Gebremster Aufschwung Experten kappen Deutschland-Prognosen

Ende der Abkoppelung: Deutschland wird tiefer in die Krisen anderer Staaten hineingezogen. Konjunkturexperten senken ihre Wachstumsprognosen deshalb auch für die Bundesrepublik. Die Deutschen geraten damit aus der Zeit des Überfliegens wohl in die Phase eines mittelstarken Aufschwungs. 
Wirtschaft in Deutschland: Noch robust, aber schon weniger schwungvoll

Wirtschaft in Deutschland: Noch robust, aber schon weniger schwungvoll

Foto: SVEN KAESTNER/ AP

Brüssel - Experten sorgen sich zunehmend um die Weltwirtschaft. Der jüngste Kurssturz an den Börsen zeige, dass sich Finanzmärkte und Realwirtschaft synchron entwickelten. "Ich mache mir deswegen ernsthafte Sorgen darüber, dass anhaltende Turbulenzen überschwappen und der Erholung der Wirtschaft womöglich schaden könnten", sagte EU-Währungskommissar Olli Rehn am Montag. Heute lieferten ihm Statistiker die Argumente dazu:

Im Euro-Raum hat sich die Wirtschaftsstimmung im August deutlich stärker als erwartet eingetrübt. Der Economic Sentiment Index (ESI) sei von revidiert 103,0 Punkten im Vormonat (zuvor 103,2 Punkte) auf 98,3 Punkte gesunken, teilte die Europäische Kommission am Dienstag in Brüssel mit. Volkswirte hatten einen Rückgang auf 100,2 Punkte erwartet. Alle Unterindikatoren sind mehr oder weniger deutlich gefallen.

Der Gesamtindikator trübte sich laut Kommission mit minus 5,7 Punkten besonders deutlich in Deutschland ein. Dennoch bleibe einzig der deutsche Wert mit 107,0 Punkten über dem langfristigen ESI-Durchschnitt. Die befragten Manager zeigten sich laut der Umfrage unter anderem besorgt über die Exportaussichten. Damit wird immer deutlicher, dass die Bundesbürger sich nicht weiter von der Malaise anderenorts abkoppeln können, sondern selbst mit einer geruhsameren Wirtschaftsentwicklung zurecht kommen werden müssen.

Auch der IWF fürchtet um den Aufschwung in Europa. Die Konjunkturexperten des Fonds senkte seine Wachstumsprognose für die Euro-Zone und zahlreiche seiner hoch verschuldeten Mitgliedsländer, berichtet die italienische Nachrichtenagentur Ansa vorab. Für die Euro-Zone erwarte er ein Plus von 1,9 Prozent, für 2012 ein Plus von 1,4 Prozent. Die Erholung in Frankreich, Italien und Spanien dürfte im laufenden Jahr schwächer ausfallen als bislang gedacht und im nächsten Jahr weiter an Fahrt verlieren, hieß es. Ausnahme sei die Bundesrepublik: Für die deutsche Wirtschaft rechnet der Fonds 2011 mit einem Wachstum von 3,2 Prozent. Für 2012 senkte der Fonds seine Wachstumsprognose allerdings von 2,0 auf 1,6 Prozent. Die Bundesregierung rechnet derzeit mit einem Plus von 2 Prozent für das hiesige Wirtschaftswachstum in kommenden Jahr.

Trotz der noch immer vergleichsweise guten Verfassung der deutschen Wirtschaft rechnet die Postbank  nun - berechnet für den gesamten Euro-Raum - für das dritte Quartal des laufenden Jahres sei mit einem ähnlich schwachen Wachstum wie im zweiten Vierteljahr. "Wir gehen aber weiterhin davon aus, dass die Euro-Wirtschaft insgesamt nicht in eine erneute Rezession abgleitet", sagten die Postbank-Experten heute.

Die schwächeren Zukunftsaussichten, insbesondere bei Deutschlands ausländischen Handelspartner, macht auch die hiesigen Mittelständler skeptisch. Das Barometer für die Geschäftserwartungen der Betriebe sank im August so stark wie noch nie, teilte die staatliche KfW-Bankengruppe am Montag mit. Das Geschäftsklima-Barometer verlor 6,3 Punkte. Es war der stärkste Rückgang seit November 2008 im Zuge der Lehman-Pleite, die die weltweite Finanzkrise auslöste. "Im außergewöhnlich starken Rückgang des Geschäftsklimas im Mittelstand, insbesondere im Rekordeinbruch der Erwartungskomponente, spiegelt sich die hohe Verunsicherung über die Euro-Krise und die jüngsten Verwerfungen an den Aktienmärkten", sagte KfW-Chefvolkswirt Norbert Irsch.

Noch laufen die Geschäfte in den meisten Betrieben allerdings rund. Die Mittelständler beurteilten ihre Lage immer noch positiver als im Boomjahr 2007, sagte Irsch. "Auch für 2012 gehen wir nicht von einer Rezession aus." Dies setze allerdings eine gewisse Stabilisierung an den Finanzmärkten voraus und "eine überzeugende Umsetzung der von der europäischen Politik vorgesehenen Krisenbewältigungsmaßnahmen".

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