Aufschwung Deutsche Wirtschaft wächst kaum noch

Die Eintrübung der weltweiten Konjunktur hat nun auch Deutschland erreicht. Im zweiten Quartal wuchs die hiesige Wirtschaft nur noch um 0,1 Prozent und damit deutlich weniger als von Experten erwartet. Die Finanzmärkte reagierten prompt auf die Nachricht.  
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Importierte Flaute: Auch in Deutschland hat sich der Aufschwung erheblich abgeschwächt

Importierte Flaute: Auch in Deutschland hat sich der Aufschwung erheblich abgeschwächt

Foto: ? Christian Charisius / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Die Euro-Schuldenkrise und die schwächelnde US-Konjunktur belasten die Unternehmen hierzulande offenbar stärker als erwartet: Der deutsche Aufschwung ist im zweiten Quartal fast zum Erliegen gekommen. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs von April bis Juni nur noch um 0,1 Prozent im Vergleich zum ersten Vierteljahr, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag in einer ersten Schätzung mit. "Das ist das langsamste Wachstum seit Jahresbeginn 2009, als die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreichte", sagte ein Statistiker. Analysten hatten im Schnitt mit einem Plus von 0,5 Prozent gerechnet, wobei ihre Prognosen von 0,2 bis 0,8 Prozent reichten.

Das Wachstum für das erste Quartal korrigierten die Statistiker gleichzeitig von 1,5 auf 1,3 Prozent nach unten. "Die privaten Konsumausgaben und die Bauinvestitionen bremsten die deutsche Wirtschaft im zweiten Vierteljahr 2011", hieß es. Weil die Importe schneller stiegen als die Exporte, kamen auch vom Außenhandel negative Impulse. Dagegen zogen Investitionen der Unternehmen an und hielten die Wirtschaft damit auf Wachstumskurs. Details wollen die Statistiker am 1. September nennen.

Volkswirte reagierten enttäuscht auf die deutschen Wachstumszahlen. "Diese Zahlen bleiben deutlich hinter den Erwartungen zurück", sagte Jörg Kramer von der Commerzbank in einer ersten Reaktion. "Wir kennen noch nicht die genauen Ursachen. Aber es liegt natürlich auch am Bau, der im ersten Quartal von einer ungewöhnlich milden Witterung profitiert hatte." Diese Nachfrage habe jetzt gefehlt, so Kramer.

"Deutschland kann sich nicht abkoppeln"

"Auch Deutschland kann sich nicht völlig abkoppeln vom Rest der Weltwirtschaft", so der Ökonom weiter. "Die Frühindikatoren zeigen mittlerweile auch bei uns nach unten." Für die nahe Zukunft erwartet er dennoch kräftiges Wachstum. "2012 ist ein Plus von rund 2 Prozent möglich", sagt er. Allerdings: "Das alles steht unter der Annahme, dass die Staatsschuldenkrise nicht eskaliert."

Auch Jörg Lüschow von der WestLB ist von den Konjunkturzahlen enttäuscht. "Es hat mich überrascht, dass der private Konsum zurückgegangen ist", sagt Lüschow. "Insgesamt kann sich auch Deutschland den globalen Abschwächungstendenzen nicht entziehen." Viele Wachstumsprognosen werden seiner Ansicht nach jetzt wohl gesenkt werden. "Das lässt für das Euro-Zonen-BIP nicht viel Positives erwarten", so Lüschow. "Viel mehr als eine Stagnation ist da nun nicht mehr zu erwarten."

Das Bruttoinlandsprodukt wurde im zweiten Quartal von 41 Millionen Erwerbstätigen erwirtschaftet. Das waren 553.000 Menschen oder 1,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Abkühlung auch anderswo

Auch in anderen führenden Industriestaaten hatte sich das Wachstum im Frühjahr merklich abgekühlt. Die weltgrößte Volkswirtschaft USA schaffte ein Plus von rund 0,3 Prozent, während die japanische Wirtschaft sogar um 0,3 Prozent schrumpfte. In Frankreich - dem wichtigsten deutschen Handelspartner - stagnierte die Wirtschaft.

Im Vergleich mit dem Vorjahresquartal legte das Bruttoinlandsprodukt hierzulande um kräftige 2,8 Prozent zu. Zu Jahresbeginn waren es allerdings noch 5 Prozent. Die meisten Institute hielten in diesem Jahr bislang ein Wachstum von mehr als 3 Prozent für möglich. Das arbeitgebernahe Forschungsinstitut IW bekräftigte erst zu Wochenbeginn seine Prognose von 3,5 Prozent und geht für 2012 von 2,25 Prozent aus.

Der Euro  reagierte prompt auf die Zahlen aus Wiesbaden: Die Währung verzeichnete leichte Kurseinbußen und sank auf bis zu 1,4390 US-Dollar. Damit kostete ein Euro etwa einen halben Cent weniger als in der Nacht zum Dienstag. Ein Dollar war zuletzt 0,6949 Euro wert. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Montagmittag auf 1,4309 (Freitag: 1,4250) Dollar festgesetzt.

cr/rtr/afp/dpa-afx
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