Unternehmer aus Georgien kämpft freiwillig in der Ukraine "Wir werden Putin nur stoppen, wenn wir furchtlos sind"

Der Unternehmer David Katsarava hat seine Familie in Georgien verlassen und kämpft nun bei Kiew als Freiwilliger gegen die russische Armee. Er erklärt, warum viele Georgier sich jetzt der "Internationalen Legion" anschließen – und wie der Westen wirksam helfen könnte.
Ein Interview von Kai Lange
David Katsarava (vor seiner Abreise nach Kiew): "Wenn wir jetzt nicht gemeinsam die Freiheit der Ukraine verteidigen, dann sind Georgien und Moldawien als Nächste dran"

David Katsarava (vor seiner Abreise nach Kiew): "Wenn wir jetzt nicht gemeinsam die Freiheit der Ukraine verteidigen, dann sind Georgien und Moldawien als Nächste dran"

Herr Katsarava, Sie sind rund 2000 Kilometer von Tiflis in Georgien nach Kiew gereist, um jetzt als Teil der "Internationalen Legion" die ukrainische Hauptstadt zu verteidigen. Warum riskieren Sie ihr Leben?

David Katsarava: Ich habe mich in dem Moment entschieden, als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj um Unterstützung durch freiwillige ausländische Kämpfer bat. Vor zehn Tagen bin ich dann aufgebrochen und habe mich rekrutieren lassen. Seit einigen Tagen hat unsere Gruppe – darunter Georgier, Norweger, Litauer und Finnen – ihr Einsatzgebiet in der Nähe von Kiew. Von hier aus starten wir unsere Einsätze. Die meisten Kämpfe finden derzeit vor Kiew statt, nicht in Kiew selbst.

Was haben Sie in den vergangenen Tagen erlebt?

Wir haben täglich klar definierte Missionen. Gestern haben wir etwa ein russisches Militärfahrzeug zerstört. Die Kommunikation und Vernetzung der Gruppen funktioniert gut. Wir werden von der ukrainischen Armee ausgerüstet und stehen unter ihrem Kommando. Georgier und Ukrainer verständigen sich ironischerweise meist auf Russisch. Mit den Mitkämpfern aus Europa sprechen wir Englisch. Wir sind mobil und viel unterwegs: Über einzelne Missionen sprechen wir erst dann, wenn sie abgeschlossen sind. Was ich in den vergangenen zehn Tagen an Leid und Elend gesehen und erlebt habe, darüber möchte ich lieber nicht sprechen.

Sie haben in Tiflis ein erfolgreiches Touristikunternehmen geführt. Dort leben auch Ihre Frau und Ihre drei Kinder. Wie schwer ist Ihnen die Entscheidung gefallen, in ein anderes Land in den Krieg zu ziehen?

Natürlich war die Entscheidung schwer. Aber sie war vom ersten Moment an ganz klar. Außerdem sehe ich die Ukraine nicht als "ein anderes Land". Georgien und die Ukraine, wir sind eins. Es ist unser gemeinsamer Kampf.

Katsaravas Gruppe während einer Gefechtspause im Wald

Katsaravas Gruppe während einer Gefechtspause im Wald

Woher diese Einigkeit?

Georgien wurde bereits 2008 in Teilen von russischen Truppen besetzt. 2014 hat Putin dann die Krim annektiert und jetzt die gesamte Ukraine angegriffen – eben weil es seit 2008 keinen geschlossenen internationalen Widerstand gegen seine Politik gab.

"Georgien und die Ukraine, wir sind eins."

David Katsarava

Ich habe mich seit 2017 als Aktivist gegen die russische Besatzung in Georgien eingesetzt – und jetzt ist mein Platz hier, in der Ukraine, vor Kiew. Ich weiß: Wenn wir jetzt nicht gemeinsam die Freiheit der Ukraine verteidigen, dann sind Georgien und Moldawien als Nächstes dran.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, schon bald Ihr altes Leben zurückzubekommen?

Wissen Sie, ich habe mein altes Leben schon einmal komplett aufgegeben. Ich habe ein erfolgreiches Touristikunternehmen geführt, Kanu- und Raftingtouren angeboten – es war ein angenehmes, sicheres Leben. Aber 2017 habe ich es einfach nicht mehr ertragen, dass russische Soldaten die Grenzlinien zu den besetzten Gebieten in Georgien permanent verschieben – und auf diese Weise immer größere Teile meiner Heimat okkupieren.

Sie sprechen von den Konflikten in den selbst ernannten Republiken Südossetien und Abchasien, die völkerrechtlich zu Georgien gehören, aber von Russland kontrolliert werden.

Putin verfolgt dort die gleiche Strategie wie im Donbass. Erst russische Pässe verteilen und dann den Bewohnern der sogenannten Republiken "zu Hilfe eilen". Georgische Dörfer, die in der Nähe der Okkupationslinien liegen, heißen bei uns "Dörfer der Angst".

Wenn deine Kuh über die Linie zum nächsten Wasserloch läuft und du sie zurückholst, riskierst du, festgenommen und tagelang verhört zu werden. Über Nacht ziehen russische Soldaten neue Brandschneisen über die Äcker und verschieben auf diese Weise die Grenzlinie erneut. Es ist wie eine Berliner Mauer – allerdings eine bewegliche, die immer weiter in dein Land vordringt. Und wehe, du landest auf der falschen Seite im besetzten Sektor.

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