Schwache Konjunktur In der Flaute steigt das Crash-Risiko

Der Aufschwung legt eine Pause ein. Nun beginnt eine heikle Phase: Schon kleine Schocks können die nächste große Krise auslösen. Und die westlichen Staaten könnten kaum noch etwas dagegen tun.
Von Carsten-Patrick Meier
Deutscher Außenhandel: Zuletzt auf vergleichsweise hohem Niveau

Deutscher Außenhandel: Zuletzt auf vergleichsweise hohem Niveau

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa

Hamburg - Die Party scheint ihren Höhepunkt überschritten zu haben. Nach einem aus konjunktureller Sicht fulminanten ersten Halbjahr 2011 durchläuft die deutsche Wirtschaft eine zyklische Schwächephase, beginnend mit der zweiten Jahreshälfte. Das ist zunächst mal ein normales Muster im Konjunkturverlauf. In der Rezession und im frühen Aufschwung kommen Faktoren, deren Wirkung im Zeitablauf abnimmt. So lassen die Anregungen seitens der Geldpolitik und der Finanzpolitik weltweit nach oder verkehren sich sogar in ihr Gegenteil. Auch die Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise sind stark gestiegen.

Zudem wirken zyklische Anpassungsreaktionen, die die Konjunktur seit dem Ende der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise stimuliert haben, nun bremsend: Die Unternehmen haben im beginnenden Aufschwung zunächst ihre Läger wieder aufgefüllt und Investitionen getätigt, die sie auf dem Tiefstpunkt der Rezession unterlassen hatten. Dieser Aufholprozess ist zunächst vorbei.

All die dämpfenden Faktoren entfalten ihre Wirkung sowohl mit Blick auf die deutsche Ausfuhr - die Weltkonjunktur wird sich in den kommenden Quartalen merklich eintrüben - als auch mit Blick auf die Binnenwirtschaft.

In unserer soeben aktuell veröffentlichten Konjunkturprognose für die Jahre 2011 bis 2015 kommen wir zu dem Ergebnis, dass sich der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion in Deutschland vor diesem Hintergrund im weiteren Verlauf des Jahres 2011 spürbar abschwächen wird.

Spürbare Abschwächung bis Jahresende erwartet

In den kommenden zwölf Monaten dürfte die gesamtwirtschaftliche Kapazitätsauslastung allenfalls noch geringfügig zunehmen. Erst in der zweiten Jahreshälfte 2012 wird unseren Prognosen zufolge die Konjunktur weltweit und auch in Deutschland wieder anziehen. Im Jahresdurchschnitt steigt das reale Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2012 nur um magere 1,5 Prozent, und damit um 0,3 Prozentpunkte weniger als in unserer Prognose vom vergangenen Dezember prognostiziert. Im laufenden Jahr dürfte die Produktion jedoch noch um insgesamt stolze 4,2 Prozent zulegen - einen Prozentpunkt mehr als von uns im Dezember erwartet.

Die Arbeitslosigkeit geht in beiden Jahren weiter zurück, jedoch weniger ausgeprägt als in unserer vorherigen Prognose. Der Verbraucherpreisanstieg schwächt sich im Verlauf des Jahres unter dem Eindruck rückläufiger Rohstoffpreise ab; im Durchschnitt steigen die Lebenshaltungskosten 2011 um 2,2 und 2012 um 1,5 Prozent.

Phasen einer derartigen konjunkturellen Abschwächung sind stets mit erhöhten Risiken verbunden: In einer konjunkturell schwachen Volkswirtschaft können selbst geringfügige negative Überraschungen die Stimmung zum Kippen bringen und die Wirtschaft auf Rezessionskurs schicken.

Der Staat steht nicht mehr als Retter zur Verfügung

In der derzeitigen Situation ist dieses Risiko noch größer als sonst. Denn zum einen ist das weltweite Finanzsystem immer noch labil, und die mit der Abkühlung der Konjunktur verbundenen Verluste bei Wertpapieren und Kreditengagements dürfte es tendenziell erneut schwächen. Zum anderen steht - anders als nach dem Crash der US-Investmentbank Lehman Brothers vor drei Jahren - der Staat generell nicht mehr als potenzieller Retter des Finanzsystems bereit, da in vielen Ländern die öffentlichen Haushalte bereits sehr stark angespannt sind.

Tatsächlich wird die zeitweise Abkühlung der Konjunktur, die wir für die kommenden Monate erwarten, die budgetären Schwierigkeiten vieler Länder erneut erhöhen. Dies gilt nicht zuletzt für die Peripherieländer des Euro-Raums, die schon jetzt mit einer akuten Schuldenkrise zu kämpfen haben.

Ein Fazit: Die Risiken steigen, deshalb muss die Wirtschaftspolitik sich darauf konzentrieren, die Erwartungen im Privatsektor zu stabilisieren. Tatsächlich ist in Europa das Gegenteil der Fall. Die Unsicherheiten über den Fortgang der Schuldenkrise und den Zusammenhalt der Euro-Zone sind in den vergangenen Wochen sehr stark gestiegen, da eine dauerhaft Lösung der Schuldenkrise in den Peripherieländern offenbar in weite Ferne gerückt ist.

Angesichts der sich abzeichnenden Gefahren für die Weltkonjunktur und der hohen Verunsicherung der Marktteilnehmer wäre jetzt ein klares Bekenntnis der Politik für den Fortbestand der Euro-Zone wünschenswert. Und dieses Bekenntnis müsste mit Taten unterstrichen werden: So sollten die Mittel des Europäischen Rettungsfonds unverzüglich aufgestockt werden, und der Fonds sollte künftig Anleihen von Problemstaaten auf dem Sekundärmarkt aufkaufen zu können.

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