Mittwoch, 16. Oktober 2019

Europa "Es brennt, aber es passiert nichts"

Ökonom Gros: "In der Krise muss die EZB helfen, die Finanzmärkte vor einem Komplettzusammenbruch zu bewahren"

Wie lässt sich die Währungsunion retten? Nicht mit den bisherigen Mitteln, sagt der Brüsseler Ökonom Daniel Gros im Interview mit manager magazin Online. Die Regierungen der Euro-Staaten müssten endlich die Probleme angehen - und die Europäische Zentralbank müsse weiter Anleihen kaufen.

mm: Herr Gros, die Euro-Krise erreicht immer weitere Eskalationsstufen. Im aktuellen Heft befassen wir uns in einem umfangreichen Report mit der Frage, ob sich die Krise nur durch Schaffung der Vereinigten Staaten von Euro-Land stoppen lässt. Wie ist Ihre Meinung: Muss das Euro-Land zu einem Bundesstaat werden?

Gros: Ich bin da sehr skeptisch. Natürlich wäre das wünschenswert; faktisch gibt es "Euro-Land" bislang ja gar nicht. Aber so uneins, wie die Europäer derzeit sind, hätte ein solch ambitioniertes Projekt wohl kaum Chancen.

mm: Was müsste denn Ihrer Meinung nach mit Priorität passieren?

Gros: Zentral ist die Regulierung der Finanzmärkte. Das ist der wichtigste Bereich, wo wir zu mehr Integration finden müssen. Wir brauchen einen echten Europäischen Währungsfonds, außerdem einen gemeinsamen Bankenrettungsfonds, eine wirklich handlungsfähige gemeinsame Aufsicht für die Finanzmärkte, eine gemeinsame Einlagenversicherung. Das sind die Bereiche, wo es brennt. Aber da ist bislang kaum etwas passiert. Deshalb verschärft sich die Krise immer weiter.

mm: Weil es vor allem der Finanzsektor ist, der die Lage immer weiter verschlimmert?

Gros: Natürlich. Die immer noch nicht strikter regulierten Finanzmärkte verschärfen die Krise, indem sie durch spekulative Geschäfte teils vollkommen überzogene Marktreaktionen hervorrufen. Da sitzen ein paar Händler und treiben mit ein paar Klicks auf ihren Bildschirmen die Politik und die Realwirtschaft vor sich her. Das ist der Bereich, wo es kracht. Auch da wird nichts gemacht.

mm: Was fordern Sie denn konkret?

Gros: Nehmen wir die Frage der gemeinsamen Einlagensicherung. Es ist ja wohl klar, dass die Euro-Zone so etwas braucht, damit nicht auf Dauer einzelne Banken von der Euro-Staatengemeinschaft gerettet werden müssen. Mir geht es nicht darum, jetzt aktuell die griechischen Banken zu retten. Es geht mir um die Perspektive: Der Bankensektor muss grenzüberschreitend die Verantwortung für sein Handeln übernehmen, indem die Institute in einen gemeinsamen Fonds einzahlen, aus dem sie künftig die Rettung angeschlagener Banken tragen müssen. Wenn die Banken wissen, dass sie selbst zur Kasse gebeten werden, falls etwas schiefgeht, dann haben sie ein Eigeninteresse an schärferen Regulierungen. Wir sollten dieses System jetzt aufbauen.

mm: Das verhindert vielleicht künftige Schieflagen. Aber damit kommen wir doch nicht aus der akuten Krise.

Gros: Nein, aber wenn wir das nicht jetzt angehen, dann wird es einen solchen Regulierungsrahmen nie geben. Dann wird die unendliche Kette von Krisen nicht abreißen. Oder nehmen Sie die Frage der Eigenmittelverordnung für die Banken, insbesondere des Verbots der Risikokonzentration. Da könnte man eine kleine Klausel hineinschreiben: Jede Bank darf von einem einzelnen Staat nur so viele Anleihen halten, dass die jeweilige Exposure die Hälfte ihres Eigenkapitals nicht übersteigt. Diese Richtlinie wird gerade diskutiert. Hat sie eine Chance? Bislang: null. Ein europäischer Einlagensicherungsfonds? So ganz leise klingt das an. Es gibt viele Möglichkeiten, wo man ansetzen kann - aber davon redet niemand.

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