Samstag, 7. Dezember 2019

Rezessionsgefahr Banken drängen EZB zu Zinssenkung

Frankfurter Euro-Tower: Zum Abschied von Jean-Claude Trichet tagt der EZB-Rat auswärts

Auf der letzten Sitzung unter Führung von Noch-EZB-Chef Jean-Claude Trichet soll der Rat der Europäischen Zentralbank die Wirtschaft des Kontinents retten. Der Markt erwartet, dass die Geldhüter die Zinsen wieder senken, die sie gerade erst erhöht haben - ungeachtet der gestiegenen Inflation.

Hamburg - So hat sich Jean-Claude Trichet seinen Abschied sicher nicht vorgestellt. Zum letzten Mal nach acht Jahren Amtszeit leitet der EZB-Präsident an diesem Donnerstag in Berlin die monatliche Sitzung des Zentralbankrats, bevor er die Präsidentschaft der Geldbehörde zum 1. November an Mario Draghi übergibt. Und vieles spricht dafür, dass Trichet eine Kehrtwende vollziehen und eigene Fehler einräumen muss, um nicht als Totengräber des Euro in die Geschichte einzugehen.

"Ein gemütlicher Abend wird das wohl nicht werden", prophezeit Alessandro Bee, Ökonom der Baseler Privatbank Sarasin. Die EZB sei als "letzte handlungsfähige Institution der Euro-Zone" gefordert: "Der Geldmarkt ist ausgetrocknet, die vorlaufenden Indikatoren weisen auf eine mögliche Rezession hin und Italien droht in den Schuldenstrudel abzugleiten." Was Europa brauche, sei lockeres Geld. Mit einer raschen Senkung des Leitzinses von 1,5 auf 1,0 Prozent könne die Bank ihren Willen zeigen, "der konjunkturellen Abkühlung nicht kampflos zuzuschauen".

Sollten sich die Geldhüter tatsächlich dazu entschließen, wird sich die Häme kübelweise über sie ergießen. Denn im April und zuletzt noch im Juli hatten sie den umgekehrten Weg eingeschlagen und aus Angst vor Inflation die Zinsen erhöht. Schon jetzt lästern Beobachter wie der US-Finanzblogger Barry Ritholtz, jedem außer Trichet und Kollegen sei "kristallklar, dass die jüngsten Zinserhöhungen der EZB ein völliger, gewaltiger Fehler waren - genau wie 2008, als die EZB kurz darauf eine Kehrtwende machen musste". Milder im Ton, aber mit ähnlichem Tenor äußert sich Konjunkturforscher Gustav Horn im Interview mit manager magazin.

Klare Mehrheit im EZB-Schattenrat für Zinssenkung

Obwohl eine Zinssenkung jetzt dem Eingeständnis eines Fehlers gleichkäme, schloss keines der Ratsmitglieder in den jüngsten öffentlichen Auftritten einen solchen Schritt aus - auch nicht der Belgier Luc Coene oder der Luxemburger Yves Mersch, die bisher besonders für straffere Geldpolitik eingetreten waren. Der Finne Erkki Liikanen wirbt geradezu dafür und verweist auf die "erheblichen Abwärtsrisiken" für die Konjunktur.

Der Finanzmarkt stellt sich bereits auf eine Zinswende ein, wie die Geldmarktzinsen zeigen. "Wir haben unsere Einschätzung geändert und erwarten nun, dass die EZB den Leitzins am 6. Oktober um einen halben Prozentpunkt senkt", schrieb der Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland Börsen-Chart zeigen, Jacques Cailloux, in einer Kundenmitteilung zum Wochenende. Ähnlich sehen das die Experten von JPMorgan Chase Börsen-Chart zeigen, Credit Agricole Börsen-Chart zeigen, Barclays Börsen-Chart zeigen und BNP Paribas Börsen-Chart zeigen.

12 der 15 Mitglieder des EZB-Schattenrats, der vor den Ratstreffen Empfehlungen abgibt, votieren für eine Zinssenkung, fünf von ihnen wollen sogar gleich den Leitzins um einen halben Prozentpunkt wieder auf 1,0 senken. Zwei weitere deuten eine Tendenz zu lockererer Geldpolitik an. Nur für einen der Ökonomen kommt eine Senkung im Oktober gar nicht infrage: Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

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