Lückenfüller für Russland Katar, USA, Kanada – die Gewinner der Energiekrise

Die Bundesregierung sucht händeringend nach Öl- und Gaslieferanten, die die Lücke für russische Energielieferungen füllen könnten. Im Fokus stehen dabei Katar, die USA und Kanada – und selbst Importe aus Venezuela sind nicht mehr ausgeschlossen. Ein Überblick zeigt, wie viel Energie die Länder noch in Reserve haben.
Auf der Suche nach Energielieferanten: Wirtschaftsminister Robert Habeck in Katar

Auf der Suche nach Energielieferanten: Wirtschaftsminister Robert Habeck in Katar

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Durch den Krieg in der Ukraine muss sich die Bundesregierung nach neuen Partnern für Öl und Gas umschauen, um im Falle eines Lieferstopps von Russland ausreichend versorgt zu sein. Noch konnte sich die deutsche Regierung nicht zu einem Energie-Embargo durchringen angesichts der starken Abhängigkeit von Russland: Doch die Suche nach Alternativen läuft auf Hochtouren, um für den Fall eines Boykotts oder Lieferstopps von russischer Seite gewappnet zu sein.

Nachdem die USA bereits ein Embargo für Öl und Gas aus Russland verhängt haben, wird in Washington sogar über mögliche Öl-Importe aus Venezuela nachgedacht. US-Regierungsvertreter waren tatsächlich schon beim Klassenfeind in Caracas, um über mögliche Energielieferungen zu sprechen. Venezuela, Saudi-Arabien, möglicherweise sogar der Iran: Viele Ölproduzenten sind seit dem Ukraine-Krieg als mögliche Lieferanten für die USA wieder im Gespräch. Und auch Deutschland müht sich derzeit nach Kräften, im Ausland neue Energie-Quellen zu erschließen.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (52) warb auf seiner Reise nach Katar und in die Arabischen Emirate um neue Energielieferungen für Deutschland und Europa. Für den Bau der geplanten LNG-Terminals in Deutschland ist der Minister auf der Suche nach neuen Verträgen und setzt dabei insbesondere auf drei Lieferanten: Katar, die USA und Kanada. Mit Katar vereinbarte Habeck bereits eine langfristige Energiepartnerschaft. Die Unternehmen, die ihn nach Katar begleitet haben, würden nun mit der katarischen Seite tief in Vertragsverhandlungen einsteigen, sagte Habeck. Auch mit den USA und Kanada sollen Gespräche geführt werden. Doch können die Staaten liefern? Ein Überblick.

Katar: Golfstaat will Produktion fast verdoppeln und fordert langfristige Verträge

Über welche Reserven verfügt das Land?

Das relativ kleine Land Katar verfügt nach Russland und dem Iran über die drittgrößten Erdgasvorräte der Welt. Laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) entfallen diese zum größten Teil auf das Gasfeld North Dome vor der Küste Katars. Der Staat teilt seine Gasfelder im Persischen Golf mit dem Iran. Seitens der beiden Länder gibt es Bestrebungen, dieses Erdgasvorkommen gemeinsam auszubeuten.

Wer sind die Kunden?

Momentan exportiert Katar sein Flüssigerdgas hauptsächlich nach Asien, etwa nach Indien, Südkorea, China und Japan. Obwohl Katar im vergangenen Jahr der weltweit größte LNG-Produzent war, kann das Land momentan nur eingeschränkt die russischen Gaslieferungen in Europa ersetzen. Denn der Großteil seines Gases wird im Rahmen langfristiger Lieferverträge verkauft. Nur 10 bis 15 Prozent seiner Exporte könnten kurzfristig abgezweigt werden. Um weitere Mengen nach Europa umzuleiten, bräuchte man die Zustimmung der vertraglich gebundenen Käufer. Japan müsste zum Beispiel auf einen Teil der vertraglich zugesagten Mengen verzichten, um Kapazitäten für Europa freizumachen. Katar fehlen außerdem Reservekapazitäten, um ein Gasdefizit in Europa kurzfristig auszugleichen.

Kann das Land seine Produktion ausweiten?

Die mit Deutschland vereinbarte Energiepartnerschaft ist wichtig für den Golfstaat, der seine Produktion in den nächsten Jahren fast verdoppeln will. "Um unsere Rolle bei der Erdgasproduktion weiter auszubauen, streben wir eine Erhöhung unserer LNG-Produktionskapazität von 77 Millionen Tonnen jährlich auf 126 Millionen Tonnen jährlich bis 2027 an", sagte Katars Emir Scheich Tamim bin Hamad al-Thani im Februar. Laut Medienberichten  muss Katar dafür 51 Milliarden Dollar investieren. Die Germany Trade und Invest, die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Bundesrepublik, spricht von 43 Milliarden US-Dollar für die Expansion des Gasfeldes North Field. Bis 2025 soll die Kapazitäten um 33 Millionen Tonnen pro Jahr auf 110 Millionen Tonnen jährlich ausgeweitet werden, bis 2027 sollen weitere 16 Millionen Tonnen pro Jahr an Kapazität folgen. Entsprechend verlangt Katar langfristige Lieferverträge, um in der Zukunft nicht auf seinen Gaslieferungen sitzen zu bleiben.

USA: Fracking-Boom sorgt für Boom des LNG-Geschäfts

Über welche Reserven verfügt das Land?

Die USA waren 2020 größter Erdgasförderer weltweit mit einer 915 Milliarden Kubikmetern Erdgas. Die Vereinigten Staaten sind wegen des extensiven Einsatzes der umstrittenen Fracking-Technologie, die Öl und Gas aus Schiefergestein unter hohem Druck mithilfe eines Chemiecocktails herauspresst, zum weltweit größten Flüssiggasexporteur aufgestiegen. In West Texas und New Mexico befindet sich das weltweit am stärksten frequentierte Schiefergebiet, das Permische Becken. Das Land verfügt nach Angaben des Think Tanks Center for Strategic and International Studies (CSIS) derzeit über rund 100 Millionen Tonnen an LNG-Exportkapazität, weitere 20 Millionen Tonnen befinden sich im Bau und sollen bis 2025 ans Netz gehen.

Wer sind die Kunden?

Fast die Hälfte der US-Flüssigerdgas-Exporte ging 2021 an asiatische Länder. Dabei waren Südkorea, China, Japan und Indien die größten Abnehmer. Ein Drittel des LNGs lieferten die USA im vergangenen Jahr an europäische Staaten, insbesondere Spanien und Großbritannien. Aufgrund der europäischen Gaskrise stieg Europa im Dezember 2021 zum wichtigsten Importeur von US-amerikanischen Flüssiggas auf und ist dies noch immer. Fast drei Viertel der amerikanischen Exporte gingen im Februar nach vorläufigen Refinitiv-Daten nach Europa.

Kann das Land seine Produktion ausweiten?

Nach Einschätzung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft sind Produzenten in den USA in der Lage, ihre Angebotsmenge kurzfristig auszuweiten. Die Vereinigten Staaten, die erst 2016 die LNG-Produktion aufnahmen, bauen derzeit die Kapazitäten weiter aus. Es wird erwartet, dass das Land mit mehr in Betrieb gehenden Anlagen allein bis Ende des Jahres seine Exporte um 20 Prozent steigert. Das US-Energieministerium erteilte für zusätzliche Exporte von Flüssigerdgas aus den Terminals Sabine Pass in Louisiana und Corpus Christi in Texas entsprechende Genehmigungen. Was einen Anstieg der Exporte bremsen könnte, sind nicht die für die Erdgasförderung nötigen Vorkommen, sondern die Auslastung der Flüssiggas-Terminals. Die Exportanlagen, die das Gas für den Transport über See verflüssigen, liefen im Dezember bereits nahezu auf maximaler Verarbeitungskapazität.

Auch beim Öl kann Europa sich zumindest etwas Hoffnung auf Hilfe der USA machen. Schieferbohrer haben ihre Produktion bereits ausgeweitet, nachdem US-Präsident Biden sie angesichts des Importverbots von russischem Öl und Gas zum Hochfahren ihrer Kapazitäten aufgefordert hatte. Fracking erlebt in den USA derzeit ein rasantes Comeback. Wegen der gestiegenen Ölpreise lohnt sich die Schieferölproduktion wieder. Die Zahl der Bohranlagen für die Förderung von Rohöl stieg Anfang März um 8 auf 527, wie die Agentur Bloomberg berichtet. Die US-Energiebehörde EIA erwartet für März eine Steigerung der US-Schieferölproduktion um 109.000 auf über 8,7 Millionen Barrel pro Tag.

Unternehmen investieren allerdings nur zögerlich in die Förderung. Grund dafür sind Schulden aus den vergangenen Jahren sowie wirtschaftliche Unwägbarkeiten der Öl- und Gasindustrie, insbesondere infolge der neuen Energie- und Umweltpolitik der US-Regierung.

Kanada: Gaslieferungen bislang ausschließlich in die USA

Über welche Reserven verfügt das Land?

Große Gas- und Ölvorkommen besitzt auch Kanada. Das Land war mit 165 Milliarden Kubikmetern 2020 der viertgrößte Förderer von Erdgas und verfügt wie die USA neben konventionellen Erdgasvorkommen auch über bedeutende Schiefergasvorkommen. Der Großteil der Erdgasressourcen des Landes befindet sich im Westen des Landes in British Columbia und Alberta, wo seit Jahrzehnten mittels Frackings gefördert wird. Zudem besitzt Kanada die drittgrößten Ölreserven der Welt und exportierte 2020 nach Saudi-Arabien und Russland die größten Mengen Erdöl.

Wer sind die Kunden?

Kanada exportiert Erdgas bisher ausschließlich in die USA. Seit Jahren gibt es Bestrebungen, weitere Absatzmärkte für Gas zu erschließen und verflüssigtes Erdgas nach Südostasien, Indien und China zu liefern. Noch fehlt es dafür aber an der Infrastruktur. Zahlreiche Projekte für geplante LNG-Terminals wurden in den vergangenen Jahren verschoben oder eingestellt. Teils fehlten Investoren, teils behinderten hohe regulatorische Auflagen und öffentlicher Widerstand die Vorhaben. Pläne, Flüssiggas aus dem kanadischen Osten nach Europa, unter anderem nach Deutschland, zu liefern, scheiterten bislang ebenfalls. Auch der Großteil des kanadischen Erdöls wird an die USA geliefert.

Kann das Land seine Produktion ausweiten?

Theoretisch könnte das Land seine Produktion von Erdgas ausweiten, jedoch dauert es noch einige Jahre, bis das Flüssigerdgas exportiert werden kann. Laut der Canadian Association of Petroleum Producers (CAPP) gibt es nur ein geplantes LNG-Terminal, das auf den Weltmarkt ausgerichtet ist und sich derzeit noch im Bau befindet. Die Anlage, die in der Küstenstadt Kitimat im Nordwesten entsteht, soll Mitte des Jahrzehnts fertiggestellt werden und zunächst etwa 6,5 bis 14 Millionen Tonnen pro Jahr LNG liefern, wobei eine künftige Erweiterung auf 26 Millionen Tonnen pro Jahr möglich ist. Das 30 Milliarden US-Dollar teure Vorhaben ist laut Germany Trade und Invest das erste LNG-Großprojekt, das die Planungsphase überwinden konnte.

Auch Öllieferungen aus Kanada als mögliche Lückenfüller für Russland erscheinen derzeit fraglich. Denn die kanadischen Produzenten haben keine Pläne, ihre Produktion deutlich zu steigern. Trotz des Anstiegs der Ölpreise auf ein 11-Jahres-Hoch sind die kanadischen Unternehmen zurückhaltend, wenn es darum geht, aggressiv in die Ausweitung der Ölproduktion zu investieren nach dem pandemiebedingten Einbruch des Ölpreises im Jahr 2020. Nach Einschätzung von Branchenvertretern bräuchten die Produzenten ein klares Signal von der kanadischen Regierung, dass sie große Investitionen in die Energieinfrastruktur unterstützt, um die Gas- und Ölproduktion und die Exportkapazitäten zu steigern.

dri mit Nachrichtenagenturen