Deutschland 2011 Der Schwung lässt nach

3,5 Prozent Wachstum in diesem Jahr, 2 Prozent im kommenden Jahr - ein Grund zum Feiern? Konjunkturforscher halten den exportgetriebenen Aufschwung noch nicht für stabil. Um den Krisenschaden wieder auszubessern, bräuchte die deutsche Wirtschaft noch mehr als 7 Prozent Wachstum.
Deutscher Aufschwung: Der Schuldenstaat verliert seinen Schrecken

Deutscher Aufschwung: Der Schuldenstaat verliert seinen Schrecken

Foto: APN

Hamburg - Gute Stimmung gehört zum guten Ton. Im aktuellen Herbstgutachten sagen die von der Bundesregierung beauftragten Institute der deutschen Wirtschaft die höchten Wachstumsraten seit langem voraus - 3,5 Prozent für dieses, immerhin noch 2 Prozent für das kommende Jahr.

Diese Zahlen sind fast identisch mit denen praktisch aller anderen Konjunkturschätzungen von Instituten oder Bankökonomen. "Deutschland bringt die Weltproduktion auf Vorkrisenniveau", jubelt die Dekabank. Die Commerzbank sieht "Deutschland auch 2011 auf der Überholspur". Die Beschäftigtenzahl werde auf 40,4 Millionen Menschen im Jahresschnitt steigen - "so viele wie noch nie im vereinigten Deutschland", schwärmt Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Damit weist Deutschland das mit Abstand höchste Wachstum der großen westlichen Industrienationen auf, in der Euro-Zone nur übertroffen von der Slowakei. Deutschland wird zur Wohlstandsinsel und erntet Bewunderung bis nach Amerika.

"Das Wunder findet seine Erklärung darin, dass die deutsche Wirtschaft preislich wie qualitativ enorm wettbewerbsfähig ist", sagt Markus Marterbauer vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) aus Wien. Neidisch zeigt sich der Konjunkturforscher angesichts der so viel dynamischeren Entwicklung im Nachbarland allerdings nicht. Denn die Binnennachfrage sei immer noch schwach. "Wenn der Export mit einer zweistelligen Rate wächst und der Konsum zugleich stagniert wie in diesem Jahr, ist das schon enttäuschend", findet Marterbauer.

Wifo-Forscher: "Deutschland hat Spielraum für Zukunftsinvestitionen"

Bis zum diesjährigen Frühjahrsgutachten wirkte auch das Wifo noch an den Gemeinschaftsdiagnosen mit, die Grundlage für die Wirtschaftsberichte der Bundesregierung und damit für die Steuerschätzung sind, also indirekt die Politik mit bestimmen.

Für die Sorgen der Deutschen vor der Staatsverschuldung zeigt Marterbauer kein Verständnis. "Die Zahlen sind im europäischen Vergleich beeindruckend", sagt er. Deutschland werde schon 2011 das Defizitziel des Maastrichter Vertrags einhalten, wovon die Nachbarn weit entfernt seien. Er sehe "nicht die Notwendigkeit, noch zusätzlich zu sparen". Im Gegenteil: Deutschland habe Spielraum für Zukunftsinvestitionen. "Heute wäre die Gelegenheit für Deutschland, seine traditionellen strukturellen Schwächen etwa in der Forschung und Bildung anzugehen", sagt Marterbauer.

DIW-Präsident Zimmermann dagegen will den Staat an der kurzen Leine halten. "Trotz der überraschenden Steuermehreinnahmen sehen wir für Steuersenkungen und höhere Sozialausgaben weder Anlass noch Spielraum", erklärt er. Das Beispiel zeigt, dass die Prognostiker trotz der oberflächlich ähnlichen Zahlen sich in der Analyse deutlich unterscheiden.

Noch 3 Prozent Wachstum fehlen bis zum Vorkrisenniveau

Wifo-Mann Marterbauer ist mit seiner Sicht keineswegs ein Exot. Sowohl das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) als auch das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) warnen davor, die staatlichen Investitionen senken, wenn 2011 die Konjunkturpakete auslaufen und die im Grundgesetz festgeschriebene Schuldenbremse erstmals greift.

Das IMK, das ebenfalls bisher an Frühjahrs- und Herbstgutachten der Bundesregierung beteiligt war, rechnet für 2011 mit einem negativen Wachstumsbeitrag des Staats von 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Das ist zu früh", warnt IMK-Forscher Peter Hohlfeld. "Es gibt keinen selbsttragenden Aufschwung."

Obwohl auch die Düsseldorfer sich mit einer Wachstumsprognose von 1,9 Prozent dem optimistischen Konsens anschließen, sieht Hohlfeld große Unterschiede im Detail. Die anderen Institute hofften auf eine weitere Belebung in der zweiten Jahreshälfte 2011. "Wir sehen das nicht so rosig", sagt Hohlfeld. "Die Weltwirtschaft läuft nicht mehr so dynamisch und damit bringen unsere Exporte auch keinen zusätzlichen Wachstumsbeitrag."

IMK-Forscher: "Die Arbeitgeber sind etwas großzügiger"

Immerhin werde der private Konsum 2011 endlich steigen, sagt der Forscher voraus. Denn er erwarte, dass die realen Effektivlöhne anders als 2010 klar zulegen - bei den Beschäftigten käme also ein Teil des Aufschwungs an. "Die Gewinne steigen deutlich und die Arbeitnehmer wollen daran teilhaben", sagt Hohlfeld. "Wegen des Fachkräftemangels sind die Arbeitgeber auch etwas großzügiger." Steigende Löhne trügen diesmal sogar mehr zum Konsum bei als die nur noch leicht steigende Beschäftigung. Trotzdem erwarte das IMK für Ende 2011 "eher schwächeres Wachstum bis hin zu einer stagnativen Tendenz".

Auch die 3,5 Prozent für 2010 seien noch kein Grund zum Feiern. Allein 0,5 Prozentpunkte davon gingen auf das Konto eines rechnerischen Effekts. Das Statistische Bundesamt hat nämlich das Minus für das vergangene Jahr von 5,0 auf 4,7 Prozent revidiert. Die Wirtschaft ist also mit einem größeren Polster in dieses Jahr gestartet. Doch die Krise hinter sich gelassen hat sie noch lange nicht.

Um den Schaden auszubessern, der während der Rezession von Sommer 2008 bis Frühjahr 2009 mit einem Einbruch des BIP um 8,5 Prozent entstand, fehlen der deutschen Wirtschaft noch rund 3 Prozent Wachstum - zumindest, wenn das Ziel nur darin besteht, auf das Ursprungsniveau zurückzukommen.

Aber um an den alten Wachstumspfad anzuknüpfen, wäre 2011 sogar ein Wachstum von rund 7,5 Prozent nötig. Damit würde das BIP eine theoretische Linie erreichen, die beschreibt, wo die Wirtschaft stünde, wenn sie das Wachstum aus der Vorkrisenzeit von durchschnittlich 1,8 Prozent pro Jahr fortgesetzt hätte. Damit lässt sich aber auch näherungsweise ihr Potenzial beschreiben - also eine normale Ausnutzung der Produktionskapazität mit stabilem Investitionstempo.

Vollbeschäftigung wäre das noch nicht. Deutschland muss sich wohl darauf einstellen, dass die Volkswirtschaft noch einige Jahre unter ihren Möglichkeiten bleibt.

Mehr lesen über