Deutschland Bald Importmeister

Manche Probleme lösen sich von selbst. Der Vorwurf aus dem Ausland, Deutschland exportiere zu viel und konsumiere zu wenig, dürfte kaum Bestand haben. Ökonomen sind überzeugt von einem nachhaltigen Aufschwung der deutschen Binnenkonjunktur. Der Arbeitsmarkt macht's möglich.
Von Cornelia Knust
Containerterminal in Hamburg: Deutsche Kaufkraft für Europas Wachstum

Containerterminal in Hamburg: Deutsche Kaufkraft für Europas Wachstum

Foto: dapd

München - "Für Deutschland ist der Export Teil der nationalen Identität". Das erklärte vergangene Woche die französische Zeitung "Le Monde" zu Nikolaus ihren Lesern. "Nur ein Kanzler mit fortgeschrittener Selbstmordneigung könnte dies in Frage stellen".

Die Deutschen huldigten nämlich einem Technik-Kult, so "Le Monde" weiter. Es sei schon beim letzten deutschen Kaiser Wilhelm II mit seiner schnellen Schiffsflotte so gewesen und habe sich bis heute nicht geändert: Deutschland wolle die Welt dominieren mit seinem Made in Germany. Es folgt ein Verweis auf 16 Milliarden Euro Außenhandelsdefizit, das Frankreich im Handel mit Deutschland aufweist. 2009 waren es laut Statistischem Bundesamt sogar 27 Milliarden.

Doch Frankreich kann aufatmen. Auch wenn die deutsche Kanzlerin die Exporterfolge partout nicht verbieten will - die Volkswirtschaftstheorie arbeitet den kritischen Nachbarn in die Hände.

Wirtschaftswachstum, sinkende Arbeitslosigkeit und höhere verfügbare Einkommen bringen die deutsche Binnenkonjunktur nachhaltig ans Laufen. Endlich tun die Deutschen das, was ihnen schon niemand mehr zugetraut hat: Nach Kräften konsumieren, Löhne erhöhen, fröhlich sein.

"Endlich ein zweites Standbein"

Die englische "Financial Times" wunderte sich kürzlich über die gute Stimmung, die den Germans so gar nicht ähnlich sehe: "Das sollte eigentlich nicht passieren in Deutschland, einem Land, das bekannt ist für knauserige Konsumenten und einem schwierigem Einzelhandelsumfeld". Aber anhand der neuen Faktenlage - stark wachsende Importe - könne von einer Strategie des "Erfolgs auf Kosten der Nachbarn" wohl nicht mehr die Rede sein.

"Endlich schaffen wir es, das zweite Standbein auf den Boden zu bekommen", sagt Andreas Scheuerle, Konjunkturanalyst bei der Dekabank. Damit meint er den privaten Konsum im Gegensatz zum bislang alleinigen Wachstumsmotor Export. Ein Plus von 1,5 Prozent prophezeit der Ökonom dem Konsum jeweils für die nächsten zwei Jahre. Im Schnitt um nur 0,2 Prozent sei er in den letzten acht Jahren gewachsen.

Jetzt beginne eine neue Ära. Rechne man die Zunahme des Konsums seit dem zweiten Quartal 2010 auf ein Jahr hoch, ergäben sich schon jetzt Zuwachsraten zwischen 1,6 und 2,4 Prozent, sagt Scheuerle. Die neue Kauflaune der Deutschen ist wie ein befreites Aufatmen nach den düsteren Jahren der Angst: War das die bisher größte Krise der Nachkriegszeit? Dann sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen.

Tatsächlich: Das Land hat diese Krise ohne größere Verwerfungen am Arbeitmarkt bewältigt. Die Arbeitslosigkeit sinkt, mit Auslauf der Kurzarbeit wächst gleichzeitig das Arbeitsvolumen. Damit steigt das Einkommen und als Folge die Zuversicht. "Die Furcht vor Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie nie", sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt bei Unicredit in München. Und die Arbeitskräfte sehen ihren Langmut belohnt: Große Konzerne schütten freiwillig Sonderzahlungen an ihre Mitarbeiter aus und ziehen, wie in der Metallindustrie, vereinbarte Tariferhöhungen zwei Monate vor. "Das wirkt wie eine Konjunkturdividende", sagt Scheuerle.

Auch die GfK in Nürnberg vermeldet neue Höchstwerte im Konsumentenvertrauen. Sogar langlebige Konsumgüter werden wieder verstärkt gekauft. Da wirkt die Weihnachtswerbung "0 Prozent auf alles" von Deutschlands großen Elektrohändlern fast abgehalftert. Die Bürger zahlen cash. Nicht die Sparquote sinkt (da sind die Deutschen weiter vorsichtig), sondern die Einkommen entwickeln sich einfach besser, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt des Versicherungskonzerns Allianz. Ein Strohfeuer sei das nicht: "Die Entwicklung ist tragfähig und stabil".

Bald zwei Lokomotiven für Europa?

Hinzu kommt, dass die Zinsen niedrig sind. Waren sie aus deutscher Sicht angesichts niedriger Inflationsraten lange Zeit zu hoch, dreht sich das jetzt um. Die übertrieben hohen Zinsen in den Risikoländern des Euro führen dort zu Deflation, was für die Bewohner zwar schmerzhaft ist, aber in ein neues Gleichgewicht münden könnte. "Die Frage ist nur, wie kann man langsam die Kapitalmärkte dazu bringen, die Sache etwas realistischer zu sehen", sagt Unicredit-Mann Rees.

Erstaunlich zuversichtlich sind auch die deutschen Unternehmen: sie investieren, sie bauen vorsichtig Beschäftigung auf, womit sie sich auf dem heute viel flexibleren Arbeitmarkt leichter tun als früher. Die Unternehmer kassieren Lob von den Ökonomen wie "Hausaufgaben gemacht", "gut aufgestellt auf den Weltmärkten", "moderner geworden". Selbst die viel beschworene Kreditklemme hat sich nicht materialisiert. Gibt es andere Unwägbarkeiten? "Eine Stagnation des Exports ist nicht im Entferntesten in Sicht", sagt Heise, der selbst dann die Binnenkonjunktur nicht in Gefahr sieht. "Nur wenn der Dollar in den Keller geht, sehe ich ein gewisses Risiko".

Die Sorgen um den Euro aber interessieren die Unternehmer offenbar nur am Rande. Gegen Kursausschläge haben sie sich abgesichert, die von der Schuldenkrise betroffenen Länder spielen im Export kaum eine Rolle, und der niedrige Eurokurs nutzt den Ausfuhren in die Wachstumsmärkte der Welt. Erst wenn die Zinsen infolge der hohen Risikoprämien in der Euro-Zone auf breiter Front steigen sollten, ist Schluss mit lustig.

Ökonomen warten auf Lohnerhöhungen in Deutschland

Entscheidend für einen nachhaltigen Aufschwung der Binnenkonjunktur wird aber sein, dass die Löhne auch wirklich steigen, meinen die Ökonomen. Die jahrelange Lohnzurückhaltung, die Realeinkommensverluste seien zwar richtig gewesen, nachdem Deutschland Anfang der 90er Jahre seine Wettbewerbsfähigkeit leichtfertig verspielt habe, meint Scheuerle: "Aber das ist zu Ende. Jetzt gilt es, den Verteilungsspielraum, den wir haben, zu nutzen".

Heise sieht dafür positive Signale: der hohe Abschluss in der Stahlbranche, die übertariflichen Zulagen: "Die Tarifabschlüsse werden deutlich höher ausfallen als letztes Jahr".

Mit dem Konsum werden die Importe stark steigen: "Da muss man lange zurückblicken, dass das so war", sagt Scheuerle. "Ob das die französische Politik zufriedenstellen wird, bleibt abzuwarten", sagt Rees. Er rechnet nicht damit, dass die Kritik an Deutschland so schnell erledigt sein wird. Dabei sei das Schielen auf die Exportüberschüsse viel zu einfach, denn die Volkswirtschaften seien ja stark vernetzt. Vieles, was Deutschland exportiere, sei vorher in Form von Vorprodukten zur Weiterverarbeitung importiert worden - zum Beispiel aus Frankreich.

"Zwei Lokomotiven für Europa"

Frankreich ist Deutschlands wichtigster Absatzmarkt, doch das gilt auch umgekehrt. Wenn also Deutschland besonders stark vom Aufschwung in Asien profitiert, dann zieht es Frankreich mit, sorgt dort für mehr Wachstum und damit wieder für mehr Nachfrage nach deutschen Exporten - und so weiter.

Rees glaubt, dass die beiden Länder sich so regelrecht hochschaukeln und gemeinsam für Europa die Rolle der Konjunkturlokomotive spielen könnten. Die gute Stimmung sei in Frankreichs verarbeitendem Gewerbe schon sichtbar.

Noch ist Frankreich aber nicht in Euphorie ausgebrochen. Das Wirtschaftswachstum ist geringer als in Deutschland, die Arbeitslosigkeit höher, die Kritik mangelnder Reformfähigkeit anhaltend - trotz vollzogener Rentenreform und weiteren Steuerentlastungen in Arbeit. Eine neue Umfrage der Wirtschaftszeitung "Les Echos" zusammen mit Forschungsinstituten zeigt, dass zwei Drittel der französischen Unternehmer ein Ende der Wirtschaftskrise erst für 2012 erwarten.

In Sachen Wettbewerbsfähigkeit gibt man sich selbstkritisch. So sagte der liberal-konservative Senator Gérard Longuet vor einer Woche in einem Interview mit "Le Monde": "Entweder wir treten aus dem Euro aus oder aus der 35-Stunden-Woche, beides zusammen können wir nicht haben".

Allianz-Mann Heise bestätigt, das Korsett der Arbeitzeit sei ein dickes Problem für Frankreich. "Die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte war der entscheidende Erfolgsfaktor für Deutschland". Tatsächlich, welchen Analysten man auch fragt, alle sagen das gleiche: Wie Glockenklang zur Weihnachtszeit tönt wieder einmal das Loblied auf die Agenda 2010.