Inflation.
Frankfurter Euro-Tower: Zum Abschied von Jean-Claude Trichet tagt der EZB-Rat auswärts

Frankfurter Euro-Tower: Zum Abschied von Jean-Claude Trichet tagt der EZB-Rat auswärts

Foto: dapd

Hamburg - So hat sich Jean-Claude Trichet seinen Abschied sicher nicht vorgestellt. Zum letzten Mal nach acht Jahren Amtszeit leitet der EZB-Präsident an diesem Donnerstag in Berlin die monatliche Sitzung des Zentralbankrats, bevor er die Präsidentschaft der Geldbehörde zum 1. November an Mario Draghi übergibt. Und vieles spricht dafür, dass Trichet eine Kehrtwende vollziehen und eigene Fehler einräumen muss, um nicht als Totengräber des Euro in die Geschichte einzugehen.

"Ein gemütlicher Abend wird das wohl nicht werden", prophezeit Alessandro Bee, Ökonom der Baseler Privatbank Sarasin. Die EZB sei als "letzte handlungsfähige Institution der Euro-Zone" gefordert: "Der Geldmarkt ist ausgetrocknet, die vorlaufenden Indikatoren weisen auf eine mögliche Rezession hin und Italien droht in den Schuldenstrudel abzugleiten." Was Europa brauche, sei lockeres Geld. Mit einer raschen Senkung des Leitzinses von 1,5 auf 1,0 Prozent könne die Bank ihren Willen zeigen, "der konjunkturellen Abkühlung nicht kampflos zuzuschauen".

Sollten sich die Geldhüter tatsächlich dazu entschließen, wird sich die Häme kübelweise über sie ergießen. Denn im April und zuletzt noch im Juli hatten sie den umgekehrten Weg eingeschlagen und aus Angst vor Inflation die Zinsen erhöht. Schon jetzt lästern Beobachter wie der US-Finanzblogger Barry Ritholtz, jedem außer Trichet und Kollegen sei "kristallklar, dass die jüngsten Zinserhöhungen der EZB ein völliger, gewaltiger Fehler waren - genau wie 2008, als die EZB kurz darauf eine Kehrtwende machen musste". Milder im Ton, aber mit ähnlichem Tenor äußert sich Konjunkturforscher Gustav Horn im Interview mit manager magazin.

Klare Mehrheit im EZB-Schattenrat für Zinssenkung

Obwohl eine Zinssenkung jetzt dem Eingeständnis eines Fehlers gleichkäme, schloss keines der Ratsmitglieder in den jüngsten öffentlichen Auftritten einen solchen Schritt aus - auch nicht der Belgier Luc Coene oder der Luxemburger Yves Mersch, die bisher besonders für straffere Geldpolitik eingetreten waren. Der Finne Erkki Liikanen wirbt geradezu dafür und verweist auf die "erheblichen Abwärtsrisiken" für die Konjunktur.

Der Finanzmarkt stellt sich bereits auf eine Zinswende ein, wie die Geldmarktzinsen zeigen. "Wir haben unsere Einschätzung geändert und erwarten nun, dass die EZB den Leitzins am 6. Oktober um einen halben Prozentpunkt senkt", schrieb der Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland , Jacques Cailloux, in einer Kundenmitteilung zum Wochenende. Ähnlich sehen das die Experten von JPMorgan Chase , Credit Agricole , Barclays  und BNP Paribas .

12 der 15 Mitglieder des EZB-Schattenrats, der vor den Ratstreffen Empfehlungen abgibt, votieren für eine Zinssenkung, fünf von ihnen wollen sogar gleich den Leitzins um einen halben Prozentpunkt wieder auf 1,0 senken. Zwei weitere deuten eine Tendenz zu lockererer Geldpolitik an. Nur für einen der Ökonomen kommt eine Senkung im Oktober gar nicht infrage: Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

"Schönes Geschenk" für Mario Draghi

Doch auch Krämer sieht Handlungsbedarf: Laut Commerzbank-Prognose wird die Wirtschaft im Euro-Raum im gerade begonnenen Winterhalbjahr in die Rezession zurückfallen, für 2012 sagen die Bankvolkswirte 0,0 Prozent Wachstum voraus. Das rechtfertige eine Zinssenkung auf 1,0 Prozent, doch dafür sei Zeit bis zum Frühjahr. Statt den Leitzins zu senken, könnte die EZB mit anderen Mitteln der Konjunktur wirksamer helfen, meint die Commerzbank .

Eine Option sei, den Einlagenzins von derzeit 0,75 Prozent zu senken, den Geschäftsbanken dafür bekommen, dass sie ihr Geld bei der EZB deponieren - am Dienstag stieg die geparkte Summe erstmals in diesem Jahr über 200 Milliarden Euro. Die Banken haben nicht zu wenig Geld, um es zu verleihen; sie wissen nicht, wohin damit. Die kurzfristigen Marktzinsen notierten "aufgrund der Überschussliquidität nahe dem Einlagesatz", so die Commerzbank. Man könnte diesen Zins also in der aktuellen Situation als den echten Leitzins ansehen.

Die meisten Experten erwarten, dass die EZB auch mit anderen Mitteln die Geldvergabe lockert, etwa indem sie den Banken wieder Zentralbankkredite mit zwölfmonatiger Laufzeit gibt wie zuletzt 2009 (statt zuletzt maximal für sechs Monate) oder mit erneuten Käufen von Pfandbriefen oder anderen sicheren Anleihen auch die Geldmenge ausweitet.

Trichet übernimmt Argument der Gegner seiner Geldpolitik

Die zuletzt stark gestiegene Inflation dürfte kaum ein Hindernis darstellen. Dass die Teuerungsrate im September auf 3 Prozent stieg, sei "fast ausschließlich die Folge von Ölpreisentwicklungen ", betonte Trichet am Dienstag vor dem Europaparlament. Damit nimmt er das Argument der EZB-Kritiker auf, die schon im Frühjahr gewarnt hatten, die von der Notenbank zum Anlass für höhere Zinsen genommenen Inflationsraten seien vorübergehend.

In der Sache steht einer erneuten Zinswende also nicht viel entgegen. Der Rat könnte sich aber auch von anderen Faktoren leiten lassen. "Wir werden über Geldpolitik diskutieren", formulierte der finnische Zentralbankchef Liikanen eine Selbstverständlichkeit. Aber das Treffen stehe unter besonderen Vorzeichen: weil es als eine von zwei Ratssitzungen außerhalb des Frankfurter Euro Tower abgehalten wird, und weil Trichet seinen Abschied gibt.

Marco Valli von der Unicredit  meint, eine Zinssenkung im Oktober ware "ein schönes Geschenk" für Trichets Nachfolger Draghi. Denn dann müsse der Italiener die Entscheidung nicht gleich nach seinem Amtsantritt im November tragen und so die Verantwortung für eine weichere Geldpolitik übernehmen. Die Zentralbanker könnten darin ein Argument für eine Zinssenkung sehen - genauso gut aber auch dagegen.

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