Deutscher Aufschwung Boom hilft nicht allen Jobsuchern

Mit der Wirtschaft in Deutschland geht es aufwärts, die Wachstumsprognosen werden angehoben. Selbst das Gespenst vom "jobless growth", dem Aufschwung ohne Arbeit, scheint gebannt. Doch nicht alle Beschäftigten werden gleich von dem Wachstum profitieren.
Mehr Wachstum, mehr Jobs, dennoch Probleme: Wer lange keinen Arbeitsplatz gefunden hat, bleibt auch derzeit oftmals außen vor

Mehr Wachstum, mehr Jobs, dennoch Probleme: Wer lange keinen Arbeitsplatz gefunden hat, bleibt auch derzeit oftmals außen vor

Foto: dapd

Hamburg/Nürnberg - "Nach einer Zeit auf der Beschleunigungsspur fährt unsere Wirtschaft jetzt auf der Überholspur." Nicht ohne Stolz präsentierte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle heute seine neue Wachstumsprognose. Die Bundesregierung rechnet mit 3,4 Prozent Wirtschaftswachstum in diesem Jahr. Das ist nicht nur ein ausgesprochen ansehnlicher Wert. Er liegt auch deutlich über der Frühjahrsprognose, wo man noch mit 1,4 Prozent rechnete. Schön auch: Die Regierung ist sich da mit der Mehrzahl der Volkswirte einig, die ähnliche Schätzungen vorgelegt haben.

So hübsch die Zahl sein mag, sie besagt nicht allzu viel. Interessanter ist die Frage: Kommt dieser Aufschwung auch bei den Menschen in Deutschland an?

Messen ließe sich das etwa an einer wachsenden Beschäftigung und an steigenden Löhnen. Ein Ausdruck der Stimmung der Bürger wären auch ihre Konsumausgaben: Wer sich wirtschaftlich sicher fühlt, traut sich auch, Geld auszugeben.

Was das angeht, hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) gestern Optimismus verbreitet. Seine Mitglieder beabsichtigen, massiv neue Mitarbeiter einzustellen. Das sogar 2011, obwohl dann alle mit einer Abschwächung der Wachstumskurve rechnen. 300.000 neue Stellen würden geschaffen, prognostiziert DIHK-Chef Martin Wansleben.

Beschäftigungsboom in der Zeitarbeit

Ganz so optimistisch ist das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit angegliedert ist, nicht. Aber auch dessen Zahlen geben Anlass zur Hoffnung: "Wir rechnen mit einem Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung um rund 210.000 Stellen im kommenden Jahr, sagt IAB-Forscher Gerd Zika gegenüber manager magazin.

Bereits 2010 werde es unterm Strich sehr gut aussehen, so Zika. So dürfte die Erwerbstätigkeit bis Jahresende um 200.000 sozialversicherungspflichtige Stellen zunehmen. "Selbst wenn die Unternehmen in den verbleibenden Monaten schlagartig alle Neueinstellungen stoppen würden, hätten wir im Jahresdurchschnitt ein ordentliches Plus", beschreibt er die Lage.

Damit ist bei dieser Größe fast die Situation wiederhergestellt, wie sie vor der Wirtschaftskrise herrschte. Dennoch hat sich einiges geändert. Den größten Zuwachs bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung hat nämlich die Zeitarbeit. Im ersten Halbjahr wurden allein in diesem Wirtschaftszweig 120.000 Personen eingestellt.

Zartes Pflänzchen Konsumlaune

Der Boom der Zeitarbeit, für die laut dem Institut der deutschen Wirtschaft knapp 900.000 Menschen arbeiten, ist verständlich. Die Unternehmen, die auf ihre Dienste zurückgreifen, werden dadurch flexibler. Die Arbeitnehmer dürfen sich über eine Festanstellung freuen, müssen aber mit den Besonderheiten der Branche leben: Einen Mindestlohn gibt es dort bislang nicht, das Gehalt kann also, je nach Auftraggeber, sehr gering ausfallen. Ändern könnte das Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, dem ein gemeinsamer Antrag von den Gewerkschaften und den Leiharbeitgebern vorliegt. Aber Brüderle und die FDP finden so was irgendwie nicht richtig.

Selbst wenn der Mindestlohn kommt, dürften die meisten Zeitarbeiter noch lange vom Prinzip "equal pay" träumen, für das sich heute erneut die IG Metall stark macht. Das bedeutet, dass ein Leiharbeiter dasselbe Gehalt bekommt wie wenn er regulär beim Auftraggeber beschäftigt wäre. Die Begeisterung bei Arbeitgebern ist erwartbar gering, die Unterstützung in der Regierung ebenfalls.

Sogar Brüderle fordert Lohnsteigerungen

Auch andere Faktoren haben sich verschoben im Vergleich zur Vorkrisenzeit. Die ersten Branchen, bei denen der Aufschwung auch in neue Jobs umgemünzt wurde, gehören zum Dienstleistungssektor, der im Schnitt relativ geringe Löhne zahlt. Im verarbeitenden Gewerbe, wo erfahrene Facharbeiter sehr ordentliche Gehälter mit nach Hause nehmen, ist noch keine Aufwärtsbewegung zu spüren. "Unsere Prognose ist, dass die Talsohle jetzt erreicht ist", sagt IAB-Forscher Zika. Im Winter sollte es aufwärts gehen, was aber durch Saisoneffekte nicht so deutlich sein dürfte. Spätestens im Frühjahr sollte aber auch hier der Arbeitsplatzaufbau spürbar sein.

Ob all das auch die Konsumlaune der Verbraucher nachhaltig hebt, bleibt abzuwarten. Zumal ein Großteil der neuen Stellen befristet ist oder schlecht bezahlt: Wie der Flexindex des Münchener Ifo-Instituts exklusiv für manager magazin zeigt, will die Mehrheit der deutschen Personalchefs von den Möglichkeiten befristeter Verträge verstärkt Gebrauch machen. Und in den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Niedriglöhner um zwei Millionen gestiegen - jeder fünfte Arbeitnehmer arbeitet laut dem Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) in diesem Bereich.

Auch das schwächt den Konsum. Das Statistische Bundesamt meldet, dass die Ausgaben für den privaten Konsum im zweiten Quartal 2010 um 0,7 Prozent abgenommen haben. Selbst in den Vergleichsquartalen der Krisenjahre 2008 und 2009 lagen sie höher.

Da könnten Lohnsteigerungen helfen, wie sie folgerichtig auch Spitzenpolitiker bis hin zur Bundeskanzlerin fordern. Konkret sieht man die bisher am jüngsten Tarifabschluss der Metallbranche. Ab diesem Monat gibt es dort 3,6 Prozent mehr Gehalt. Andere Branchen sind bisher zurückhaltend. Der DIHK warnt in seiner Studie von gestern vor steigenden Arbeitskosten. Aber wer weiß. Lohnsteigerungen findet ja sogar Rainer Brüderle richtig.

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