Starkes Wachstum Deutschland hängt den Rest Europas ab

Die deutsche Wirtschaft wächst so schnell wie zuletzt im Boom nach der Wiedervereinigung. Nach dem Exportmotor springt endlich auch die inländische Nachfrage an. Als Konjunkturlokomotive für Europa zieht Deutschland jedoch nur einen einzigen Waggon. Das könnte sich noch rächen.
Arbeiter in Stahlwerk: Die hohe Nachfrage nach deutschen Investitionsgütern bringt auch die Binnenkonjunktur in Schwung

Arbeiter in Stahlwerk: Die hohe Nachfrage nach deutschen Investitionsgütern bringt auch die Binnenkonjunktur in Schwung

Foto: A0009 ThyssenKrupp/ dpa

Hamburg - Wie eine gut geölte Maschine kommt die deutsche Wirtschaft in Schwung. Monat für Monat passen die Konjunkturauguren ihre Prognosen nach oben an. Mit der jetzt vorgelegten offiziellen Schätzung des Statistischen Bundesamtes wird der in diesem Herbst vorherrschende Optimismus mit harten Zahlen untermauert.

Im dritten Quartal legte das Bruttoinlandsprodukt demnach um 0,7 Prozent zu. Im Vorjahresvergleich waren es sogar 3,9 Prozent. Für dieses Jahr zeichne sich "ein gesamtdeutscher Rekord" ab, freut sich Volkswirt Andreas Scheuerle von der Dekabank. Solche Wachstumsraten gab es zuletzt im Vereinigungsboom 1991/92, und da trübte der zeitgleiche Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie die Freude.

Zwar ist das noch im Frühjahr verzeichnete atemberaubende Tempo von 2,3 Prozent Wachstum passé. Doch das sei "so stark durch Sonderfaktoren getrieben" gewesen, dass eine Wiederholung unmöglich wäre, meint Unicredit-Ökonom Andreas Rees. Viel wichtiger: "Die Qualität des Wachstums hat sich verbessert", sagt Rees. "Die bisher einmotorige deutsche Wirtschaft, die nur vom Export angetrieben wurde, wurde durch eine ausgewogene Maschine ersetzt."

Während die Impulse aus dem Außenhandel nachlassen, bieten die Investitionen der Unternehmen, der private Konsum und auch die immer noch von Konjunkturprogrammen gestützte staatliche Nachfrage ungefähr gleich starke Stützen des Wachstums, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Genau deshalb sehen die fünf Wirtschaftsweisen "Chancen für einen stabilen Aufschwung", so der Titel ihres aktuellen Jahresgutachtens. Das viel kritisierte deutsche Exportmodell könnte seinen Erfolg beweisen, wenn die große Nachfrage für deutsche Investitionsgüter aus dem Ausland überspringt und den Motor der Binnenkonjunktur anwirft. China allein kann die deutsche Wirtschaft nicht lange über Wasser halten, wenn die wichtigsten Handelspartner in Europa und Amerika schwächeln.

Denn die Nachbarn boten im dritten Quartal abermals ein desolates Bild. In Frankreich wuchs die Wirtschaft um magere 0,4 Prozent, ebenso wie im Euro-Raum insgesamt. Italien brachte es nur auf 0,2 Prozent, die spanische Wirtschaft stagnierte. In Griechenland ging der Absturz mit minus 1,1 Prozent weiter. Aus Irland, dem aktuellen Sorgenkind der Finanzmärkte, liegen noch keine Zahlen vor. Doch wenn die Regierung bei ihren jüngst verschärften Sparplänen bleibt, könnte die Inselrepublik ins vierte Rezessionsjahr gehen.

Europa steht noch schlechter da als Amerika

Europa insgesamt steht damit sogar noch etwas schlechter da als die USA, wo das schwache Wachstum derzeit für Stimmung wie in einem Katastrophengebiet sorgt. Selbst die Niederlande, die mit ihrer ebenfalls exportlastigen Wirtschaft sich bislang meist synchron zur deutschen Konjunktur entwickelten, fielen im Sommer zurück. Das Centraal Planbureau, die niederländische Wirtschaftsbehörde, meldete einen Rückgang des BIP um 0,1 Prozent statt des von Volkswirten erwarteten 0,5-prozentigen Wachstums.

Die Konjunkturlokomotive Deutschland zieht nur einen einzigen Waggon: Österreich schafft es auch dank der starken deutschen Nachfrage mit plus 0,9 Prozent im Quartal, mit Deutschland mitzuhalten. Doch für das Gesamtjahr rechnet das Wiener Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) auch nur mit 2 Prozent Wachstum in der Alpenrepublik.

"Die teilweise harte Konsolidierungspolitik kann die deutschen Exporte nachteilig beeinflussen", schreiben die Wirtschaftsweisen vom Wirtschafts-Sachverständigenrat der Bundesregierung. Die Folgen der Ungleichgewichte im Euro-Raum seien noch nicht absehbar.

Umso wichtiger wird die Inlandsnachfrage, um den Aufschwung ins kommende Jahr hineinzutragen. Laut Sachverständigenrat ist in den Wachstumsprognosen ein statistischer Überhang von 1,5 Prozent enthalten. Das bedeutet, dass der Großteil des für 2011 erwarteten Wachstums bloß auf einen rechnerischen Effekt zurückgeht, die tatsächliche Dynamik der Wirtschaft aber schwach ist.

Zudem soll erstmals seit vielen Jahren der private Konsum zum Hauptwachstumstreiber werden. Voraussetzung dieser Prognose jedoch sind jährliche Lohnsteigerungen um 3 Prozent. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger fordert deshalb eine bewusste Abkehr von der moderaten Lohnpolitik. "Die größte Gefahr für den Euro-Raum" bestehe darin, dass alle Mitgliedsländer zugleich auf Sparkurs gehen und die Lohnentwicklung bremsen. "Dies könnte in eine deflationäre Entwicklung münden", warnt Bofinger, "und damit die Stabilität des Systems insgesamt gefährden".

So könnte der Optimismus des Herbstes 2010 schnell wieder enden.

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