Henrik Müller

Inflation und die Folgen Zeit der Zumutungen

Die kommenden Monate werden von der Frage geprägt sein, wer am Ende die Kosten der aktuellen Krise tragen muss. Zugespitzte Verteilungskämpfe drohen. Beschäftigte und Gewerkschaften haben keine schlechten Karten.
Wer trägt die Lasten der Inflation? Das Ringen hat gerade erst begonnen

Wer trägt die Lasten der Inflation? Das Ringen hat gerade erst begonnen

Foto: Moritz Frankenberg / dpa

Die Bundesbürger leiden unter der Inflation, und sie schränken sich ein. Lebensmittel und Energie sind massiv im Preis gestiegen. Die Verbraucher reagieren, indem sie ihren Konsum zurückfahren, beispielsweise weniger Klamotten kaufen. Im Juni sanken die Umsätze im Einzelhandel unter dem Strich – trotz deutlich höherer Preise.

Es ist ein prekärer Etappensieg gegen die Inflation, mehr nicht. Die Preisdynamik schmälert die Kaufkraft empfindlich. Unter Lohnempfängern breitet sich Einkommensunsicherheit aus. Deutschland gehört nach Berechnungen der OECD zu den westlichen Ländern, wo die Haushaltsbudgets besonders spürbar schrumpfen. Im ersten Quartal dieses Jahres sanken die Realeinkommen pro Kopf bereits um 1,7 Prozent. 

Ein Ende der rapiden Preissteigerungen ist vorerst nicht in Sicht. Im Gegenteil: Wenn zum Herbst Sondermaßnahmen wie der Tankrabatt und das 9-Euro-Ticket auslaufen und die geplante Gasumlage in Kraft tritt, wird das die Inflationsrate zusätzlich nach oben drücken. Die Volkswirte der Commerzbank kalkulieren mit einem Plus von bis zu drei Prozentpunkten. Damit würden die Verbraucherpreise wohl zum Jahresende mit zweistelligen Raten steigen.

Noch ist reichlich Druck in der Pipeline. Die Preise, die die Unternehmen für ihre Inputs zahlen müssen, steigen noch weit heftiger als die Verbraucherpreise, zuletzt um 33 Prozent gegenüber Vorjahr. Längst werden die Erzeugerpreise nicht mehr nur von teurer Energie infolge des sich zuspitzenden Konflikts mit Russland getrieben, sondern auch von Lieferengpässen und Knappheiten bei Rohstoffen, Vorleistungen und Investitionsgütern, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat . Wenn irgend möglich, werden Unternehmen diese Kostensteigerungen an ihre Kunden weiterreichen.

Es ist eine Zeit der Zumutungen. Die kommenden Monate werden von der Frage geprägt sein, wer am Ende die Kosten dieser Krise trägt. Zugespitzte Verteilungskämpfe drohen – Ausgang offen.

Für Zurückhaltung gibt es wenig Argumente

Im Frühjahr, als noch die Hoffnung auf ein baldiges Abflauen der Inflation vorherrschte, setzten die Tarifparteien bei Abschlüssen auf eine Kombination aus Einmalzahlungen und moderaten Lohnerhöhungen.  Eine Strategie, mit der sich die unmittelbaren Inflationsfolgen abfedern ließen, ohne die Preisdynamik zusätzlich anzuheizen.

Doch je mehr sich die Erwartung längerfristig höherer Inflationsraten verfestigt, desto eher brauchen die Beschäftigten kräftige dauerhafte Lohnerhöhungen, um keine Verluste ihrer Lebensstandards zu erleiden. Entsprechend fordert etwa die IG Metall für die im Herbst anstehende Tarifrunde ein Lohnplus von acht Prozent – keine unangemessenen Vorstellungen, angesichts der erwarteten Preissteigerungen und bereits erlittener Kaufkraftverluste.

Für Zurückhaltung seitens der Gewerkschaften gibt es derzeit wenig Argumente. Viele Unternehmen verdienen ausgesprochen gut. Bereits das erste Quartal dieses Jahres schlossen viele Konzerne mit einem fetten Plus ab. Zusammengenommen lagen die Gewinne der Dax-Konzerne in den ersten drei Monaten um 85 Prozent über dem Vor-Corona-Niveau von 2019, so die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY. Immerhin zwei Drittel der Firmen verdienten mehr als 2021,  ein Jahr, das viele mit Rekordgewinnen abgeschlossen haben.

Die derzeit laufende Berichtssaison zum zweiten Quartal 2022 (achten Sie in der bevorstehenden Woche auf neue Unternehmenszahlen) zeigt, wie unterschiedlich die Unternehmen für die gegenwärtigen Herausforderungen gewappnet sind. Diverse Konzerne fahren ordentliche Gewinne ein, darunter Mercedes  und Volkswagen , Bayer  und BASF , weil sie von steigenden Preisen stärker profitieren, als dass sie ihnen schadeten. Größe und Machtmacht helfen. Andere haben unter wegbrechenden Margen zu leiden, etwa der Sportartikelhersteller Adidas,  weil die Kosten steigen und vorsichtige Kunden Preiserhöhungen nicht akzeptieren. Entsprechend unterschiedlich gut können die Firmen Lohnerhöhungen verkraften.

Doch Arbeitskräfte sind knapp, viele Stellen unbesetzt. Warum sollte Arbeit nicht teurer werden?

Die Machtfrage und die Demographie

Trotz aktuell noch guter Firmenzahlen mehren sich die Anzeichen, dass die Wirtschaft in eine Rezession taumelt. Rund um den Globus schleusen die Notenbanken derzeit die Zinsen nach oben. Auch die Europäische Zentralbank ist verspätet und extrem vorsichtig auf einen strafferen Kurs eingeschwenkt. Erklärtes Ziel: die Inflationsdynamik zu bremsen. Ob das wie erhofft gelingt, ist allerdings fraglich.

Denn Verschiebungen der Wirtschaftsstrukturen sorgen dafür, dass der Abschwung diesmal anders verläuft als früher. Jahrzehntelang sah das übliche Konjunkturmuster, grob gesagt, so aus: Eine übersprudelnde Nachfrage schürte den Preisanstieg, sodass die Notenbanken die Zinsen anhoben, um die Inflationsdynamik zu brechen. In der Folge stieg die Arbeitslosigkeit; Lohnabschlüsse fielen mit Rücksicht auf die Jobsicherheit moderat aus.

Nun jedoch schlägt die Demographie zu: In alternden westlichen Gesellschaften geht allmählich die Zahl der Bürger im Erwerbsalter zurück. Beschleunigt wird dieser Rückgang von den Spätfolgen der Corona-Krise: Einige Beschäftigte sind aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden, etwa in den vorgezogenen Ruhestand. Parallel dazu hat die Pandemie auch die Zuwanderung gebremst, wodurch sich das Angebot an Arbeitskräften zusätzlich verknappt hat. All diese Faktoren stärken die Verhandlungsmacht der Beschäftigten und ihrer Gewerkschaften.

Arbeitskräfteknappheit als Normalzustand

Es ist denkbar, dass der heraufziehende Abschwung sich kaum negativ auf den Arbeitsmärkten niederschlagen wird. In der abgelaufenen Woche hat die Bank von England bereits der britischen Wirtschaft eine tiefe und lange Wirtschaftskrise vorhergesagt. Die Inselökonomie ist besonders hart getroffen, weil sie auch noch die Folgen des Brexits verkraften muss. Doch auch im Königreich ist von steigender Arbeitslosigkeit bisher nichts zu sehen.  

Arbeitskräfteknappheit könnte der neue Normalzustand sein, weitgehend unabhängig von der Konjunktur. Auch in Deutschland ist der Mangel an Leuten nach wie vor der wichtigste begrenzende Faktor der Wirtschaft, wie Umfragen des Ifo-Instituts zeigen.  Obwohl die Firmen die nähere Zukunft extrem pessimistisch einschätzen , versuchen sie, Beschäftige zu halten und neue Bewerber anzulocken.

Unter den gegenwärtigen Bedingungen dürfte das Ringen darum, wer die Lasten der Inflation zu tragen hat, umso heftiger ausfallen. Unternehmen versuchen, gestiegene Kosten auf ihre Kunden zu überwälzen, während Beschäftigte sich mühen, ihre Kaufkraft durch entsprechende Lohnerhöhungen zu erhalten. Preis-Lohn-Spiralen, wie sie in den 70er und 80er Jahren in vielen Ländern auftraten, aber in der zurückliegenden Ära niedriger Inflationsraten kaum noch eine Rolle spielten, wären zurück – nun allerdings in neuem Gewand, getrieben von der fundamentalen Knappheit des Produktionsfaktors Mensch.

Für die Notenbanken ist dies ein extrem anspruchsvolles Szenario. Wie stark sie die Nachfrage abwürgen müssen, um die gewünschten preisdämpfenden Wirkungen zu erzielen – und welche Kollateralschäden solch heftige Bremsmanöver mit sich bringen –, lässt sich derzeit kaum abschätzen. Die Zeit der Zumutungen hat gerade erst begonnen.

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