Gefährlicher Preisschub Ölpreis gefährdet EU-Schuldenländer

Der steigende Ölpreis droht die Euro-Krise deutlich zu verschärfen. Irland, Portugal, Griechenland und Spanien brauchen Wachstum, um sich zu entschulden. Was sie nicht gebrauchen können, sind höhere Zinsen. Doch genau darüber denkt die EZB angesichts steigender Inflationsrisiken nach. 
Von Kristian Klooß
EZB-Chef Jean-Claude Trichet: Steigende Inflationsrisiken erfordern höhere Zinsen - doch das brächte viele EU-Schuldenstaaten in große Schwierigkeiten

EZB-Chef Jean-Claude Trichet: Steigende Inflationsrisiken erfordern höhere Zinsen - doch das brächte viele EU-Schuldenstaaten in große Schwierigkeiten

Foto: Boris Roessler/ dpa

Hamburg - Die Griechen, Iren, Portugiesen und Spanier haben es in diesen Tagen schwer. Sie müssen sparen, um nicht Pleite zu gehen. Und sie müssen wachsen, um dabei nicht zusammenzubrechen. Die Rahmenbedingungen, welche die EU-Kommission den Sanierungsprogrammen zugrunde legt, fügen sich nahtlos in dieses Szenario.

Zwar rechnet die Kommission zum Beispiel für Griechenland im Jahr 2011 noch mit dem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung des südeuropäischen Staats, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, um 3 Prozent. Doch danach soll es bereits wieder aufwärts gehen - um 1,1 Prozent im Jahr 2012, um je 2,1 Prozent in den Jahren 2013 und 2014.

Für Irland ist die EU-Kommission noch optimistischer. Nach einer Wachstumsminderung um 0,2 Prozent im vergangenen Jahr, soll das irische BIP ab 2011 zunächst um 0,9 Prozent wachsen, in den Jahren 2012 und 2013 um 1,9 und 2,5 Prozent. 2014 und 2015 soll es sich dann bei 3 Prozent einpendeln.

Theorie und Praxis der Sanierungspläne passen nicht zusammen

Soviel zur Theorie. In der Realität könnte der Ölpreisanstieg diese Zahlenspiele allerdings kassieren - vor allem dann, wenn die Krisen in Nordafrika und dem Nahen Osten andauern. Denn der aktuelle Preis von rund 112 Dollar für ein Fass Brent-Öl liegt erheblich höher als jener, der den Entschuldungsplänen zugrunde liegt.

"Selbst, wenn der Ölpreis sich im Gesamtjahr um die 100 Dollar einpendeln würde, wäre das im Vergleich zu 2010 ein Anstieg um gut 25 Prozent", sagt Silke Tober, Ökonomin am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung. "Man kann also davon ausgehen, dass die aktuelle Inflationsrate und die der kommenden Wochen über der liegen, mit der geplant wurde."

Sollte der Preisanstieg des Öls bestand haben, hätte dies nach Ansicht Tobers auch Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Ein zehnprozentiger Anstieg des Ölpreises koste, je nach zugrunde gelegter Studie zwischen 0,1 bis 0,4 Prozentpunkte an BIP-Wachstum. "In der Regel sind es um die 0,2 Prozentpunkte", sagt die Ökonomin.

Eine Einschätzung, die auch Christian Dreger, Konjunkturexperte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), teilt. In wie weit sich der Ölpreis auf Konjunktur und Inflation auswirke, hänge allerdings auch davon ab, wie nachhaltig der Ölpreisanstieg sei. "Der Golfkrieg von 1990 hat sich beispielsweise kaum auf die weltweite Konjunktur ausgewirkt", sagt er. Vor dem Golfkrieg lag der Preis für Brent-Öl im zweiten Quartal 1990 bei rund 17 Dollar pro Fass, um dann krisenbedingt im dritten Quartal auf 26 Dollar und im vierten Quartal auf 32 Dollar zu steigen. Im ersten Quartal 1991 lag er dann wieder bei 21 Dollar.

Die Schuldenstaaten bräuchten negative Zinsen

Mit der aktuellen Situation sei die Golf-Krise insofern vergleichbar, da in beiden Fällen eine angebotsgetriebene Preissteigerung zu einer kurzfristigen Erhöhung der Ölpreise geführt habe. "Die Krisen in Nahost und Nordafrika sind allerdings nicht die einzigen Preistreiber", sagt Dreger. Er hält auch die steigende Rohstoffnachfrage in Schwellenländern und die amerikanische Inflationspolitik, die zu einer Flucht in Sachwerte wie zum Beispiel Öl führe, für bedeutsam.

Für die Konjunktur und die Sanierungspläne der unter dem Rettungsschirm befindlichen Schuldnerländer wie Griechenland, Irland, Spanien und Portugal sieht Dreger vor allem eine Konsequenz: "Die Entschuldung würde länger dauern." Eine starke Dämpfung der Konjunktur sieht er indes nicht.

Dieser Ansicht ist auch Nikolay Hristov, Experte für internationale Konjunkturanalyse am Münchener ifo-Institut. "Bliebe der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau, wären die Auswirkungen auf die Realwirtschaft nicht so bedeutsam wie die Auswirkungen auf die Inflation." Und selbst eine gesteigerte Teuerung würde die Schuldendynamik der so genannten PIGS-Staaten nicht wesentlich beeinflussen, glaubt Hristov. "Für die Länder unter dem Rettungsschirm wäre es problematischer, wenn sich die EZB gezwungen sieht, die Zinsen zu erhöhen."

EZB entscheidet über das Zinsniveau

Gemeinsam mit seinen Kollegen hat der ifo-Forscher jüngst einen "angemessenen Zins" für die verschiedenen EU-Länder berechnet. Für konjunkturstarke Staaten wie Deutschland, Frankreich, Österreich oder Finnland sei die EZB-Zinspolitik demnach derzeit zu expansiv. "Für diese Länder wären also höhere Zinsen erforderlich", sagt Hristov. Bei den so genannten PIGS-Staaten sei es hingegen umgekehrt. "Wegen der schwachen Konjunktur wäre für diese Länder eigentlich ein negativer Zins nötig."

Sehr grob gerechnet, und immer abhängig von der zugrunde gelegten Studie, schätzt der ifo-Forscher, dass eine Zinserhöhung im Euroraum um einen Prozentpunkt zu einer Minderung der wirtschaftlichen Wachstumsrate von 0,5 bis 1 Prozent führt.

Spätestens am Donnerstag werden diese Zusammenhänge auch auf der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) diskutiert. Dann legt die EZB den künftigen einheitlichen europäischen Leitzins fest. Als ausgemacht gilt, dass die Notenbanker um EZB-Präsident Jean-Claude Trichet die Märkte zumindest auf künftig steigende Leitzinsen vorbereiten werden - zum Beispiel durch die Ankündigung von "Wachsamkeit" oder einer kurzfristige Anpassung der Prognosen für Inflation und Wachstum.

Sollte eine Zinsentscheidung indes bereits am Donnerstag verkündet werden, müssten die Sanierungspläne wohl ebenfalls kurzfristig angepasst werden. Denn ob den Griechen, Iren, Spanier und Portugiesen die Entschuldung erfolgreich gelingt, hängt eben nicht nur vom eigenen Sparwillen ab, sondern auch vom wirtschaftlichen Gesamtumfeld.

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