Donnerstag, 23. Januar 2020

ZEW-Barometer Konjunkturindex auf Krisenniveau

Gut ausgelastete Fabriken: Konjunktureinschätzung der Finanzexperten fällt dennoch stark

Die Einschätzung der Wirtschaftslage fällt aus Bankersicht ins Bodenlose: Der Konjunkturindex des Mannheimer Forschungsinstituts ZEW ist nicht nur zum vierten Mal in Folge ins Minus gerutscht. Er hat jetzt das Niveau der Finanzkrise erreicht - und die Experten geraten in Erklärungsnot.

Mannheim - Schuldenkrise in Europa und Sorgen um die US-Wirtschaft drücken den Konjunkturoptimismus von Börsenprofis auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Das ZEW-Stimmungsbarometer für die nächsten sechs Monate sank im Juni auf minus 9,0 Punkte von plus 3,1 Zählern und damit das vierte Mal in Folge, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag mitteilte. Der Indikator sackte auf das niedrigste Niveau seit Januar 2009 und drückte auch den Euro.

Zu Jahresanfang hatte die deutsche Wirtschaft noch stark um 1,5 Prozent zugelegt. "Wir hatten eine unglaubliche Wachstumsdynamik im ersten Quartal. Dass sich dieses Tempo nicht halten lässt, ist völlig normal", sagte Chefvolkswirt Stefan Schilbe von HSBC Trinkaus. Der Einbruch des ZEW-Barometers dürfe nicht überbewertet werden. "Wir haben einen breit gefächerten Aufschwung." Klar sei aber, dass die Schuldenkrise in Griechenland die Anleger verunsichere. Ben May von Capital Economics sprach von einem weiteren Hinweis, "dass die Konjunkturerholung in Deutschland ihren Höhepunkt überschritten hat".

Die aktuelle Lage bewerteten die 290 vom ZEW befragten Investoren und Analysten deutlich besser. Allerdings gab es auch hier einen Rückgang auf 87,6 Zähler nach dem Rekordhoch von 91,5 Punkten im Mai. Der Refinanzierungsbedarf Griechenlands habe den Blick der Finanzmärkte erneut auf die Schuldenkrise in einigen Euro-Ländern gelenkt, erklärte das ZEW. Die Regierung in Athen verhandelt über ein zweites Milliarden-Paket seiner europäischen Partner, um eine Staatspleite abzuwenden.

Ministerpräsident Giorgos Papandreou verknüpft eine Abstimmung über ein weiteres Sparpaket am Dienstagabend mit der Vertrauensfrage. "Die Schwierigkeiten im Euroraum und die befürchtete Konjunkturabschwächung in den USA schlagen den Finanzmarktexperten offenbar aufs Gemüt", sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz. "Außerdem mehren sich nach Auffassung der Finanzmarktexperten offenbar die Anzeichen, dass sich der Höhenflug der deutschen Wirtschaft in den nächsten Monaten abschwächen könnte."

Zuvor hatte der Wirtschaftsweise Franz in der ARD betont, die Schuldenkrise um das von der Staatspleite bedrohte Griechenland dürfte sich kaum auf die deutsche Konjunktur auswirken. Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten wegen der Krise würden den Aufschwung allerdings belasten. Franz traut der heimischen Wirtschaft 2011 ein Wachstum von 3 Prozent oder mehr zu. Im zweiten Halbjahr werde sich die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung leicht abschwächen. Für 2012 sei daher nur noch mit einem Anziehen der Konjunktur um weitere zwei Prozent zu rechnen, sagte der ZEW-Chef.

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