Hilflose Geldwächter Amerika tappt in die Wachstumsfalle

Es ist eine bittere Erfahrung: Amerikas Notenbank setzt der knirschenden US-Wirtschaft keine neuen Impulse, weil sie es nicht mehr kann. Denn Amerikas Unternehmen wissen mit zusätzlichem billigen Geld nichts anzufangen. Auch die US-Politik ist keine Hilfe. Jetzt kommt Rezessionsangst auf.
Von Markus Gärtner
US-Notenbank Fed: "Das wirtschaftliche Wachstum war in diesem Jahr deutlich langsamer, als von uns erwartet"

US-Notenbank Fed: "Das wirtschaftliche Wachstum war in diesem Jahr deutlich langsamer, als von uns erwartet"

Foto: HYUNGWON KANG/ REUTERS

New York - Horrorbörsen, Rezessionsängste, neue Gerüchte über Bankenschräglagen, Europa am Schuldenabgrund. Und die politische Elite in Washington spart um die Wette. So sieht das Umfeld aus, das Börsianer weltweit entsetzt, und die US-Notenbank (Fed) in Amerika als den letzten Retter erscheinen lässt. Doch der ziert sich. Und das verängstigt Sparer, Anleger, Banker und Firmenlenker noch mehr.

"Das wirtschaftliche Wachstum war in diesem Jahr deutlich langsamer, als von uns erwartet", heißt es im Protokoll der jüngsten Sitzung des Offenmarkt-Ausschusses. Ein schwerwiegendes Eingeständnis der Fed. Denn sie verfügt über einen immensen Bestand aktueller Wirtschaftszahlen und das größte Heer von Topökonomen in allen Organisationen Amerikas.

Die Fed ließ das Papier am Dienstag verteilen. Die Ankündigung, dass die rekordniedrigen Leitzinsen bis mindestens Mitte 2013 nahe null bleiben, sollte Balsam für die völlig verunsicherten Anleger sein. War sie aber nicht. Und das hat einen guten Grund: Die Börsianer wollten Notenbankchef Ben Bernanke mit der großen Faust Schwung holen sehen, mitten in das schwarze Loch zielend, das die Wall Street - und mit ihr die Weltbörsen - zu verschlingen droht. Seitdem wird gerätselt, warum die Geldhüter diese drastische Lösung vertagt haben.

Doch die Antwort ist überraschend simpel. Erstens kann die Notenbank im Augenblick nicht viel bewegen: Die Industrie ist schwach ausgelastet, weil Nachfrage fehlt, sagt Amerikas Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman. Die Firmen sitzen auf Rekordbeständen an Bargeld und investieren nicht, weil der private Konsum zu wünschen übrig lässt. Noch mehr billiges Geld kann also nicht viel ausrichten. Im Juni gingen die Einkäufe der privaten Haushalte inflationsbereinigt zum dritten Mal in Folge zurück. Das gab es seit 1959 nur in Rezessionen, haben Analysten bei J. P. Morgan Chase beobachtet.

Vermögensverluste stoppen US-Shopper

Verhagelt wird die Shopping-Laune der Amerikaner von anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und sinkenden Reallöhnen sowie weiterhin fallenden Immobilienpreisen - und jetzt auch wieder von purzelnden Aktienkursen. Böse Erinnerungen an das Jahr 2008 werden daher wach. Die Vermögensverluste drosseln den Drang zum Ausflug in die nächste Shopping Mall. Noch billigere Kredite richten da wenig aus. Die Leitzinsen sind ohnehin fast bei null. "Das ist als ob die Fed ein Auto starten wollte, das kein Benzin im Tank hat", erklärt der Anleihestratege Guy LeBas beim Vermögensberater Janney Montgomery Scott in Philadelphia.

Das Zögern der Fed hat aber noch einen anderen Grund: Die Voraussetzungen für eine weitere Runde massiver Anleihekäufe - das von Börsianern sehnlich erwartete QE3 - sind diesmal schlechter als Ende 2010. Damals startete die Fed QE2. Und damals herrschte große Furcht vor Deflation, niedrigeren Preisen, schwacher Nachfrage und massiven Entlassungen. Jetzt ist Inflation der Feind. In den vergangenen zwölf Monaten bis Juni dieses Jahres zog die Teuerungsrate auf 3,6 Prozent an. Das war viel stärker als es für die Fed auf Dauer akzeptabel erscheint - sofern sie nicht plötzlich aus purer Not gezwungen zu sein glaubt, mit einer hohen Inflationsrate die US-Staatsverschuldung bekämpfen zu sollen. Vor einem Jahr jedenfalls lag Amerikas Inflationsrate noch bei schlappen 1,1 Prozent.

Die schroffe Korrektur der Energie- und Rohstoffpreise in den vergangenen Wochen könnte jedoch gegen Ende des Jahres die Inflation bremsen, darauf hoffen - und warten - die US-Währungshüter. Auch die Analysten bei Goldman Sachs erwarten die nächste große Kampagne der Notenbank nicht vor Ende 2011. Für die Börsianer beginnt also ein Geduldsspiel. "QE2 hat Deflation verhindert, was sehr schlecht für den Arbeitsmarkt gewesen wäre. Aber derzeit ist die Deflationsgefahr ziemlich gering", bestätigt auch Guy LeBas.

Doch damit ist die Lage nicht hoffnungslos. Die Fed hat am Ende des Tunnels ein kleines Licht angezündet. Sie hat den Märkten bewusst signalisiert, dass sie jederzeit wieder die Artillerie in Stellung bringen kann, wenn es nötig wird. Der Hinweis, "der Ausschuss diskutierte die verfügbaren Mittel, um im Rahmen stabiler Preise eine kräftigere Erholung der Konjunktur zu unterstützen", ist für Notenbanker mehr als deutlich formuliert.

Eine Million weniger Jobs

Bis dahin bleiben den Börsianern ein paar ganz kleine Hoffnungsschimmer. Zum Beispiel, dass der Rückgang der Ölpreise um 15 Prozent in den vergangenen 30 Tagen Erleichterung für die Konsumenten bringt. Amerikas private Haushalte geben 11 Prozent ihres verfügbaren Einkommens an der Zapfsäule aus. Oder, dass der schwache Arbeitsmarkt sich endlich stabilisiert. Im Juli ging die Arbeitslosenrate leicht auf 9,1 Prozent zurück. Das war zwar vor allem der Tatsache zu verdanken, dass sich immer mehr erwerbsfähige Amerikaner vom Jobmarkt aus Verzweiflung abwenden. Doch in der Woche zum 6. August kam erstmals wieder eine positive Meldung: Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe fielen auf 395.000. Das war der niedrigste Wert in vier Monaten. "Diese Zahl ist sehr bescheiden, doch sie signalisiert, dass der Arbeitsmarkt sich stabilisiert", sagt Kevin Logan, der Chefökonom der HSBC Bank in den USA.

Wenig Hoffnung verbreitet auch die Jobinitiative, die US-Präsident Obama mit einer Rede am Donnerstag - acht Tage nach Unterzeichnung des Sparpakets - in Michigan forcieren wollte. Darin enthalten sind einige Ideen, die alle schon einmal im Kongress gescheitert sind: Darunter eine Infrastrukturbank, die den Bau von Straßen und Brücken finanzieren würde, eine bessere Arbeitslosenversicherung sowie die Verlängerung der für ein Jahr beschlossenen Senkung von Steuern zur Finanzierung der Sozialausgaben. Diese spart jedem Arbeitnehmer jährlich über 2100 Dollar.

Falls der Kongress seinen Vorstoß nicht akzeptiert, so Obama, bedeute das eine Million weniger Jobs und einen halben Prozentpunkt weniger Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Republikaner, die im Repräsentantenhaus die Mehrheit stellen, lassen sich davon aber nicht beeindrucken. Für sie gibt es nur ein Mantra: mehr sparen. "Wir müssen uns auf die Ausgaben konzentrieren, nicht auf das Anschieben der Wirtschaft", so der Republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner.

Damit bleiben auf absehbare Zeit alle guten Ratschläge, wie der des ehemaligen Arbeitsministers unter Präsident Clinton, Robert Reich, nur auf dem Konzeptpapier. Reich will mehr Kredite aus Washington an die stark verschuldeten Bundesstaaten, dazu Arbeitsprogramme wie in der Großen Depression und geringere Steuern auf niedrige Einkommen. Damit wird deutlich: Die Fed scheint derzeit wirklich die letzte Hoffnung der Amerikaner auf einen weiteren Anschub für die Konjunktur zu sein.

Rezession wird wahrscheinlicher

Bevor sie die nächste große Kampagne startet, hat die Notenbank noch ein paar kleinere Geschütze, die sie auffahren könnte. Darunter eine Umschichtung ihres Anleihebestande auf eine insgesamt längere Laufzeit. Das würde die langfristigen Zinsen stärker nach unten in Bewegung bringen. Doch gerade das wird im Augenblick gar nicht gebraucht. Denn die Rendite der US-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit hat sich seit Jahresbeginn auf knapp über 2 Prozent fast halbiert.

Was dann noch bliebe, wären geringere Zinsen auf Kapital, das die Geschäftsbanken bei der Fed hinterlegen. Das könnte mehr Liquidität zurück in die Geldhäuser treiben und die Ausreichung von Krediten an den Mittelstand verbessern. Doch auch das ist fraglich, wenn die Investitionsneigung der Firmen gering bleibt. Fazit: Viel Munition hat die Fed nicht mehr im Magazin.

Derweil gibt es aber schon weitere negative Nachrichten, die eine Rezession wahrscheinlicher machen. Die gewerbliche Produktion verliert Momentum, wie die jüngsten Zahlen des Institute for Supply Management zeigen. Deren Einkaufsmanagerindex fiel im Juli auf den niedrigsten Stand in zwei Jahren. Und die Konsumentenstimmung, die die University of Michigan regelmäßig misst, ist im Juli zurück auf das Niveau der Großen Rezession gefallen.

Zudem meldete das Commerce Department in Washington am Donnerstag eine Aufblähung des US-Handelsdefizits für den Juni: Um 4,4 Prozent auf 53,1 Milliarden Dollar. Die Einfuhren gingen um 0,8 Prozent zurück, was eine schwache Binnennachfrage signalisiert. Doch die Ausfuhren fielen um kräftige 2,3 Prozent. Das war der stärkste Rückgang in über zwei Jahren. Und das, obwohl der Dollar-Kurs binnen eines Jahres um satte 9,3 Prozent gesunken ist und die Exporte entsprechend verbilligte.

Vor dem nächsten aggressiven Notenbankangriff

Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession ist nach Auffassung des Topökonomen Jonathan Basile bei der Credit Suisse in New York von 5 Prozent im Juli auf jetzt 30 Prozent gestiegen. "Wir verschenken freiwillig Industrieausstoß", meckert derweil Nobelpreisträger Paul Krugman. Nach seinen Berechnungen könnten Beschäftigungsprogramme in der Industrie freie Kapazität nutzen, um jährlich 900 Milliarden Dollar Wertschöpfung zu erzeugen. Der Harvard-Ökonom Martin Feldstein taxiert die Wahrscheinlichkeit eines "Double Dip" sogar auf 50 Prozent. Und der ehemalige Fed-Ökonom Jeremy Nalewaik hat für alle Jahre seit dem Zweiten Weltkrieg nachgerechnet, dass in 70 Prozent der Fälle, in denen das BIP-Wachstum unter 2 Prozent fiel, vor Ablauf von zwölf Monaten eine Rezession eintrat. Im ersten Quartal 2011 betrug der BIP-Zuwachs 0,4 Prozent im Juni-Quartal 1,3 Prozent. "Aus dem Gespenst einer langsameren Erholung ist im Handumdrehen das Gespenst einer neuen Rezession geworden", bestätigt Jonathan Basile.

Kein Wunder, dass zahlreiche Topökonomen in den USA vorhersagen, die Fed werde in den kommenden Monaten ihre größte Waffe - QE3 - zücken. "Mein Gefühl sagt mir, dass die Notenbank sehr aggressiv sein wird", erklärt Mark Zandi, der Chefvolkswirt von Moody's Analytics. Das sagt er, obwohl er weiß, dass es im Kongress erheblichen Widerstand dagegen geben dürfte. Auch innerhalb der Fed sind nicht alle mit einem aggressiveren Kurs einverstanden. Drei regionale Fed-Präsidenten haben bei der jüngsten Sitzung heftig gegen ein umgehendes QE3 opponiert.

"Die Fed wird sehr wahrscheinlich eine dritte Runde einläuten", sagt auch Harvard-Professor Kenneth Rogoff. "Das wird größer werden als in den ersten zwei Runden", schätzt er und rät der Fed, moderate Inflation zu erzeugen. Warum QE3 am Ende kommen wird, fassen die Researcher bei der dänischen Danske Bank so zusammen: "Das Wachstum wird deutlich niedriger ausfallen als von der Fed vorhergesagt, die Arbeitslosigkeit ist höher, als es der Fed lieb ist, und sie sinkt kaum, in der Fiskalpolitik stehen die Zeichen auf straffere Zügel, und die Finanzmärkte mit ihrer Vertrauenskrise brauchen eine Beruhigungspille". Danske warnt vor einem "klaren Risiko, in die Wachstumsfalle zu tappen und über Jahre hinaus hohe Arbeitslosigkeit in Kauf zu nehmen".

Obwohl die meisten Teilnehmer in einer aktuellen Bloomberg-Umfrage eine weitere drastische Kampagne der Fed vorhersagen, sind die Erwartungen begrenzt. Aus gutem Grund: In den beiden ersten Runden des Quantitative Easing wurden für 2300 Milliarden Dollar Anleihen gekauft. Was bleibt, sind der drohende Rückfall in eine erneute Rezession, Unternehmen, die nicht in Jobs investieren und damit Arbeitslosigkeit, die über 9 Prozent verharrt. Erst heute schockte die US-Post Amerika damit, dass bei dem Unternehmen bis zu 120.000 Stellen gefährdet sein könnten.

Außerhalb Amerikas, vor allem in den Schwellenländern, werden zudem erhebliche negative Begleiterscheinungen befürchtet, wenn die Fed ihre dritte große Geldkampagne startet: "Hier in Asien bedeutet das Massenzerstörung für die Währungen und allerorten Inflation. Das ist nicht gut für die Welt, wir bekommen jetzt noch mehr Geldentwertung und noch mehr Inflation", sagt Investorenlegende Jim Rogers.

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