Internationaler Währungsfonds Schlammschlacht um IWF-Chefin Georgiewa

Hat Währungsfonds-Chefin Kristalina Georgiewa in ihrem früheren Job bei der Weltbank ein Ranking manipuliert? Darüber ist ein regelrechter Gelehrtenstreit ausgebrochen. Die Protagonisten: einige der renommiertesten Ökonomen der Welt.
In der Kritik: IWF-Chefin Kristalina Georgiewa (68)

In der Kritik: IWF-Chefin Kristalina Georgiewa (68)

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Liu Jie / dpa

Kristalina Georgiewa (68), Chefin des Internationalen Währungsfonds IWF, muss um ihren Job kämpfen. Kurz vor der Herbsttagung von IWF und Weltbank, die übernächste Woche beginnt, fliegen zwischen ihren Kritikern und Verteidigern massive Vorwürfe hin und her. Es geht darum, ob Georgiewa möglicherweise in die Manipulation eines einflussreichen Weltbank-Rankings verwickelt waren.

In der nun öffentlich geführten Schlammschlacht geht es um Wirtschaftswissenschaft und um Ethik – aber auch um den immer härteren Machtkampf zwischen den USA und China. Und die Protagonisten sind einige der renommiertesten Ökonomen der Welt.

Ausgangspunkt des Streits ist der "Doing Business Report", in dem die Weltbank bislang jährlich alle Länder danach bewertete, wie gut ihre regulatorischen Bedingungen für Unternehmer sind. Das entsprechende Ranking bewegte jahrelang viele Milliarden, denn es wurde zum Kompass für private Investoren und staatliche Geldgeber. Etliche Regierungen versuchten, durch gezielte Reformen Plätze gutzumachen. Allerdings haben Ökonomen, auch innerhalb der Weltbank, das Ranking teils scharf kritisiert, weil die Tabelle durch Veränderungen der Methodik manipuliert werden kann.

IWF und Weltbank

Aufgabe des Internationalen Währungsfonds ist es, die Risiken in der Weltwirtschaft zu beobachten und Länder in akuten Finanznöten mit Krediten und Sanierungsprogrammen zu unterstützen. Die Schwesterorganisation Weltbank bietet entwicklungspolitische Beratung und Projektfinanzierungen. Beide Institutionen gehören zum Kern der Nachkriegsweltordnung, die unter der Führung der USA entstand. Sie haben ihren Sitz in Washington und wurden bislang maßgeblich von den westlichen Staaten – ihren wichtigsten Anteilseignern – gesteuert.

Ein externer Untersuchungsbericht über Manipulationen hatte jüngst Georgiewas Integrität in Frage gestellt. Die bulgarische Ökonomin und Ex-EU-Kommissarin war von 2017 bis 2019 Geschäftsführerin der Weltbank. Im August 2019 übernahm sie den IWF-Job von Christine Lagarde (65), die an die Spitze der EZB wechselte. Georgiewa selbst hat alle Vorwürfe scharf zurückgewiesen: Den Ergebnissen und Interpretationen des brisanten Untersuchungsberichts widerspreche sie "fundamental".

Wurden bei der Weltbank Mitarbeiter eingeschüchtert?

In dem Streits geht es unter anderem um das Ranking 2018, als China trotz seiner Reformen in der Weltbank-Tabelle stagnierte. Das Argument, dass andere Länder ebenso viel oder noch mehr getan hatten, überzeugte Peking nicht. Die damalige Weltbank-Führung unter dem koreanischen Präsidenten Jim Yong Kim veranlasste eine nochmalige Prüfung. China verbesserte sich danach um sieben Plätze auf Rang 78. Die Kanzlei WilmerHale, die nun diese und ähnliche Vorgänge untersucht hat, legt in ihrem Bericht nahe, dass die Geschäftsführerin Georgiewa Mitarbeiter unter Druck gesetzt habe. Das Motiv könnte gewesen sein, Chinas guten Willen für eine anstehende Kapitalerhöhung bei der Weltbank zu sichern.

Der Nobelpreisträger und kurzzeitige Weltbank-Chefökonom Paul Romer bekräftigt diese Vorwürfe. Romer hatte die Weltbank auch wegen der Konflikte um das "Doing Business"-Ranking Anfang 2018 verlassen, Georgiewa hatte seine Kompetenzen zuvor stark beschnitten. Laut Untersuchungsbericht soll der bulgarische Ökonom und Ex-Finanzminister Simeon Djankow (51) – ein Landsmann Georgiwas, der den "Doing Business Report" 2004 entwickelt hatte – kritische Weltbank-Mitarbeiter unverhohlen eingeschüchtert haben. In einem "FAZ"-Interview  erklärte Romer kürzlich, dass alle dokumentierten Manipulationen Djankows im Namen der Chefin erfolgt seien: "Seine Handlungen und Äußerungen spiegeln direkt den Charakter und den Führungsstil von Frau Georgiewa wider."

Die Gegner Georgiewas argumentieren, dass ihr Weltbank-Skandal die künftige Glaubwürdigkeit des IWF beschädige. Der einflussreiche "Economist", Pflichtblatt aller Finanzdiplomaten, hat in einem Leitartikel  den Rücktritt der IWF-Chefin gefordert. Abgeordnete im US-Kongress stellen ihre Eignung infrage.

Nobelpreisträger Stiglitz geht zum Gegenangriff über

Georgiewas Verteidiger sehen sie als Opfer einer Intrige: Die Vorwürfe würden gezielt aufgebauscht. Es gehe in Wahrheit um die "anti-chinesische Hysterie " in Washington, schreibt der renommierte Entwicklungsökonom Jeffrey Sachs (66) in der "Financial Times". Der Nobelpreisträger und frühere Weltbank-Chefökonom Joseph Stiglitz (78) spricht in einer Kolumne von einem "versuchten Coup " gegen die IWF-Chefin, die den Fonds in den Zeiten des Covid-Crashs verstärkt auf soziale und ökologische Themen ausrichtet.

Die Weltbank hat das "Doing Business"-Ranking nach dem Bericht endgültig abgeschafft. Für die Kritiker zeigt der Fall, dass Georgiewa womöglich zu Kompromissen bei der Datenalyse bereit ist. Der IWF dürfe aber gerade in diesen Zeiten keinerlei Zweifel an seiner Unparteilichkeit aufkommen lassen.

Dem abgeschafften Ranking trauern auch die Verteidiger Georgiewas nicht nach. Den WilmerHale-Bericht kritisieren sie aber heftig. So hat der Princeton-Ökonom Shanta Devarajan, der 2018 die zuständige Weltbank-Abteilung führte, via Twitter betont, dass Georgiewa ihn niemals unter Druck gesetzt habe. Seine Aussagen dazu seien im Untersuchungsbericht massiv verkürzt worden.

Joseph Stiglitz geht derweil zum Gegenangriff über: Unter dem aktuellen Weltbankpräsidenten David Malpass (65), einem von Trump nominierten Amerikaner, habe es viel eklatantere Manipulationen zugunsten von Saudi-Arabien gegeben. Einen Deal mit China habe Georgiewa im Übrigen gar nicht benötigt: Peking habe die Kapitalerhöhung bei der Weltbank selbst mit angeschoben.

cs
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