Deutschland im Abschwung "Unsere einzige Hoffnung ist der Konsum"

Der Aufschwung XXL verflüchtigt sich. Auch die optimistischen Wirtschaftsforscher vom IMK geben die Hoffnung auf 4 Prozent Wachstum auf. Institutsdirektor Gustav Horn erklärt im Interview mit manager magazin, warum trotz stagnierender Wirtschaft noch deutlich höhere Löhne möglich sind.
Einkaufszentrum: "Für eine Rezession ist die Binnennachfrage noch zu kräftig"

Einkaufszentrum: "Für eine Rezession ist die Binnennachfrage noch zu kräftig"

Foto: Waltraud Grubitzsch/ dpa

mm: Herr Horn, bis heute waren Sie der führende Konjunkturoptimist in Deutschland. Noch im Juni sagten Sie der Wirtschaft ein Wachstum von 4 Prozent für 2011 voraus. Jetzt mussten Sie diese Vorhersage kassieren.

Horn: Das ist richtig. Wir waren nach dem furiosen Start, den die Wirtschaft zu Anfang des Jahres hingelegt hat, der Annahme, dass wir 4 Prozent in diesem Jahr würden erreichen können. Wenn die Wirtschaft im Sommer nur einigermaßen normal weitergelaufen wäre, dann hätten wir das auch schaffen können. Aber die Risiken, die wir damals auch schon gesehen haben, sind leider eingetreten, sodass wir die Wachstumsprognose auf 3,2 Prozent senken müssen. Für 2012 erwarten wir mit plus 0,7 Prozent nur noch eine Stagnation.

mm: Das ist vor allem für Ihre Auftraggeber, die Gewerkschaften, schlecht. Die haben mit ihrem Rhythmus der Tarifverhandlungen gar nicht mehr die Möglichkeit, an dem ultrakurzen Aufschwung richtig teilzuhaben.

Horn: Sicherlich verbessert das die Verhandlungsposition der Gewerkschaften nicht, es ist aber trotzdem wichtig, dass aus der kommenden Tarifrunde vernünftige Abschlüsse herauskommen. Unsere einzige Hoffnung für die Konjunktur ist einfach die Binnennachfrage. Vom Ausland haben wir nichts Gutes zu erwarten bei den Entwicklungen, die wir derzeit sehen. Und damit tatsächlich eine gute Konsumkonjunktur zustande kommt, braucht man entsprechende Lohnsteigerungen.

mm: Das heißt konkret?

Horn: Wir erwarten für nächstes Jahr etwa 2,5 Prozent Tariflohnplus, deutlich mehr als in den vergangenen Jahren, sodass wegen der rückläufigen Inflationsentwicklung nach unserer Prognose durchaus real etwas in den Taschen der Arbeitnehmer hängenbleiben dürfte. Das ist sicherlich möglich im nächsten Jahr, aber natürlich ist das Umfeld alles andere als gut.

mm: Da erwarten Sie ja ziemlich viel von den Unternehmen. Gleichzeitig gehen Sie in Ihrer Prognose trotz Stagnation der deutschen Wirtschaft von weiterhin abnehmender Arbeitslosigkeit aus. Sollen die Unternehmen wie schon in der letzten Krise Arbeitskräfte horten, also Arbeitszeitkonten abbauen?

Horn: In der Tat gehen wir davon aus, nachdem in letzter Zeit wieder Überstunden angespart wurden, dass die Arbeitszeitkonten jetzt erneut entspart werden. Das heißt, die Menschen werden nicht entlassen, aber sie arbeiten weniger. Wir erwarten, dass die Beschäftigung noch leicht steigt. Das sind aber eher Effekte, die von diesem Jahr noch herüberschwappen. Dass die Arbeitslosigkeit noch weiter zurückgeht, hat im Wesentlichen aber demografische Gründe und nichts mit der Konjunktur zu tun.

mm: Ist der stabile Arbeitsmarkt ein Grund, warum Deutschland nach Ihrer Prognose einer Rezession, vor der andere schon warnen, entkommt?

Horn: Für eine Rezession ist die Binnennachfrage noch zu kräftig. Wir glauben auch nicht die Zahlen des zweiten Quartals, die einen Konsumrückgang anzeigten. Das scheint ein statistisches Artefakt zu sein, das aus besonderen Saison- und Kalendereffekten herrührt.

mm: Und wie sieht es für die Euro-Zone insgesamt aus?

Horn: Da sehen wir das Risiko verschärft. Auch hier sagen wir eine Stagnation voraus, aber mit einer Tendenz eher zur roten Null als zur schwarzen. In einigen Ländern werden wir eine Rezession erleben, in Griechenland sehen wir es ja schon in aller Deutlichkeit, wir vermuten es auch für Portugal und Spanien. Und in allen anderen Ländern dürfte nur schwaches Wachstum entstehen.

"Wir fordern eine Rücknahme der Zinserhöhungen"

mm: Sehen Sie noch Spielraum für staatliche Konjunkturpolitik?

Horn: Sehr wenig. Eigentlich wäre das nötig, um die Wirtschaft wieder auf Erholungskurs zu bringen, aber es ist klar, dass manche Länder nicht um Sparprogramme herumkommen. Und insbesondere Deutschland ist durch die Schuldenbremse in seinem Spielraum mächtig eingeschränkt. Die einzige Chance, die wir hier sehen, sind gegenfinanzierte Ausgaben, dass man also Steuern erhöht und gleichzeitig Ausgaben steigert. Das kann insgesamt einen positiven Effekt haben, wenn man sehr konjunkturunschädliche Steuern erhebt, wie die Vermögenssteuer beispielsweise.

mm: Und die Geldpolitik? Morgen tagt der EZB-Rat, was sollte der in dieser Situation unternehmen?

Horn: Wir hatten schon von Anfang an die Zinserhöhungen der EZB im Sommer für verfrüht gehalten, weil wir den Inflationsdruck, den die EZB zu entdecken vermeinte, nie gesehen haben. Ich glaube, das Argument ist in den letzten Monaten stärker geworden. Wir fordern eine Rücknahme der Zinserhöhungen als einen Schritt, der uns konjunkturell helfen wird, aber nicht das ganze Problem lösen kann.

mm: Sie erwarten das schon für die morgige Sitzung?

Horn: Eher nicht, weil die EZB schnelle Kurskorrekturen scheut aus Gründen der Glaubwürdigkeit. Allerdings wirkt es auch nicht besonders glaubwürdig, inmitten einer sich stark abschwächenden Konjunktur einfach nur den Kurs beizubehalten. Wenn ein Hindernis auftaucht, sollte man ihm ausweichen.

mm: Die Konjunktur hat jetzt in extrem rascher Folge gedreht: Vor zwei Jahren hatten wir die tiefste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, dann kam der Aufschwung XXL, und jetzt ist schon wieder Krisenstimmung angesagt. Müssen wir uns in Zukunft an solche kurzen Wackelzyklen gewöhnen?

Horn: Ja, wir haben eine grundsätzliche Veränderung des Wirtschaftszyklus seit der Jahrtausendwende zu konstatieren. Zunehmend werden die Zyklen durch Finanzmarkttendenzen bestimmt. Während früher eher eine überhitzte Wirtschaft, in der es zu Kapazitätsengpässen kam, zu Inflationstendenzen neigte, die dann abgebremst werden mussten, ist heute das Bild ganz anders. Heute überschießen die Finanzmärkte, Spekulationsblasen brechen in sich zusammen, und in dem Moment wird auch der Konjunkturzyklus beeinflusst. Die Finanzmärkte sind wesentlich hektischer und volatiler als die Realwirtschaft, und das bedingt dieses schnelle Auf und Ab.

mm: Ist diese Hektik nicht unter Kontrolle zu bringen?

Horn: Nur, wenn man die Finanzmärkte stärker reguliert und in ruhigere Bahnen zwingt. Das geht nicht von alleine, das kann nur durch Vorschriften gelingen. Solange man das nicht tut, so lange wird die Hektik bleiben.

mm: Eine verpasste Chance nach der letzten Finanzkrise?

Horn: Definitiv. Man hätte viel schneller und härter agieren müssen. Das ist leider nicht geschehen.

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