Europa "Es brennt, aber es passiert nichts"

Wie lässt sich die Währungsunion retten? Nicht mit den bisherigen Mitteln, sagt der Brüsseler Ökonom Daniel Gros im Interview mit manager magazin Online. Die Regierungen der Euro-Staaten müssten endlich die Probleme angehen - und die Europäische Zentralbank müsse weiter Anleihen kaufen.
Ökonom Gros: "In der Krise muss die EZB helfen, die Finanzmärkte vor einem Komplettzusammenbruch zu bewahren"

Ökonom Gros: "In der Krise muss die EZB helfen, die Finanzmärkte vor einem Komplettzusammenbruch zu bewahren"

Foto: Corbis

mm: Herr Gros, die Euro-Krise erreicht immer weitere Eskalationsstufen. Im aktuellen Heft befassen wir uns in einem umfangreichen Report mit der Frage, ob sich die Krise nur durch Schaffung der Vereinigten Staaten von Euro-Land stoppen lässt. Wie ist Ihre Meinung: Muss das Euro-Land zu einem Bundesstaat werden?

Gros: Ich bin da sehr skeptisch. Natürlich wäre das wünschenswert; faktisch gibt es "Euro-Land" bislang ja gar nicht. Aber so uneins, wie die Europäer derzeit sind, hätte ein solch ambitioniertes Projekt wohl kaum Chancen.

mm: Was müsste denn Ihrer Meinung nach mit Priorität passieren?

Gros: Zentral ist die Regulierung der Finanzmärkte. Das ist der wichtigste Bereich, wo wir zu mehr Integration finden müssen. Wir brauchen einen echten Europäischen Währungsfonds, außerdem einen gemeinsamen Bankenrettungsfonds, eine wirklich handlungsfähige gemeinsame Aufsicht für die Finanzmärkte, eine gemeinsame Einlagenversicherung. Das sind die Bereiche, wo es brennt. Aber da ist bislang kaum etwas passiert. Deshalb verschärft sich die Krise immer weiter.

mm: Weil es vor allem der Finanzsektor ist, der die Lage immer weiter verschlimmert?

Gros: Natürlich. Die immer noch nicht strikter regulierten Finanzmärkte verschärfen die Krise, indem sie durch spekulative Geschäfte teils vollkommen überzogene Marktreaktionen hervorrufen. Da sitzen ein paar Händler und treiben mit ein paar Klicks auf ihren Bildschirmen die Politik und die Realwirtschaft vor sich her. Das ist der Bereich, wo es kracht. Auch da wird nichts gemacht.

mm: Was fordern Sie denn konkret?

Gros: Nehmen wir die Frage der gemeinsamen Einlagensicherung. Es ist ja wohl klar, dass die Euro-Zone so etwas braucht, damit nicht auf Dauer einzelne Banken von der Euro-Staatengemeinschaft gerettet werden müssen. Mir geht es nicht darum, jetzt aktuell die griechischen Banken zu retten. Es geht mir um die Perspektive: Der Bankensektor muss grenzüberschreitend die Verantwortung für sein Handeln übernehmen, indem die Institute in einen gemeinsamen Fonds einzahlen, aus dem sie künftig die Rettung angeschlagener Banken tragen müssen. Wenn die Banken wissen, dass sie selbst zur Kasse gebeten werden, falls etwas schiefgeht, dann haben sie ein Eigeninteresse an schärferen Regulierungen. Wir sollten dieses System jetzt aufbauen.

mm: Das verhindert vielleicht künftige Schieflagen. Aber damit kommen wir doch nicht aus der akuten Krise.

Gros: Nein, aber wenn wir das nicht jetzt angehen, dann wird es einen solchen Regulierungsrahmen nie geben. Dann wird die unendliche Kette von Krisen nicht abreißen. Oder nehmen Sie die Frage der Eigenmittelverordnung für die Banken, insbesondere des Verbots der Risikokonzentration. Da könnte man eine kleine Klausel hineinschreiben: Jede Bank darf von einem einzelnen Staat nur so viele Anleihen halten, dass die jeweilige Exposure die Hälfte ihres Eigenkapitals nicht übersteigt. Diese Richtlinie wird gerade diskutiert. Hat sie eine Chance? Bislang: null. Ein europäischer Einlagensicherungsfonds? So ganz leise klingt das an. Es gibt viele Möglichkeiten, wo man ansetzen kann - aber davon redet niemand.

"Der bisherigen Rettungspolitik fehlt die Glaubwürdigkeit"

mm: Der Euro-Rettungsfonds EFSF, über dessen Ausbau am 29. September der Bundestag abstimmen soll, scheint die einzige echte institutionelle Innovation zu sein, die bislang aus der Krise hervorgegangen ist. Ist das nicht im Kern der von Ihnen vorgeschlagene Europäische Währungsfonds?

Gros: Der EFSF wird ein bisschen so angelegt. Das ist der Unterschied zwischen einem großen Wurf, der offen ausspricht, wo es lang geht - und einer Strategie des Durchwurstelns. Man sagt: Gut, wir verstärken den EFSF mal ein bisschen, und dann sehen wir mal. So bekommt man aber keine Beruhigung in die Märkte.

mm: Sie glauben, diese Unentschiedenheit heizt die Krise weiter an?

Gros: Jedenfalls fehlt der bisherigen Rettungspolitik die Glaubwürdigkeit. Alle wissen: Wenn die Märkte sich beruhigen, wird nichts gemacht. Aber wenn man erst in Phasen der Nervosität handelt, dann ist man immer wieder zu spät. Das ist ein Grundprinzip des bisherigen Krisenmanagements.

mm: Was müsste denn geschehen, um eine dauerhafte Eindämmung der Krise hinzubekommen?

Gros: Wir haben es in mehreren Ländern mit einer Überschuldung zu tun. Eine endgültige Lösung braucht Zeit. Es sei denn, man macht einen radikalen und generellen Schuldenschnitt. Aber das würde so heftige Verwerfungen auslösen, dass das niemand riskieren wird. Ein Europäischer Währungsfonds, wie ihn Thomas Mayer und ich konzipiert haben, würde eine allmähliche Anpassung hoch verschuldeter Euro-Staaten ermöglichen. Er würde uns Jahre Luft verschaffen, die wir brauchen werden, um die Anpassungen möglichst reibungsarm, aber nicht reibungslos über die Bühne zu bringen.

mm: "Anpassungen" - das heißt Schuldenabbau, Haushaltskonsolidierung?

Gros: Je nach der jeweiligen Problemlage. In Italien und Griechenland geht es vor allem um die Haushaltskonsolidierung. In Irland und Spanien geht es um die Restrukturierung des Bankensektors und die Konsolidierung der privaten Schulden. Portugals Probleme sind eher ein Mittelding zwischen Spanien und Griechenland. Man kann nicht überall gleich vorgehen.

mm: Italien ist gerade von Standard & Poor's mit einem verschlechterten Rating bestraft worden.

Gros: Was ich nicht recht verstehe. In Italien ist das Problem gar nicht so groß, so lange die Zinsen nicht allzu stark steigen. Das Land ist in der Lage, mit hohen Schuldenständen klarzukommen, das haben die Italiener in den vergangenen zwei Jahrzehnten bewiesen. Daran hat sich nichts Substanzielles geändert - außer dass die Märkte in Panik geraten sind.

mm: In der Bundesregierung und auch bei den Notenbanken geht man inzwischen davon aus, dass die Märkte eine von zwei Extremlösungen anstreben: entweder Aufspaltung der Euro-Zone oder eine viel weitergehende staatliche Integration der Mitgliedsländer, also "Vereinigte Staaten von Euro-Land". Sie sehen das offenbar anders.

Gros: Beides sind extreme Alternativen. Was ich gerade skizziert habe - eine schärfere, vergemeinschaftete Regulierung und ein Europäischer Währungsfonds - wären das kleinere Übel.

mm: Sogar Bundesbank-Chef Jens Weidmann hat eine echte "Fiskalunion" ins Spiel gebracht.

Gros: Wenn damit gemeint ist, dass wir "Euro-Bonds" einführen sollen, dann halte ich das für ziemlichen Unsinn. Wenn wir alle gemeinschaftlich für unsere Schulden haften, dann heißt das faktisch, dass die Deutschen die Schulden der anderen zu 100 Prozent unterschreiben. Kleine Länder wie Luxemburg oder Finnland können doch gar nicht für die italienischen Schulden von 1,9 Billionen Euro haften; die wären doch sofort pleite.

"Wir müssen einen Weg aus der Überschuldung finden"

mm: Aber zu einer Fiskalunion würde ja vermutlich viel mehr gehören: Die Nationalstaaten würden große Teile ihrer Haushaltsrechte an die Euro-Zone abtreten. Außerdem müsste es wohl auch automatische Transfermechanismen geben, etwa eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung für den gesamten Euro-Raum.

Gros: Das ist im Prinzip schon richtig. Aber ich halte all das zurzeit für nicht durchsetzbar. Deshalb sollten wir uns auf die unmittelbaren Probleme und deren Lösung konzentrieren. Wir haben eine Überschuldung in mehreren Euro-Staaten. Daran müssen wir arbeiten.

mm: Bislang vertraut das Krisenmanagement maßgeblich auf die Europäische Zentralbank (EZB), die in großem Umfang italienische und spanische Anleihen aufkauft. In Deutschland ist das heiß umstritten, auch Bundesbank-Chef Weidmann hat sich klar dagegen ausgesprochen.

Gros: Wir müssen einen Weg aus der Überschuldung finden. Dazu müssen wir die Zinsen im Griff behalten. Wenn sie nämlich in die Höhe springen, dann wird das zu einem sich selbst verstärkenden Prozess - dann finden wir keinen Ausweg aus der Überschuldung. Insofern: Die Politik muss den Märkten glaubwürdig gegenübertreten. Bei großen Ländern wie Spanien und Italien reicht der Rettungsfonds nicht aus - da kann das nur EZB.

mm: Für die EZB steht dabei viel auf dem Spiel. Es ist eine Abkehr ihrer bisherigen Rolle und ihres gesetzlichen Auftrags, der da lautet: Preisstabilität gewährleisten. Glauben Sie, dass die EZB bereit ist, unendlich weiter an den Märkten zu intervenieren?

Gros: Sie wird bereit sein müssen. Die Notenbanker haben ja ein ureigenes Interesse daran, dass der Euro nicht auseinanderbricht - dann ist sie ja selbst weg. Nein, nein, im EZB-Rat wird sich immer eine Mehrheit für die Fortsetzung der Interventionen finden.

mm: Gerade die Deutschen wollen diesen Weg nicht mitgehen: Erst ging Axel Weber, nun verlässt auch Chefvolkswirt Jürgen Stark die EZB vorzeitig. Weidmann lässt in seiner Opposition gegen die EZB-Mehrheit nicht nach. Dieser Riss legt doch die Axt an die gemeinsame Geldpolitik.

Gros: So weit würde ich nicht gehen. Aber das eine Lager wird immer grundsätzlich größer sein als das deutsche. Und das ist auch richtig: In der Krise muss die EZB ihre Prioritäten ändern - sie kann sich nicht mehr allein um die Inflation kümmern, sie muss helfen, die Finanzmärkte vor einem Komplettzusammenbruch zu bewahren. Das ist nicht die reine Lehre des Centralbanking, aber unumgänglich.

mm: Herr Gros, seit zwei Jahren steckt Euro-Land in einer Staatsschuldenkrise, die immer schlimmer wird. Was passiert als Nächstes?

Gros: Wir erleben eine Phase, die von einer Zitterpartie zwischen den Märkten und der EZB geprägt wird. Es ist ein strategisches Spiel: Die EZB versucht, so wenig wie möglich zu intervenieren. Dann fragen sich manche Leute in den Märkten: Können sie das wirklich durchhalten? Dann verkaufen einige Anleihen, woraufhin die Zinsen steigen. Dann grätscht die EZB wieder hinein und kauft Anleihen auf. Dieses Spiel wird sich verschärfen durch den weltweiten Abschwung - gerade in Italien wird es wohl eine Rezession geben. Umso nervöser wird die Zitterpartie zwischen den Märkten und der EZB ausfallen.

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