IG-Metall-Vorstand Schwitzer "Es wird soziale Verwerfungen geben"

Ohne moderate Tarifabschlüsse hätte es das deutsche Jobwunder wohl nicht gegeben. Nun können die Arbeitnehmer selbstbewusster auftreten, sagt IG-Metall-Vorstandsmitglied Helga Schwitzer dem manager magazin. Billige Leiharbeiter - auch aus Osteuropa - könnten den Arbeitsmarkt aber heftig durcheinanderwirbeln.
Konjunktur unter Dampf: Arbeitnehmervertreter erhöhen ihre Lohnforderungen

Konjunktur unter Dampf: Arbeitnehmervertreter erhöhen ihre Lohnforderungen

Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

mm: Frau Schwitzer, ein selten gesehener Wirtschaftsaufschwung hat Deutschland erfasst. Bekommen die Beschäftigten genug davon ab?

Schwitzer: Zumindest die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie haben davon profitiert, dass sie in der Krise ihren Arbeitsplatz behalten haben - dank der von uns vereinbarten Instrumente zur Beschäftigungssicherung. Das ist ein großes Pfund. Ohne diese Instrumente und Kurzarbeit hätten sich viele neue Jobs suchen müssen oder wären in prekären Beschäftigungsverhältnissen mit erheblichen Einbußen gelandet.

mm: Nun aber wächst die Wirtschaft rasant - 3,6 Prozent 2010, im laufenden Jahr sollen es 2,3 Prozent werden. Da mutet das auf zwei Jahre verteilte Lohnplus von 2,7 Prozent plus eine kleine Einmalzahlung in der Metall- und Elektroindustrie karg an, zumal die Inflation anzieht.

Schwitzer: Die 2,7-prozentige Erhöhung ist nach gegenwärtigen Prognosen eine Reallohnerhöhung. Das ist nicht wenig. Außerdem muss man das Gesamtpaket einschließlich der Beschäftigungssicherung sehen. Die Unternehmen konnten die Belegschaften halten. Das ist der große Unterschied zu anderen großen Krisen, wie der Rezession von 1993. Die Beschäftigten sind dieses Mal weder auf der Straße noch in Niedriglohnjobs gelandet. Nun, da wir so gut aus der Krise gekommen sind, können Betriebe und Beschäftigte wieder dort ansetzen, wo sie vor der Krise waren.

mm: Die Betriebe aus der Metallbranche haben immerhin die Möglichkeit, die vereinbarte Lohnerhöhung um zwei Monate auf Februar vorzuziehen. Wie stark machen sie davon Gebrauch?

Schwitzer: Von Unternehmen, bei denen es die wirtschaftliche Lage zulässt, erwarten wir, dass sie die Lohnerhöhung vorziehen. Nach dem Motto: Wer kann, der muss. Im Moment ist das für gut 40 Prozent der Beschäftigten vereinbart, täglich kommen Betriebe dazu. Ich bin sicher, dass die vorgezogene Lohnerhöhung am Ende mehr als 50 Prozent der Beschäftigten erreicht.

mm: Wie bewerten Sie die Quote?

Schwitzer: Das ist schon ganz ordentlich. Es wird aber auch deutlich: Es gibt immer noch Betriebe, denen es noch schlecht geht. Oft sind es kleine und mittelständische Unternehmen.

mm: Mit diesem und anderen Krisentarifabschlüssen haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer den Grundstein für das Comeback der Konjunktur und neues Wachstum in Deutschland gelegt. Gehen die oft verfeindeten Parteien auch künftig Seit' an Seit'?

Schwitzer: Wenn wir gemeinsam etwas schultern, können wir auch etwas erreichen - das ist sicher eine Lehre aus der Krise. Daran messen wir die Arbeitgeber natürlich auch in Zukunft. Wer in schlechten Zeiten gemeinsam gehandelt hat, muss das auch in guten Zeiten tun. Deshalb fordern wir auch, dort wo es geht; das Vorziehen der Lohnerhöhung in der Metall- und Elektroindustrie und damit eine faire Beteiligung am Aufschwung. Erst ziehen wir die Karre gemeinsam aus dem Dreck, und dann allein damit losbrausen, so etwas geht nicht.

"Gute Fachkräfte haben ihren Preis"

mm: In kommenden Tarifauseinandersetzungen werden Sie sicher wieder auf höhere Abschlüsse dringen. Was erwarten Sie von der Verhandlung bei Volkswagen?

Schwitzer: Volkswagen ist gut durch die Krise gekommen. Das muss jetzt auch mit einem guten Abschluss honoriert werden. Da werden die Kollegen selbstbewusst rangehen.

mm: Angesichts von Wirtschaftswachstum und niedriger Arbeitslosenzahl vergrößert sich Ihr Spielraum. Fordern Sie bald wieder 8 Prozent mehr Lohn, wie 2008?

Schwitzer: Wie das gesamte Jahr 2011 ausfällt, werden wir am Ende wissen. Dazu kommen dann die Prognosen für 2012. Am Ende des Jahres kennen wir auch die Erwartungen der Beschäftigten. Erst dann werden wir über Forderungen und Prozente diskutieren. Die Erwartungen werden umso größer sein, je besser es läuft. Zunächst machen wir aber Druck gegen die Zunahme von prekärer Beschäftigung. Wir haben inzwischen fast sieben Millionen Beschäftigte, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Bei vielen liegt der Lohn unter Hartz-IV-Niveau, der Staat muss mit elf Milliarden Euro aufstocken. Das geht so nicht weiter. Wir müssen gegen Lohndumping vorgehen. Leiharbeiter müssen denselben Lohn bekommen wie die Stammbelegschaft. Da ist die Politik gefordert.

mm: Der allseits beschworene Fachkräftemangel dürfte den Druck mindern.

Schwitzer: Die Arbeitgeber müssen sich im Klaren darüber sein, dass sie diesen Mangel selbst zu verantworten haben. Es war Ausdruck unternehmerischer Unvernunft, vor einigen Jahren Stammbelegschaften zu verkleinern und Aus- und Weiterbildung zu vernachlässigen. Die Rechnung geht nicht auf, wie sich nun zeigt. Die ersten Unternehmen rudern zurück und merken, dass gute Fachkräfte ihren Preis haben. Und wir drücken da weiter.

mm: Viele Unternehmen wollen das Problem über verstärkte Zuwanderung lösen. Die Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus Mittel- und Osteuropa ab Mai 2011 könnte die Lage entspannen.

Schwitzer: Es muss auch in Deutschland über eine geregelte Zuwanderung nachgedacht werden. Zuwanderung darf aber kein Einfallstor für noch mehr Lohndumping, vor allem in der Leiharbeit werden. Wenn die Politik nicht mit einem Gesetz für gleiche Bezahlung gegensteuert, gefährdet das nicht nur den Arbeitsmarkt und den Lebensstandard. Es wird dann soziale Verwerfungen geben, die von Rechtspopulisten ausgeschlachtet werden können. Außerdem darf Zuwanderung kein Ersatz für Ausbildung und Qualifizierung sein.

mm: So schlimm wird es kaum kommen. Die meisten Firmen rechnen gar nicht damit, in nennenswertem Umfang neue Arbeitskräfte in Polen, Tschechien und anderen Ländern zu finden.

Schwitzer: Im Bereich Leiharbeit könnte es durchaus Wanderungen geben. Die Leiharbeit ist leider der Bereich am Arbeitsmarkt, der am stärksten boomt. In der Metall- und Elektroindustrie sind schon jetzt mehr als zwei Drittel aller Leiharbeiter beschäftigt. Auch die Arbeitgeber müssen ein Interesse am sozialen Frieden im Betrieb haben und den erreicht man nur, wenn man Beschäftigte zu vernünftigen Bedingungen beschäftigt.

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