Höchste Inflationsrate seit Wiedervereinigung erwartet IfW halbiert Wachstumsprognose für 2022

Das Kieler Institut erwartet nur noch ein Wachstum der deutschen Wirtschaft in Höhe von 2,1 Prozent. Hohe Rohstoffpreise schmälern die Kaufkraft und damit den Konsum. Gleichzeitig belasten Lieferengpässe und Sanktionen die Industrie.
Mehrere deutsche Autofabriken stoppten wegen des Ukraine-Kriegs die Produktion: Die Produktionskapazitäten bleiben bis Ende des Jahres nicht voll ausgelastet und die Wirtschaftsleistung laut Kieler Institut für Weltwirtschaft damit unter den Möglichkeiten.

Mehrere deutsche Autofabriken stoppten wegen des Ukraine-Kriegs die Produktion: Die Produktionskapazitäten bleiben bis Ende des Jahres nicht voll ausgelastet und die Wirtschaftsleistung laut Kieler Institut für Weltwirtschaft damit unter den Möglichkeiten.

Foto: Marijan Murat/ picture alliance/dpa

Unter dem Eindruck des Krieges in der Ukraine hat das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) seine ohnehin schon gedämpfte Wachstumsprognose für 2022 halbiert. Die Ökonomen trauen der deutschen Wirtschaft im laufenden Jahr nur noch ein Wachstum von 2,1 Prozent zu, wie das IfW am Donnerstag mitteilte. Bereits im Dezember hatte das Institut seine Erwartungen angesichts der anhaltenden Corona-Pandemie und der hartnäckigen Lieferengpässe von 5,1 auf 4 Prozent gestutzt. Vor dem Hintergrund der seit Kriegsausbruch noch stärker steigenden Energiepreise rechnen die Ökonomen zudem mit einer Inflationsrate von 5,8 Prozent, dem höchsten Wert seit der deutschen Einheit vor mehr als 30 Jahren.

"Der Ukraine-Schock verzögert die Rückkehr zum Vor-Corona-Niveau in die zweite Jahreshälfte", schreibt das IfW in seiner Prognose. "Die Produktionskapazitäten bleiben bis Ende des Jahres nicht voll ausgelastet und damit die Wirtschaftsleistung unter den Möglichkeiten." Ein Teil der ausfallenden Produktion dürfte aus IfW-Sicht 2023 nachgeholt werden, sodass für das kommende Jahr nun ein leicht stärkeres Wachstum von 3,5 (bislang 3,3) Prozent erwartet wird. Insgesamt kosteten die ökonomischen Verwerfungen infolge des Ukraine-Krieges Deutschland in diesem und im kommenden Jahr rund 90 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung, kalkuliert das IfW.

"Der Krieg in der Ukraine führt zu hohen Rohstoffpreisen, neuen Lieferengpässen und schwindenden Absatzmöglichkeiten", erklärten die Ökonomen des IfW. "Die hohen Rohstoffpreise verringern die Kaufkraft der verfügbaren Einkommen und dämpfen damit den privaten Konsum." Zudem belasteten zusätzliche Lieferengpässe die Industrie spürbar. Auch dürften sich zumindest vorübergehend die Absatzmöglichkeiten aufgrund der Sanktionen sowie der durch den Krieg gestiegenen Unsicherheit verringern. "All dies trifft die Wirtschaft in einer Phase, in der die dämpfenden Einflüsse der Pandemie nachlassen und eine kräftige Erholung angelegt war", so das IfW.

Dass die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr nicht erneut in eine Rezession stürzen dürfte, erklären die Ökonomen mit "starken postpandemischen Auftriebskräften", zu denen enorme Ersparnisse der Konsumenten sowie Spitzenwerte bei den Auftragsbeständen zählen. "Diese Sonderfaktoren federn den Ukraine-Schock ab, sodass die konjunkturelle Erholung nach der Corona-Pandemie zwar kurzfristig stark belastet wird, aber nicht abbricht", sagte IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths laut Mitteilung.

Die größte europäische Volkswirtschaft war im ersten Corona-Jahr 2020 um 4,6 Prozent geschrumpft. 2021 betrug das Wirtschaftswachstum 2,9 Prozent.

dri/dpa-afx, Reuters