Kurssturz im Dax Die Polykrise und die weiteren Aussichten

Sie wollen bei den vielen Problemen, die Wirtschaft und Gesellschaft derzeit belasten, den Durchblick nicht verlieren? Hier finden Sie die Übersicht über die aktuelle, weltweite Krisengemengelage. Oder kurz: die Polykrise.
Symbolbild zwischen Hoffnung und Krisengefühl: In den Vereinigten Staaten schlägt im Nordwesten des Bundesstaates Idaho ein Blitz in der Nähe eines Regenbogens ein

Symbolbild zwischen Hoffnung und Krisengefühl: In den Vereinigten Staaten schlägt im Nordwesten des Bundesstaates Idaho ein Blitz in der Nähe eines Regenbogens ein

Foto: Pete Caster/ dpa

Die Wissenschaftler Thomas Homer-Dixon, Ortwin Renn, Johan Rockstrom, Jonathan F. Donges und Scott Janzwood wussten es schon vor knapp einem Jahr: Die Welt wird nicht nur von einer immer größeren Zahl von Krisen geplagt (Klimakrise, Covid-Krise und viele mehr). Diese Krisen seien vielmehr auch auf eine kaum durchschaubare und bislang unerforschte Weise miteinander verknüpft, schrieben die Forscher. In letzter Konsequenz müsse daher vermutlich von einer einzigen, groß angelegten Mega-Krise gesprochen werden. Diese tauften Renn, Rockstrom und Co. auf den Namen "Polykrise"  – und regten sogleich eine umfangreiche Erforschung derselben an.

Seither sind sogar noch weitere Krisen hinzugekommen. Da kann man leicht den Überblick verlieren. Das manager magazin erhebt bei der Betrachtung dieses komplexen Themas zwar (selbstverständlich) keinen Anspruch auf wissenschaftliches Niveau. Wir möchten unseren Lesern jedoch dabei helfen, die Übersicht zu bewahren. Daher hier die Auflistung nach aktuellem Stand: Diese großen Krisen gibt es zurzeit in Deutschland und der Weltwirtschaft, so hängen sie zusammen und so könnten sie sich weiterentwickeln:

Die Wirtschaftskrise

Worum geht's?

Noch steckt die deutsche Wirtschaft nicht in der Krise – doch viele Ökonomen gehen davon aus, dass es dazu kommen wird. Die Ursachen dafür sind vielfältig und werden zum Großteil im weiteren Verlauf dieser Betrachtung als gesonderte Krisen dargestellt: Energieknappheit nebst explodierenden Kosten, allgemeine Inflation, Lieferengpässe bei Halbleiterchips und anderen Teilen, Fachkräftemangel und einiges mehr.

All dies setzt Unternehmen unter Druck und verschlechtert ihre Geschäftsergebnisse. Gegenwärtig sind bereits Alarmsignale zu beobachten: Der Stahlriese Arcelor-Mittal gab kürzlich bekannt, die Produktion an zwei deutschen Standorten einzustellen. Verschiedene prominente Insolvenzfälle wurden zuletzt ebenfalls bekannt, sei es der Schuhhändler Görtz oder der Toilettenpapierproduzent Hakle . Wirtschaftsverbände warnen schon vor einer möglichen Insolvenzwelle, die in den kommenden Monaten über Deutschland hinweg rollen könnte.

Wie geht's weiter?

Das Wirtschaftswachstum in Deutschland lässt bereits nach. Im zweiten Quartal 2022 wuchs die deutsche Wirtschaft nur noch um 0,1 Prozent. Viele Ökonomen erwarten, dass daraus in den kommenden Monaten ein Schrumpfen wird. Das Münchner Ifo-Institut etwa senkte erst vor wenigen Tagen seine Prognose. Demnach wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr insgesamt nur noch um 1,6 Prozent zulegen und im kommenden Jahr sogar um 0,3 Prozent schrumpfen. Das heißt: Deutschland bekommt vermutlich eine Rezession.

Auch das Investmenthaus Bantleon kommt in einer Analyse der wirtschaftlichen Lage zu einem düsteren Ausblick: "Die Weltwirtschaft steht vor einer langen Krise, die bis weit ins Jahr 2023 hineinreicht", schreibt Bantleon-Chefvolkswirt Daniel Hartmann in der Ausarbeitung, über die manager magazin kürzlich bereits berichtet hat. 

Die Frage ist allerdings, wie schlimm es wirklich wird. Prognosen mögen momentan zum Teil dramatisch klingen. Doch die Politik kann verschiedene Maßnahmen ergreifen, um gegenzusteuern. Daher bleibt abzuwarten, wie sich die Wirtschaft in nächster Zeit tatsächlich entwickelt.

Die Energiekrise

Worum geht's?

Die Energiekrise hat sich vor allem im Zuge des Angriffs Russlands auf die Ukraine erheblich zugespitzt. Russland hatte sich zum wichtigen Energie- und Rohstofflieferanten für Deutschland und Europa entwickelt. Damit soll nun Schluss sein, Deutschland benötigt neue Energielieferanten und -quellen. Da der Übergang von heute auf morgen kaum möglich ist, kommt es gegenwärtig zu erheblichen Engpässen und Preisanstiegen. Zur Orientierung: Zu Beginn des Ukraine-Krieges betrug der Anteil russischen Gases an den deutschen Gasimporten mehr als 50 Prozent. Zuletzt waren es noch rund 10 Prozent, seit dem Stillstand der Pipeline Nord Stream 1 sogar weniger.

Wie geht’s weiter?

Die Umstellung der Energieversorgung in Deutschland und der Ersatz Russlands durch andere Erdgas- und Rohstofflieferanten ist eine der größten Aufgaben der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft. Schon jetzt wurden die Gasimporte aus Norwegen, den Niederlanden und auch Belgien hochgefahren. Zudem ruhen große Hoffnungen auf der zunehmenden Einfuhr von Flüssigerdgas, sogenanntem LNG. Dies kommt bislang vor allem aus den USA nach Deutschland, soll künftig aber vermehrt auch aus Katar, Australien und anderen Ländern bezogen werden.

Die nötigen Terminals, über die das LNG ins deutsche Gasnetz gespeist werden kann, entstehen momentan an der Nordseeküste. Um die Energiekrise zu bewältigen, soll zudem zumindest zeitweise wieder auf bereits aussortierte Energiequellen wie Kohle oder Atomkraft zurückgegriffen werden. Und auf lange Sicht gilt es, die erneuerbaren Energiequellen wie Sonne und Wind viel stärker zu nutzen. All dies wird zweifellos mehrere Jahre dauern – solange droht uns die Energiekrise also noch zu beschäftigen.

Die Inflation

Worum geht's?

Die Energiekrise und die in ihrem Zuge gestiegenen Preise für Gas, Strom oder Treibstoffe sind ein wesentlicher Treiber der allgemeinen Inflationsrate – aber nicht der einzige. Auch die wieder anziehende Nachfrage im Ausklang der Coronapandemie sowie verschiedene Knappheiten sorgen für steigende Preise, beispielsweise bei Lebensmitteln. Jahrelang war eine Rückkehr der Inflation von Auguren prophezeit worden – jetzt ist sie tatsächlich wieder da. Darunter leiden Verbraucher, die zum Großteil schon an ihre Ersparnisse gehen müssen. Unternehmen sind jedoch ebenfalls betroffen, denn bei ihnen steigen auf der einen Seite die Kosten und auf der anderen halten sich die Konsumenten mit Einkäufen zurück.

Wie geht's weiter?

Anhaltend hohe Inflationsraten können die Wirtschaft erheblich unter Druck setzen und letztlich ein Faktor sein, der zum Abgleiten in eine Rezession beiträgt. In Deutschland gab es im Juli eine leichte Entspannung bei den Preisen, was auch an staatlichen Maßnahmen wie dem Tankrabatt und dem 9-Euro-Ticket gelegen haben dürfte. Im August zog die Inflationsrate allerdings erneut an und lag bei knapp 8 Prozent. Das dürfte noch nicht das Ende der Fahnenstange sein, Ökonomen rechnen in den kommenden Monaten mit weiter steigenden Verbraucherpreisen. "Der Anstieg der Inflation im August ist nur der Beginn eines neuen Inflationsschubs", kommentierte Volkswirt Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Die Institution, die für den Kampf gegen die Inflation zuständig ist, ist die Europäische Zentralbank (EZB). Nach allzu langer Untätigkeit hat die EZB zuletzt auch begonnen, mit Zinserhöhungen gegen die Teuerung vorzugehen. Die Erfolgsaussichten erscheinen jedoch gering. Denn die Energiekrise als wesentlicher Treiber des Preisniveaus entzieht sich weitgehend dem Einfluss der Zentralbanker.

Die Unruhen an der Börse

Worum geht's?

Der Aktienmarkt spiegelt die wirtschaftliche Entwicklung wider – oder besser: die Entwicklung, die Investoren erwarten. Kein Wunder also, dass es angesichts zahlloser Unwägbarkeiten und Krisen rund um die Welt in den vergangenen Monaten auch an der Börse turbulent zuging. Noch im September vergangenen Jahres befand sich der deutsche Leitindex Dax auf einem Rekordniveau von mehr als 16.000 Punkten. Seither ging es tendenziell abwärts auf derzeit etwa 13.000 Punkte. Ausschlaggebend dafür waren neben der allgemeinen Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung vor allem die Maßnahmen der Notenbanken gegen die Inflation: Zinserhöhungen mögen Börsianer traditionell nicht, darauf reagieren sie häufig mit Aktienverkäufen. So ist es auch in diesem Zyklus.

Wie geht's weiter?

An dieser Stelle bleibt eine klare Antwort: Das weiß niemand. Die Vielzahl der Einflussfaktoren auf die Börse sowie die schiere Unkenntnis zukünftiger Ereignisse lässt es kaum sinnvoll erscheinen, eine Prognose über die weitere Entwicklung am Aktienmarkt abzugeben. Zwar deutet vieles auf eine negative wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Monaten hin, bis hin zu einer Rezession. Das wissen Investoren jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt ebenfalls, dieser Ausblick dürfte also weitgehend bereits in den aktuellen Aktienkursen enthalten sein. Entscheidend für die kommende Entwicklung der Aktienkurse sind vielmehr vor allem neue Informationen, die künftig auftauchen – die aber naturgemäß momentan noch niemand kennt.

Die Corona-Krise

Worum geht's?

Worum es bei der Corona-Krise geht, muss kaum ausgeführt werden: Seit Frühjahr 2020 versetzt der neuartige Coronavirus die Welt in einen Ausnahmezustand. Das betrifft zum einen das gesellschaftliche und zwischenmenschliche Zusammenleben. Es wirkt sich aber auch erheblich auf das Wirtschaftsleben aus: Tourismus, Luftfahrt, Einzelhandel, Gastronomie – alle diese Branchen hatten in den Jahren der Pandemie erheblich zu Leiden. Auf der anderen Seite gab es auch Profiteure, wie etwa IT-Firmen, Lieferdienste, Online-Händler und andere. Nicht zu vergessen Biotech- und Pharmaunternehmen wie Biontech, Pfizer oder Moderna, die als Impfstoffentwickler zu den großen Gewinnern der Krise wurden.

Wie geht's weiter?

Zwar sind die Zeiten der Lockdowns und großen Ausnahmezustände sowie massiver Einschränkungen zumindest in Deutschland vorerst vorüber. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Coronapandemie bereits beendet wäre. Der bekannte Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité etwa sagte erst vor wenigen Tagen eine erneute starke Infektionswelle noch vor Dezember voraus.

Sorge vor der Welle: Virologe Christian Drosten befürchtet einen erneuten Anstieg des Infektionsgeschehens

Sorge vor der Welle: Virologe Christian Drosten befürchtet einen erneuten Anstieg des Infektionsgeschehens

Foto:

Michael Sohn / AP

Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach erwartet, dass sich das Ansteckungsgeschehen wieder verschärfen wird, aber nicht so stark, wie von Drosten befürchtet. Die Regierung sei "auf alle Szenarien sehr gut vorbereitet", sagte Lauterbach in einem Interview mit Blick auf das neue Infektionsschutzgesetz. "Wir werden die Corona-Welle in diesem Jahr im Griff behalten." Schließungen von Schulen oder des Gastgewerbes werden demnach nicht mehr benötigt, ebenso wenig wie Lockdowns. Nur im Fall einer neuen pandemischen Lage kommen dem Minister zufolge Lockdowns infrage. "Die Gefahr sehe ich aber nicht", sagte Lauterbach.

Wie stark sich die Coronapandemie indes nach wie vor auf die Wirtschaft auswirken kann, zeigen immer wieder die Beispiele aus China: Dort wurden zuletzt verschiedene Metropolen in strenge Lockdowns versetzt, was zum Teil Folgen für den gesamten Welthandel hatte.

Der Ukraine-Krieg

Worum geht's?

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist Ausgangspunkt und Beschleuniger verschiedener Problemsituationen in der Wirtschaft, allen voran die schwierige Lage bei der Energieversorgung. Ende Februar überfielen russische Truppen die Ukraine, seither halten die Kämpfe an.

Wie geht's weiter?

Zunächst sah es im Ukraine-Krieg nach einem schnellen Erfolg scheinbar übermächtiger russischer Truppen aus. Doch so kam es nicht. Inzwischen konzentrieren sich die Kampfhandlungen auf den Osten und Nordosten der Ukraine, von wo die ukrainischen Truppen zuletzt sogar nennenswerte Erfolge vermelden konnten. Dennoch erscheint es kaum möglich, den weiteren Verlauf vorherzusagen. Klar scheint momentan: Nicht nur die Soldaten, sondern auch die Positionen der politisch Verantwortlichen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Der Krieg könnte sich also noch lange hinziehen.

Der Taiwan-Konflikt

Worum geht's?

Der Konflikt um Taiwan ist ein Klassiker der Weltpolitik, der sich gegenwärtig wieder einmal zuzuspitzen scheint. Gestritten wird um die Inseln bereits seit dem chinesischen Bürgerkrieg in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, wobei die Positionen kurz gesagt so aussehen: Taiwan – auch Republik China genannt – betrachtet sich selbst als eigenständigen Staat und sogar als das eigentliche China. Die Volksrepublik China dagegen, die gemeinhin als China bezeichnet wird, sieht in Taiwan lediglich eine Art abtrünnige Provinz, einen Teil also, der zur Volksrepublik gehört.

Umstrittener Besuch: US-Politikerin Nancy Pelosi (l.) mit Taiwans Präsidentin Tsai-Ing wen Anfang August in Taiwan

Umstrittener Besuch: US-Politikerin Nancy Pelosi (l.) mit Taiwans Präsidentin Tsai-Ing wen Anfang August in Taiwan

Foto: TAIWAN PRESIDENTIAL PALACE HANDOUT / EPA

Dabei besteht der Konflikt nicht nur zwischen den beiden Ländern. Vielmehr zeigt sich Peking auch regelmäßig verärgert, wenn Dritte die Eigenständigkeit Taiwans – direkt oder indirekt – in irgendeiner Weise anerkennen. Das war zuletzt zu beobachten, als Nancy Pelosi, Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Taiwan im August dieses Jahres einen Besuch abstattete.

Wie geht's weiter?

Nicht zuletzt seit dem Besuch Pelosis in Taiwan ist der Konflikt wieder stärker in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. China reagierte auf die Visite mit Militärübungen, die als Drohung verstanden werden können. Auch der Angriff Russlands auf die Ukraine hat deutlich gemacht, wie schnell auch in der heutigen Zeit geopolitische Konflikt in militärische Auseinandersetzungen umschlagen können – so etwas kann im Falle Taiwans wohl kaum ausgeschlossen werden. Für die Weltwirtschaft könnte ein Krieg um Taiwan erhebliche Konsequenzen haben. TSMC etwa, der weltweit wertvollste und größte Hersteller von Halbleiterchips, ist ein Taiwanischer Konzern mit Hauptsitz in dem umstrittenen Land.

Die Adblue-Krise

Worum geht's?

Das Problem mit der Adblue-Versorgung ist ein Beispiel dafür, wie aus einer Krise weitere entstehen können. Ursprung der Schwierigkeiten ist in diesem Fall die Energiekrise, genauer die Gasknappheit nebst exorbitanter Preise. Davon sind so ziemlich alle Bereiche der Wirtschaft betroffen – auch die Hersteller von Adblue. Der Düngemittelproduzent SKW etwa, der auch Adblue produziert, musste bereits vor einigen Wochen seine Produktion stoppen. Hintergrund ist die drohende Gasumlage, die das Unternehmen mit 30 Millionen Euro belasten würde – pro Monat. SKW steht für etwa 40 Prozent der deutschen Adblue-Versorgung.

Wie geht's weiter?

Sollte der Nachschub an Adblue tatsächlich zum Erliegen kommen, weil Unternehmen wie SKW nicht mehr produzieren können, dann hätte das womöglich dramatische Folgen. Adblue wird bei der Abgasnachbehandlung von Dieselmotoren eingesetzt und bewirkt eine Verringerung der ausgestoßenen Stickoxide um bis zu 90 Prozent. Nahezu jeder der rund 800.000 Lastwagen der Speditions-, Logistik und Transportbranche in Deutschland fährt mit Diesel. Das heißt, betroffen wäre ein sehr großer Teil des Güterverkehrs in Deutschland, bis hin zur Belieferung der Supermärkte mit Lebensmitteln. Der Bundesverband Gütertransport und Logistik (BGL) hat bereits vor massiven Folgen wegen des wachsenden Adblue-Mangels gewarnt. "Kein Adblue bedeutet keine Brummis. Und das bedeutet keine Versorgung für Deutschland", sagte BGL-Hauptgeschäftsführer Dirk Engelhardt der "Bild"-Zeitung.

Die Chipkrise und diverse Lieferengpässe

Worum geht's?

Weil verschiedenen Unternehmen während der Corona-Krise Kapazitäten abgebaut oder heruntergefahren haben, kam es gegen Ende der akuten Coronazeit, als die Weltwirtschaft wieder Fahrt aufnahm, zu Engpässen. Vor allem die Versorgung mit Halbleiterchips, die etwa in der Elektronik- oder Autoindustrie, aber auch in vielen anderen Branchen gebraucht werden, stockte. Unternehmen wie Volkswagen, Mercedes oder BMW mussten deshalb zeitweise sogar ihre Produktion einschränken. Zudem gibt es Engpässe bei verschiedenen anderen Teile und Vorprodukten rund um den Globus.

Wie geht's weiter?

Inzwischen ist in dieser Krise offenbar das Schlimmste überstanden, es besteht Hoffnung, dass sich die Engpässe spätestens im kommenden Jahr auflösen können. Dem Schweizer Konzern ABB zufolge etwa lassen die Engpässe im Nachschub von Halbleitern und anderen Bauteilen in seiner Robotiksparte bereits nach. "Es bessert sich gerade, aber es ist noch nicht vorbei", sagte der für die Sparte zuständige ABB-Vorstand Sami Atiya am Montagabend im Münchner Club Wirtschaftspresse. "Das wird noch einige Quartale dauern." Die Lieferketten-Probleme und der Lockdown in Shanghai, wo ABB eine von drei Roboter-Fabriken betreibt, hatten zuletzt die Margen belastet.

Der Fachkräftemangel

Worum geht's?

Nicht nur IT-Unternehmen und Maschinenbauer suchen händeringend Fachkräfte. Auch im Handwerk, im Baugewerbe und in der Gastronomie werden neue Mitarbeiter, Aushilfskräfte oder Auszubildende verzweifelt gesucht. Unternehmen in Deutschland hätten aktuell fast zwei Millionen offene Jobs, sagt der Ökonom Marcel Fratzscher. Dies dürfte dazu führen, dass Deutschland im kommenden Frühjahr wahrscheinlich eine ungewöhnliche Rezession erleben wird: Der private Konsum und die Wirtschaftsleistung in Deutschland nehmen ab, aber der Arbeitsmarkt bleibt voraussichtlich stabil. Bis zum Jahr 2030, rechnen Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vor, dürften in Deutschland bis zu fünf Millionen Fachkräfte fehlen. Selbst wenn die Wirtschaft nach Überwindung der aktuellen Krise wieder anspringt und die Inflation zurückgeht, dürfte der Fachkräftemangel das Wirtschaftswachstum in Deutschland auf Jahre hinaus bremsen.

Dringend gesucht: Arbeitskräfte

Dringend gesucht: Arbeitskräfte

Foto: Patrick Pleul / picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Wie geht's weiter?

Das Problem des Fachkräftemangels dürfte sich in den kommenden Jahren verschärfen, und zwar unabhängig davon, wie rasch die deutsche Wirtschaft die anderen hier genannten Krisen überwindet. Grundproblem ist die Überalterung der Gesellschaft: In Deutschland werden Jahr für Jahr jeweils Hunderttausende mehr in den Ruhestand gehen, als junge Arbeitskräfte nachrücken.

Das bremst nicht nur Unternehmen, die ihre Produktivität pro Mitarbeiter weiter steigern müssen, sondern ist auch eine wachsende Belastung für die jüngere Generation: Da das deutsche System auf dem Umlageprinzip basiert, müssen die Erwerbstätigen über ihre Beiträge die Renten für eine wachsende Zahl Rentner finanzieren. Diese Schwachstelle im deutschen Rentensystem wird durch den Fachkräftemangel erheblich verschärft. Fachleute plädieren dafür, über eine gesteuerte Zuwanderung noch viel mehr Arbeitskräfte als bislang aus dem Ausland nach Deutschland zu holen, um das Problem zu bekämpfen.

Die Schuldenkrise armer Länder

Worum geht's?

In Europa begann die Schuldenkrise vor mehr als zehn Jahren, und bis heute ist sie nicht wirklich gelöst. Weltweit jedoch sind gerade in den vergangenen Monaten viele ärmere Länder in erhebliche Schwierigkeiten geraten. Die Wirtschaftsschwäche aufgrund der Pandemie, das inzwischen steigende Zinsniveau sowie der starke Dollar ergeben einen Mix, der Länder wie Vietnam, Ägypten, Argentinien sowie nicht zu vergessen auch die Türkei an den Rand der Staatspleite gebracht hat. Besonders übel hat es Pakistan getroffen, wo sintflutartige Regenfälle zuletzt auch noch eine gigantische Flutkatastrophe ausgelöst haben. Erschwert wird die Situation dieser Länder zusätzlich durch die jüngste Wirtschaftsschwäche Chinas. Die Volksrepublik ist zum größten Gläubiger der Welt aufgestiegen – in der aktuellen Lage können die Problemstaaten von China jedoch kaum Hilfe erwarten.

Wasser bis zum Hals: Die Flutkatastrophe trifft ein ohnehin geschwächtes Pakistan

Wasser bis zum Hals: Die Flutkatastrophe trifft ein ohnehin geschwächtes Pakistan

Foto: Pervez Masih/ AP

Wie geht's weiter?

Angesichts des steigenden Zinsniveaus lenken Investoren ihre Gelder seit Monaten um – weg von Hochzinsländern wie Pakistan oder Bangladesch, zurück auf den soliden Teil des Finanzmarktes. Diese Entwicklung dürfte sich weiter fortsetzen, denn noch ist das Ende der Zinssteigerungen weder in den USA noch in Europa erreicht. Sollten auf diese Weise einzelne Länder tatsächlich in die Staatspleite rauschen, so könnte das schlimme Folgen haben. Experten zufolge droht ein Dominoeffekt, der weitere Länder gefährden würde.

Der USA-China-Konflikt

Worum geht's?

Die größte Volkswirtschaft der vergangenen Jahrzehnte auf der einen Seite, die wohl größte Volkswirtschaft der kommenden Jahrzehnte auf der anderen – da liegt der Zweikampf auf der Hand. Spätestens seit dem Einzug des US-Präsidenten Donald Trump ins Weiße Haus im Jahr 2017 hat sich das Verhältnis beider Staaten wieder verschlechtert. Rhetorische Muskelspiele, Handelshemmnisse, bürokratische Schikanen – das Repertoire der Mittel, mit denen der Konflikt ausgetragen wird, ist groß. Auch am Thema Taiwan arbeiten sich die Rivalen immer wieder gerne ab.

Wie geht's weiter?

Donald Trump ist (zumindest derzeit) Vergangenheit, mit Joe Biden sitzt derzeit ein Mann im Oval Office, der für wesentlich sanftere Töne bekannt ist. Das bedeutet nicht, dass der Konflikt der beiden Nationen beendet wäre. Sowohl die USA als auch China wissen jedoch: Beide Volkswirtschaften sind eng miteinander verwoben, keines der beiden kann (oder will) ohne das andere. Mit einer echten Zuspitzung des Konflikts oder gar einer militärischen Auseinandersetzung dürfte daher nicht zu rechnen sein. Auch eine Episode aus der jüngsten Vergangenheit spricht für diese These eines glimpflichen Verlaufs: Wegen eines Streits zwischen den USA und China über Transparenzregeln drohte Firmen aus der Volksrepublik wie dem Online-Konzern Alibaba lange Zeit der Ausschluss von der US-Börse. Diese Gefahr ist nun aber vom Tisch – die Streitparteien haben sich geeinigt.

Die Klimakrise

Worum geht's?

Die wohl größte Herausforderung der Gegenwart, die eigentlich nicht lange beschrieben werden muss, weil jeder den Zusammenhang kennen sollte: Der weltweit viel zu starke Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid oder auch Methan hat in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass sich das Klima auf der Erde erwärmt hat (Treibhauseffekt). Dieser Prozess ist nach wie vor im Gange und hat zum Teil dramatische Konsequenzen für die Weltbevölkerung, für Tiere, Pflanzen und selbstverständlich auch für die Weltwirtschaft. Ein Beispiel sind häufiger auftretende Extremwetterlagen, die beispielsweise zu Hochwassern und Überflutungen führen können. Deshalb gibt es seit Jahren Bestrebungen, den Klimawandel aufzuhalten.

Wie geht's weiter?

Das ist die große Frage. Der größte Teil der Staatengemeinschaft ist sich darüber einig, dass der Klimawandel gestoppt werden muss. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung unternahmen zahlreiche Länder 2015, als sie das Klimaabkommen von Paris abschlossen. Darin verpflichten sich die Unterzeichner, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Möglichst soll die Erwärmung sogar nicht mehr als 1,5 Grad betragen. Seither gibt es eine Vielzahl von Initiativen, Gesetzen, Vorstößen und vielem mehr, mit denen dieses Ziel erreicht werden soll, auf politischer Ebene, in der Wirtschaftswelt sowie bei Millionen privaten Haushalten rund um den Globus. Kritiker sind sich jedoch sicher, dass das, was derzeit getan wird, noch nicht ausreicht – die Welt muss noch entschiedener gegen den Klimawandel vorgehen.

Aktuell allerdings schlägt das Pendel eher in die falsche Richtung: Die Energiekrise führt dazu, dass fossile Energieträger wieder stärker gefragt sind. Wird beispielsweise wieder mehr Kohle verbrannt, so wird dies den Klimawandel zweifellos beschleunigen, anstatt ihn zu bremsen.

cr
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