Wachstumsboom Deutschland vor dem Doppelschlag

Was für ein Tempo: Deutschlands Wirtschaft läuft und läuft. 3,7 Prozent Wachstum sagt der mm-Konjunkturindikator für 2011 voraus. Und obwohl der Boom wohl bald weniger rasant verlaufen dürfte, könnten es noch besser kommen - und Deutschland den Vorjahresboom noch in den Schatten stellen.
Von Carsten-Patrick Meier
Deutscher Außenhandel: Zuletzt auf vergleichsweise hohem Niveau

Deutscher Außenhandel: Zuletzt auf vergleichsweise hohem Niveau

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa

Hamburg - Es sieht so aus, als würde der laufende Konjunkturzyklus in diesen Wochen seinen Höhepunkt überschreiten. Noch stimmt die Auftrags- und Ertragslage die deutschen Manager geradezu euphorisch; im April ist die Komponente des Ifo-Geschäftsklimas, die die aktuelle Geschäftslage beschreibt, abermals gegenüber dem Vormonat gestiegen.

Man muss schon sehr lange zurückblicken, um ähnlich gute Einschätzungen der Geschäftslage zu finden: Der Boom im Zuge der deutschen Wiedervereinigung stellt eine vergleichbare konjunkturelle Sondersituation dar, auch der kräftige Aufschwung Ende der 60er Jahre, aber das ist lange her.

Alles in allem deuten die Umfragewerte darauf hin, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland im zweiten Quartal erneut sehr kräftig zunimmt. Möglicherweise ist der Anstieg sogar noch stärker als im ersten Quartal, das mit aufs Jahr hochgerechnet real 6,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal schon als äußerst schwungvoll einzustufen ist. Dieses hohe Wachstum wird aufs Gesamtjahr 2011 nicht durchzuhalten sein. Der manager-magazin-Konjunkturindikator, den wir von Kiel Economics Monat für Monate ermitteln, zeigt derzeit ein BIP-Wachstum von 3,7 Prozent an. Das ist immer noch ein sehr hoher Wert für ein Land wie Deutschland, aber diese Vorhersage beeinhaltet schon die Erwartung, dass es von nun an langsamer vorangeht.

Die Umfragedaten deuten daraufhin, dass die Dynamik zunächst deutlich nachlassen wird. Das zeigen die Erwartungen zur künftigen Geschäftslage, die auch in der Ifo-Umfrage enthalten sind. Schon im März beurteilten die deutschen Manager der Zukunftsaussichten auf Sechsmonatssicht - erstmals seit langem - ungünstiger als zuvor. Im April ging dieser Wert abermals etwas zurück. Die Natur- und Reaktorkatastrophen in Japan dürfte dabei nur eine geringe Rolle gespielt haben. Im Gegenteil, die sehr moderate Reaktion der Stimmungsindikatoren rund um den Globus legt den Schluss nahe, dass die Katastrophe für Japan zwar furchtbar, aus weltwirtschaftlicher Sicht gleichwohl als lokales Ereignis einzustufen ist.

Vieles spricht dafür, dass die Manager nach der fulminanten Expansion in der ersten Jahreshälfte 2011 einfach eine Normalisierung der Konjunktur erwarten. Dies wäre plausibel, nicht zuletzt, weil die maßgeblichen Antriebskräfte des globalen Aufschwungs schwächer werden. Die unmittelbaren Folgen der Großen Rezession von 2008/2009 sind überwunden, die Produktionsverluste aufgrund der Krise sind weitgehend wettgemacht, und die Weltwirtschaft produziert spätestens seit Jahresbeginn mit vollausgelasteten Kapazitäten.

Deshalb ist allerorten entweder mit einer Straffung der Geldpolitik begonnen oder ins Auge gefasst worden. Vorreiter waren hierbei die Schwellenländer, wo angesichts der boomenden Konjunktur sowie kräftig steigender Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise der Lohn- und Preisauftrieb deutlich zugenommen hat. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat bereits einen Zinsschritt nach oben gemacht; ein weiterer wird am Markt für Juli erwartet. In den USA dürften die Leitzinsen zwar im laufenden Jahr weiter bei faktisch Null bleiben, doch läuft das Ankaufsprogramm für Staatsanleihen im Sommer aus, mit der Folge, dass die längerfristigen Zinsen dort wieder anziehen werden.

Freilich geht diese Straffung der Geldpolitik sehr, sehr vorsichtig vonstatten. Die Notenbanken nehmen gewissermaßen etwas den Fuß vom Gas - von einem Bremsmanöver kann keine Rede sein. Das ist auch nicht beabsichtigt, denn in vielen westlichen Volkswirtschaften, allen voran den USA, sind die Kapazitäten nach gängigen Schätzungen noch nicht wieder voll ausgelastet; die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor hoch. Selbst der nächste Zinsschritt der EZB ist angesichts der sich gerade wieder zuspitzenden Verschuldungskrise im Euro-Raum alles andere als sicher. Und ob es der chinesischen Notenbank tatsächlich diesmal gelingen sollte, der chinesischen Wirtschaft die dringend notwendige Abkühlung zu verschaffen, ist ebenfalls fraglich.

Entsprechend wird das weltweite Zinsniveau nur wenig steigen - weniger als die Inflation im laufenden Jahr anzieht. Das heißt: Die Zinsen sinken real (also nach Abzug der Inflationsrate) weiter; in vielen Ländern sind sie derzeit negativ. Statt wirksam gegenzusteuern, um die hocherhitzte Weltwirtschaft abzukühlen, werden - durch die anziehende Inflation - die monetären Bedingungen vielerorts noch expansiver.

Ein Fazit: Es ist durchaus möglich, dass Deutschlands Manager derzeit zu pessimistisch sind, wenn sie mit einem Abflauen der Konjunktur rechnen. Vor dem Hintergrund der weltweit stark expansiven monetären Bedingungen dürfte die globale Nachfrage weiter anziehen. Wie nachhaltig eine solche Entwicklung ist, wird sich zeigen. Sollte die ökonomische Erhitzung zu lange fortschreiten, könnte der Boom in der nächsten Krise münden.

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