Inflation EZB erhält Schützenhilfe aus der Schweiz

Die Europäische Zentralbank muss einen Spagat vollziehen. Einerseits krankt der Südgürtel der EU noch zu sehr, um höhere Leitzinsen verkraften zu können. Andererseits treiben die Rohstoffpreise die Inflation auch in Europa an. Nun gibt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich der EZB Schützenhilfe.
Von Arne Gottschalck
EZB: Ein strahlender Euro? Die Zentralbank steht vor schwierigen Entscheidungen

EZB: Ein strahlender Euro? Die Zentralbank steht vor schwierigen Entscheidungen

Foto: dapd

Hamburg - Etwas knöchern kommt er daher, etwas spröde. Dabei ist der Befund der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich recht deutlich: die kurzfristigen Inflationserwartungen steigen. Das ist Wasser auf die Mühlen der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn deren Chef Jean-Claude Trichet hatte jüngst gesagt, dass eine "hohe Wachsamkeit" nötig sei. Bei der BIS dürfte man das sofort unterschreiben.

Denn der Inflationsdruck steigt, schreiben die Banker aus Basel. Und führen das auf zweierlei Ursachen zurück. Zum einen auf die Wachstumsaussichten in Europa, und zum andern auf den rapiden Anstieg der Preise von Agrarerzeugnissen, insbesondere Nahrungsmitteln. Das wiederum hat zweierlei Folgen. Es verschärft die Lage in den Entwicklungsländern und erhöht den Druck auf die EZB, die Zinsen anzuheben.

Bereits seit 2002 sind die Preise für Nahrungsmittel "stetig" und seit 2006 "dramatisch" gestiegen, schreibt das Institut Südwind in einer Studie. Allein zwischen Januar 2002 und Juni 2008 lag der Anstieg bei 130 Prozent. Das ist umso bedeutsamer, da Menschen in Entwicklungsländern im Schnitt um die 50 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. In den entwickelten Ländern sind es nur zwischen 10 und 20 Prozent. Unter anderem der Boom der Agrarbiotreibstoffe treibe die Preise im Sektor.

Die Preissteigerung schlägt aber auch auf die EU durch. Bereits die aktuelle Inflation liegt im EU-weiten Schnitt mit 2,3 Prozent über dem in den Statuten der Zentralbank festgeschriebenen Höchstpegelstand von 2 Prozent.

Für Deutschland zum Beispiel hat die EZB eine Geldentwertung von 2 Prozent errechnet, für Irland eine von 0,2 Prozent - und für Großbritannien sind es 4 Prozent. Und Haupttreiber für die aktuellen Zahlen sind die Nahrungsmittel, die über 15 Prozent der statistischen Ausgaben ausmachen.

Angst vor höheren Inflationserwartungen - und höheren Löhnen

Ähnlich gewichtig ist der Bereich Haus - denn darin sind auch die Energieträger enthalten, die durch die libyschen Unruhen befeuert werden. Um über 50 Prozent ist der Ölpreis bis Anfang März gestiegen. Und das hat Auswirkungen auf das Wachstum der Weltwirtschaft.

Eine Entwicklung, die die EZB offensichtlich doch mehr beschäftigt als viele hatten wahrnehmen wollen. Denn die Zentralbank hat bereits in Aussicht gestellt, die Zinsen anheben zu wollen. Einfach ist diese Entscheidung nicht. "Der Balanceakte der EZB ist ziemlich kniffelig, mit den Inflationsrisiken auf der einen Seite und den Aufflackern der Schuldenkrise auf der anderen", sagt Jens Sondergaard, Europavolkswirt bei Nomura International.

Und so flackert bereit jetzt Kritik auf. "Eine immer noch tiefe Kerninflation und ein nach wie vor geringes Wachstum der Geldmengenaggregate erschweren der EZB die Begründung, wenn sie tatsächlich bald den Leitzins anhebt", schreibt zum Beispiel Oliver Schimpf von der VP Bank. Die Kerninflation misst die Geldentwertung, ohne die volatilen Güter wie Energie zu berücksichtigen. Und die droht erst zu steigen, wenn die Inflationswartung deutlich ansteigt.

Bei höheren Inflationserwartungen fordern die Beschäftigten für die höheren Rohstoffpreise entsprechend höhere Löhne, was wiederum die Kosten für die Unternehmen steigen ließe und damit auch die Inflation. In so einer Situation kommt die argumentative Schützenhilfe der EU gerade recht - bevor der Spagat zu schmerzhaft wird.

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