Dienstag, 26. Mai 2020

Aufschwung Neue Jobs sind zumeist Leiharbeit

Leiharbeit auf Höchststand: Die Unternehmen passen ihre Personalpolitik der Konjunktur an
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Leiharbeit auf Höchststand: Die Unternehmen passen ihre Personalpolitik der Konjunktur an

Deutschlands Aufschwung macht einen Bogen um das Normalarbeitsverhältnis. Laut den Statistikern sind drei Viertel der im vergangenen Jahr entstandenen neuen Jobs atypische Beschäftigung, der Großteil davon Leiharbeit. In der Krise als erste entlassen, werden Leiharbeiter nun zuerst eingestellt.

Wiesbaden - Der größte Teil neuer Arbeitsplätze ist im vergangenen Jahr durch Leiharbeit entstanden. Von den 322.000 neuen Jobs waren 182.000 - also 57 Prozent - Leiharbeiterstellen, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag mitteilte. Insgesamt machte demnach die so genannte atypische Beschäftigung sogar mehr als 75 Prozent der neuen Jobs aus. Dazu zählen, im Unterschied zum Normalarbeitsverhältnis, neben Leiharbeit auch befristete und geringfügige Stellen sowie Teilzeitarbeit unter 20 Stunden pro Woche.

Die Zahl der atypisch Beschäftigten stieg der Statistik zufolge 2010 damit auf 7,84 Millionen in Deutschland. Insgesamt waren 30,9 Millionen Menschen als Angestellte oder Arbeiter beschäftigt. Die Zahl der Leiharbeiter stieg auf insgesamt 742.000 und erreichte damit einen neuen Höchststand. Ihre Zahl war im Krisenjahr 2009 zuvor deutlich gesunken, da Leiharbeiter in der Krise als erste ihre Arbeit verloren hatten. Der Zuwachs 2010 glich diesen Stellenabbau nun aber mehr als aus, sodass mittlerweile wieder mehr Menschen als Leiharbeiter tätig sind als im Vorkrisenjahr 2008.

Nach wie vor arbeiten deutlich mehr Frauen (5,5 Millionen) als Männer (2,3 Millionen) in atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Die Frauen holen allerdings auf: Im vergangenen Jahr hatten 9,32 Millionen Frauen einen "normalen" Job, 122.000 mehr als 2009. Die Zahl der Männer in Normalbeschäftigung sank dagegen um 44.000, die atypische Beschäftigung stieg um 171.000.

Die realen Nettolöhne von Geringverdienern sind seit der Jahrtausendwende stark gesunken. Bei Beschäftigten in den unteren Einkommensgruppen hätten die Einbußen 16 bis 22 Prozent betragen, berichtete die "Berliner Zeitung" unter Berufung auf das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Im Durchschnitt aller Beschäftigten seien die Nettogehälter zwischen 2000 und 2010 preisbereinigt um 2,5 Prozent zurückgegangen. Das geht den Angaben zufolge aus neuen Umfrageergebnissen des Sozio-Oekonomischen Panels (SOEP) hervor.

"Die Wirtschaft ist seit der Jahrtausendwende ordentlich gewachsen", sagte DIW-Verteilungsforscher Markus Grabka der Zeitung. Die Gewinne und Vermögenseinkommen seien "insgesamt sogar kräftig gestiegen". Doch bei den meisten Erwerbstätigen sei vom Wirtschaftswachstum nichts angekommen.

Das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit sprach sich für einen Mindestlohn aus. Im Niedriglohnsektor gebe es inzwischen Auswüchse, "die man beschäftigungspolitisch nicht rechtfertigen kann", erklärte der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Joachim Möller.

Die IG Metall warf der Politik Versagen vor. "Wenn von 40 Millionen Erwerbstätigen sieben Millionen in Minijobs arbeiten, hat die Politik die Reformschraube überdreht", kritisierte Gewerkschaftschef Berthold Huber. Arbeit werde zur "Ramschware".

ak/afp/dpa-afx

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