Montag, 23. September 2019

Hilflose Geldwächter Amerika tappt in die Wachstumsfalle

US-Notenbank Fed: "Das wirtschaftliche Wachstum war in diesem Jahr deutlich langsamer, als von uns erwartet"

Es ist eine bittere Erfahrung: Amerikas Notenbank setzt der knirschenden US-Wirtschaft keine neuen Impulse, weil sie es nicht mehr kann. Denn Amerikas Unternehmen wissen mit zusätzlichem billigen Geld nichts anzufangen. Auch die US-Politik ist keine Hilfe. Jetzt kommt Rezessionsangst auf.

New York - Horrorbörsen, Rezessionsängste, neue Gerüchte über Bankenschräglagen, Europa am Schuldenabgrund. Und die politische Elite in Washington spart um die Wette. So sieht das Umfeld aus, das Börsianer weltweit entsetzt, und die US-Notenbank (Fed) in Amerika als den letzten Retter erscheinen lässt. Doch der ziert sich. Und das verängstigt Sparer, Anleger, Banker und Firmenlenker noch mehr.

"Das wirtschaftliche Wachstum war in diesem Jahr deutlich langsamer, als von uns erwartet", heißt es im Protokoll der jüngsten Sitzung des Offenmarkt-Ausschusses. Ein schwerwiegendes Eingeständnis der Fed. Denn sie verfügt über einen immensen Bestand aktueller Wirtschaftszahlen und das größte Heer von Topökonomen in allen Organisationen Amerikas.

Die Fed ließ das Papier am Dienstag verteilen. Die Ankündigung, dass die rekordniedrigen Leitzinsen bis mindestens Mitte 2013 nahe null bleiben, sollte Balsam für die völlig verunsicherten Anleger sein. War sie aber nicht. Und das hat einen guten Grund: Die Börsianer wollten Notenbankchef Ben Bernanke mit der großen Faust Schwung holen sehen, mitten in das schwarze Loch zielend, das die Wall Street - und mit ihr die Weltbörsen - zu verschlingen droht. Seitdem wird gerätselt, warum die Geldhüter diese drastische Lösung vertagt haben.

Doch die Antwort ist überraschend simpel. Erstens kann die Notenbank im Augenblick nicht viel bewegen: Die Industrie ist schwach ausgelastet, weil Nachfrage fehlt, sagt Amerikas Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman. Die Firmen sitzen auf Rekordbeständen an Bargeld und investieren nicht, weil der private Konsum zu wünschen übrig lässt. Noch mehr billiges Geld kann also nicht viel ausrichten. Im Juni gingen die Einkäufe der privaten Haushalte inflationsbereinigt zum dritten Mal in Folge zurück. Das gab es seit 1959 nur in Rezessionen, haben Analysten bei J. P. Morgan Chase beobachtet.

Vermögensverluste stoppen US-Shopper

Verhagelt wird die Shopping-Laune der Amerikaner von anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und sinkenden Reallöhnen sowie weiterhin fallenden Immobilienpreisen - und jetzt auch wieder von purzelnden Aktienkursen. Böse Erinnerungen an das Jahr 2008 werden daher wach. Die Vermögensverluste drosseln den Drang zum Ausflug in die nächste Shopping Mall. Noch billigere Kredite richten da wenig aus. Die Leitzinsen sind ohnehin fast bei null. "Das ist als ob die Fed ein Auto starten wollte, das kein Benzin im Tank hat", erklärt der Anleihestratege Guy LeBas beim Vermögensberater Janney Montgomery Scott in Philadelphia.

Das Zögern der Fed hat aber noch einen anderen Grund: Die Voraussetzungen für eine weitere Runde massiver Anleihekäufe - das von Börsianern sehnlich erwartete QE3 - sind diesmal schlechter als Ende 2010. Damals startete die Fed QE2. Und damals herrschte große Furcht vor Deflation, niedrigeren Preisen, schwacher Nachfrage und massiven Entlassungen. Jetzt ist Inflation der Feind. In den vergangenen zwölf Monaten bis Juni dieses Jahres zog die Teuerungsrate auf 3,6 Prozent an. Das war viel stärker als es für die Fed auf Dauer akzeptabel erscheint - sofern sie nicht plötzlich aus purer Not gezwungen zu sein glaubt, mit einer hohen Inflationsrate die US-Staatsverschuldung bekämpfen zu sollen. Vor einem Jahr jedenfalls lag Amerikas Inflationsrate noch bei schlappen 1,1 Prozent.

Die schroffe Korrektur der Energie- und Rohstoffpreise in den vergangenen Wochen könnte jedoch gegen Ende des Jahres die Inflation bremsen, darauf hoffen - und warten - die US-Währungshüter. Auch die Analysten bei Goldman Sachs erwarten die nächste große Kampagne der Notenbank nicht vor Ende 2011. Für die Börsianer beginnt also ein Geduldsspiel. "QE2 hat Deflation verhindert, was sehr schlecht für den Arbeitsmarkt gewesen wäre. Aber derzeit ist die Deflationsgefahr ziemlich gering", bestätigt auch Guy LeBas.

Doch damit ist die Lage nicht hoffnungslos. Die Fed hat am Ende des Tunnels ein kleines Licht angezündet. Sie hat den Märkten bewusst signalisiert, dass sie jederzeit wieder die Artillerie in Stellung bringen kann, wenn es nötig wird. Der Hinweis, "der Ausschuss diskutierte die verfügbaren Mittel, um im Rahmen stabiler Preise eine kräftigere Erholung der Konjunktur zu unterstützen", ist für Notenbanker mehr als deutlich formuliert.

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