Wegen Schuldendebakel ZEW-Indikator auf Rezessionsniveau

Der Finanzmarkt steckt in der Krise, die Konjunktureinschätzungen der Finanzakteure fallen entsprechend: Der ZEW-Indikator rutscht auf Rezessionsniveau, obwohl die Wirtschaftslage in Deutschland nochmals besser bewertet wird. Der scheinbare Widerspruch hat Gründe.
Schulden-Krisengipfel in Brüssel: Zumindest psychologische Wirkung auf die aktuelle deutsche Wirtschaftslage

Schulden-Krisengipfel in Brüssel: Zumindest psychologische Wirkung auf die aktuelle deutsche Wirtschaftslage

Foto: REUTERS

Mannheim - Zum fünften Mal in Folge ist der Indexstand des Konjunkturbarometers des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) gefallen, und das drastisch. Er brach in der Summe all seiner Komponenten auf minus 15,1 Zähler ein. Das ist nicht nur Meilen entfernt von seinem historischen Mittelwert von 26,3 Punkten und der aktuellen Boom-Einschätzung anderer Konjunkturbarometer für die Bundesrepublik. Der ZEW-Teilindikator für die aktuelle konjunkturelle Lage stieg trotz der Gesamtverluste in noch deutlichere Boom-Regionen: Er kletterte um 3,0 Punkte auf 90,6 Zähler.

Das ZEW begründet die Diskrepanz vor allem mit der Schuldenkrise in der Euro-Zone. "Trotz der aktuell insgesamt robuster Konjunkturlage in Deutschland dämpft die Schuldenproblematik in einigen Ländern des Euro-Rraums nach wie vor die Stimmung. Es stellt sich deshalb die Frage, wie lange der Konjunkturmotor auch bei uns noch mit der derzeit hohen Drehzahl laufen wird", kommentierte ZEW-Präsident Wolfgang Franz das Umfrageergebnis seines Forschungsinstituts.

Wirtschaftsexperten glauben allerdings, dass der neue Konjunkturtest des ZEW - trotz der angebrachten Warnung vor den Folgen der Euro-Krise - die Wirtschaftsaussichten der Bundesrepublik derzeit wohl negativ überzeichnet; die Konjunktureinschätzungen der Finanzmarktakteure seien oft vor allem durch ihre eigene Lage bestimmt - und die sei eben derzeit weniger gut. "Auf den Ausschlag des ZEW-Indikators hatten die Aktienkurs- und die Wechselkursentwicklung schon in der Vergangenheit immer entscheidenden Einfluss", gibt beispielsweise Unicredit-Experte Alexander Koch zu bedenken, der selbst zum Kreis der befragten Finanzmarktakteure gehört. "Wir sind deshalb weiter der Meinung, dass Unternehmensbefragungen ein besseres Abbild der konjunkturellen Dynamik liefern und rechnen mit einer sanften Landung hierzulande", sagt Koch.

Auch sei der neuerliche ZEW-Rücksetzer etwa nach Meinung der Commerzbank  auf den Befragungszeitpunkt zurückzuführen. Viele Antworten der Umfrageteilnehmer dürften von den börsenaffinen Finanzmarktanalysten erst in der vergangenen Woche abgegeben worden sein, als die Krise auch Italien erfasst habe, so die Meinung der Bank. "Zwar ist die Staatsschuldenkrise ohne Frage ein Risiko", sagte dann auch Commerzbank-Analyst Ralph Solveen. "Spürbare Folgen für die hiesige Konjunktur hätte die Krise aber wohl nur bei einer Eskalation und einem dadurch ausgelösten Unsicherheitsschock."

Belastbares Abschwungsignal

Trotz der Relativierungen des negativen Ausmaßes des jüngsten ZEW-Tests bleibt aber eine klare Warnung: Mit dem neuerlichen Rückgang im Juli sei auch der Sechsmonats-Durchschnitt des ZEW-Indikators nach unten gedreht, und immerhin dieser Durchschnitt habe in der Vergangenheit recht zuverlässig eine Abschwächung der Konjunktur angekündigt, warnen die Commerzbank-Analysten.

Angesichts der mitunter sehr hohen Bruttoinlandsprodukt- und Produktionszuwächse in den vergangen Monaten sei eine konjunkturelle Abschwächung in Deutschland auch nicht außergewöhnlich, glauben die Postbank ebenso wie die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Die aktuell hohe konjunkturelle Dynamik der deutschen Wirtschaft dürfte kaum aufrechtzuhalten sein, führen deren Konjunkturexperten an.

Für den Euro-Raum insgesamt ergibt sich anhand des aktuellen ZEW-Testergebnisses ein konträres Bild zu der wirtschaftlichen Lage in Deutschland. So gaben die Euro-Raum-Konjunkturerwartungen zwar unter dem Strich ebenfalls deutlich um 1,1 Punkte auf minus 7,0 Zähler nach, wie auch in der Tendenz für Deutschland. Doch auch die ZEW-Einschätzung der aktuellen Wirtschaftslage sank für die Euro-Zone um 1,5 Punkte auf 2,3 Punkte - und das, obwohl die weitere Verbesserung für Deutschland als wichtigen Teil der Euro-Zone dabei schon miteingerechnet ist.

kst/dpa/rtr/afp
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