Chemieverbandschef Engel "Stärkster Zuwachs seit 1976"

Die deutsche Chemieindustrie hat ein sensationelles Comeback aus der Krise hingelegt. Nun verliert der Aufschwung aber an Dynamik. Verbandspräsident Klaus Engel sagt im Interview, weshalb das so ist, und was geschehen muss, damit seine Branche auch künftig internationale Spitze bleibt.
Schwefelsäureaufbereitung bei BASF: Die Unternehmen der chemischen Industrie haben die Krise hinter sich gelassen

Schwefelsäureaufbereitung bei BASF: Die Unternehmen der chemischen Industrie haben die Krise hinter sich gelassen

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

mm: Herr Engel, die deutsche Wirtschaft ist überraschend gut aus der Krise gekommen. Wie ist es für die Chemieindustrie gelaufen?

Engel: Unsere Branche hat ein erstaunliches Jahr erlebt, das in dieser Form eine Ausnahme bleiben wird. Wegen des fulminanten Starts kann die Branche für das Gesamtjahr 2010 ein Produktionsplus von 11 Prozent verbuchen. Das ist der stärkste Zuwachs seit 1976. Der Gesamtumsatz stieg um 17,5 Prozent auf insgesamt 170,6 Milliarden Euro. Das Geschäft im Ausland konnte im Vergleich zum Vorjahr sogar um 20 Prozent auf 99,6 Milliarden Euro ausgebaut werden. Es hat damit das Vorkrisenniveau bereits überflügelt. Der Inlandsumsatz hat allerdings noch nicht ganz das Vorkrisenniveau erreicht.

mm: In dem Tempo dürfte es aber kaum weiter gehen, oder?

Engel: Nein, nach der rasanten Aufholjagd bewegen wir uns bereits wieder in moderateren Bahnen. Schon in der zweiten Hälfte dieses Jahres ließ die Dynamik erkennbar nach. Die wirtschaftliche Erholung erfolgte nur noch in kleinen Schritten. Im nächsten Jahr kehren wir wieder zu gewohnten Wachstumsraten zurück. Für 2011 rechnen wir mit einem Anstieg der Chemieproduktion in Deutschland um 2,5 Prozent. Der Gesamtumsatz der Branche steigt im kommenden Jahr voraussichtlich um 4 Prozent.

mm: Warum schwächt sich die Dynamik Ihrer Meinung nach so ab?

Engel: Das rasche Comeback der Weltwirtschaft, das uns in den zurückliegenden zwölf Monaten getragen hat, ist auch auf eine expansive Geld- und Fiskalpolitik zurückzuführen. Von einem selbsttragenden Aufschwung der Weltwirtschaft kann deshalb nicht die Rede sein. Die hohe Staatsverschuldung zwingt viele Länder, im kommenden Jahr zu sparen. Erst dann wird sich zeigen, wie stark die Auftriebskräfte wirklich sind. Und hiervon hängt wesentlich ab, wie sich das deutsche Exportgeschäft entwickeln wird.

mm: Welche Regionen sind dabei für die Chemiebranche besonders wichtig?

Engel: Die Wachstumsaussichten der Industrieländer sind vor diesem Hintergrund begrenzt. Dagegen dürfte sich der Aufwärtstrend in den Schwellenländern im kommenden Jahr mit hoher Dynamik fortsetzen. Insgesamt sind aber große Zuwächse für das Chemiegeschäft in den kommenden Monaten nicht zu erwarten. Schließlich bleibt die EU unser mit Abstand wichtigster Exportmarkt. Knapp 62 Prozent der Ausfuhren der deutschen Chemie gehen dorthin. Und in den anderen EU-Ländern ist die Erholung bei weitem nicht so vorangeschritten wie in Deutschland.

mm: Wie haben sich denn die Ausfuhren im laufenden Jahr entwickelt?

Engel: Die Exporte stiegen 2010 um 17,5 Prozent auf 143,8 Milliarden Euro. Die größte Dynamik zeigten dabei Asien und Südamerika. Aber auch die europäischen Nachbarländer orderten verstärkt bei den deutschen Chemieunternehmen.

mm: Und die Importe?

Engel: Sie lagen mit 100,8 Milliarden Euro 16,5 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Die deutschen Chemieunternehmen trugen mit 43 Milliarden Euro erneut deutlich zum Exportüberschuss unseres Landes bei. Auf unsere Branche geht damit rund ein Viertel der positiven Leistungsbilanz zurück.

mm: Schauen wir in die Zukunft. Wenn Sie drei Wünsche an die Politik hätten, was würden Sie sich wünschen?

Engel: Damit Deutschland auf Dauer eine starke Basis für die weltweiten Aktivitäten der Unternehmen bleibt, müssen wir nicht nur wettbewerbsfähig sein, sondern auch nachhaltiges Wachstum generieren. Hier spielt die Politik eine entscheidende Rolle. Um den Standort fit für die Zukunft zu machen, brauchen wir eine industriepolitische Gesamtstrategie für das Industrieland Deutschland.

"Verweigerung und Blockaden sind keine Lösung"

mm: Das heißt?

Engel: Der Bundeswirtschaftsminister hat vergangenen Monat ein Konzept vorgelegt, das den richtigen Weg weist. Es stellt klar heraus, was Deutschland tun muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben und nachhaltiges Wachstum zu schaffen: Forschung intensivieren, Bildung verbessern und Infrastruktur modernisieren. Jetzt wäre gut, wenn aus der Initiative des Wirtschaftsministers eine Gesamtanstrengung der Bundesregierung würde.

mm: Woran fehlt es am ehesten?

Engel: Notwendig ist eine bezahlbare und zuverlässige Energieversorgung. Dies ist für uns als energieintensive Branche unverzichtbar: Das Energiekonzept der Bundesregierung ist ein erster Schritt für den Umbau der Energieversorgung von traditionellen auf erneuerbare Quellen. Das ist auch für unsere Branche ein Geschäftsfeld mit stark wachsender Bedeutung. Es fehlt aber eine Roadmap. Ohne Speichertechnik und zusätzliche Leitungsnetze kann es keine stabile Energieversorgung mit Wind- und Solarstrom geben.

mm: Es hapert also an der Infrastruktur.

Engel: Ja. Die Frage der Energieversorgung muss in einem europäischen Kontext diskutiert werden. Gegenwärtig gibt es keine grenzüberschreitende Infrastruktur und somit keinen Energiebinnenmarkt. Wir begrüßen sehr, dass EU-Kommissar Oettinger mit einem neuen Energiekonzept Hindernisse und Engpässe im europäischen Binnenmarkt endlich beseitigen will. Schließlich brauchen wir mehr gesellschaftlichen Dialog, um Deutschland für die Zukunft zu rüsten.

mm: Ist der Dialog nicht gerade in den vergangenen Monaten recht rege in Gang gekommen?

Engel: Das stimmt. Wichtig ist dabei aber die Erkenntnis, dass wir unser Wohlstandsniveau in Deutschland ohne technischen Fortschritt nicht halten können. Wir müssen mehr Konsens in der Gesellschaft herstellen für die Projektierung von Großanlagen der Industrie, der Energiewirtschaft und für die Modernisierung unserer Infrastruktur. Denn Planungssicherheit ist eine unabdingbare Voraussetzung für Investitionen und somit für Wachstum und Beschäftigung in Deutschland. Verweigerung und Blockaden sind keine Lösung.

mm: Da dürfte niemand widersprechen.

Engel: Es ist doch so: Als Wissenschafts- und Industriezweig hat die Chemie schon lange eine große Bedeutung für die Menschen und ihre Lebensbedingungen. Und aktuell wird das schöpferische Potenzial der Chemie mehr denn je gebraucht. Es geht um alternative Energiequellen und Klimaschutz, um die Gesundheitsversorgung, die künftige Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung und um die Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Die Chemie hat das Potenzial, entscheidende Beiträge zur Lösung dieser Probleme beizusteuern.

mm: Da kommt das internationale Jahr der Chemie, zu dem 2011 ausgerufen wurde, ja gerade recht.

Engel: So ist es. Wir haben uns vorgenommen, die nächsten zwölf Monate besonders zu nutzen, um zu zeigen, was die Chemie in Deutschland "drauf hat". Die Auftaktveranstaltung der Chemieorganisationen findet am 9. Februar kommenden Jahres in Berlin statt.

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