Orders übersteigen Kapazität Deutsche Industrie mit größtem Auftragsplus seit zehn Monaten

Starkes Aufschwungsignal von der deutschen Industrie: Der Auftragseingang ist im Juni um mehr als 4 Prozent gewachsen. Die tatsächliche Produktion läuft den Orders deutlich langsamer hinterher. Materialmangel begrenzt die Kapazität.
Mehr Aufträge als Kapazität: Monteurin in Getriebewerk von ZF Friedrichshafen

Mehr Aufträge als Kapazität: Monteurin in Getriebewerk von ZF Friedrichshafen

Foto: Felix Kästle / dpa

Die deutsche Industrie hat im Juni wegen der starken Binnennachfrage das größte Auftragsplus seit zehn Monaten erzielt und damit den im Mai erlittenen Einbruch mehr als wettgemacht. Die Unternehmen sammelten 4,1 Prozent mehr Bestellungen ein als im Vormonat, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Donnerstag mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten einen nicht einmal halb so kräftigen Anstieg erwartet, nachdem die Aufträge im Mai noch mit 3,2 Prozent so stark gefallen waren wie seit über einem Jahr nicht mehr. "Insgesamt setzen die Auftragseingänge damit ihren seit Jahresanfang bestehenden Aufwärtstrend nach kurzer Unterbrechung im Mai weiter fort", führte das Ministerium aus.

In diesem Tempo dürfte sich der Aufschwung allerdings kaum fortsetzen, sagen Experten mit Blick auf die abnehmende Konjunkturdynamik bei den beiden wichtigsten Exportkunden der deutschen Wirtschaft voraus. "Die chinesische Administration drückt auf die Kreditbremse, und auch in den USA ebbt der Nach-Corona-Boom ab", erläuterte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. "Die Aufträge werden deshalb in den kommenden Monaten weniger stark sprudeln."

Hinzu kommen akute Engpässe bei wichtigen Vorprodukten wie Mikrochips. "Der Auftragsbestand ist zwar hoch, kann aber wegen anhaltender Lieferengpässe bei Vorprodukten und Materialien nicht zügig abgearbeitet werden", erläuterte Bastian Hepperle, Ökonom des Bankhauses Lampe. "So nimmt die Produktion nicht mehr Fahrt auf." Die deutschen Autobauer und ihre Zulieferer etwa klagen über den größten Materialmangel seit 30 Jahren, wie das Ifo-Institut in seiner Firmenumfrage herausfand. In der gesamten Industrie geben fast zwei Drittel der Unternehmen an, dass ihnen Engpässe zu schaffen machen.

Umsatz hält nicht Schritt

Das führt dazu, dass die Unternehmen ihre Aufträge nur langsam abarbeiten können. Darauf deutet auch der Umsatz im Verarbeitenden Gewerbe hin, der im Juni um 1,4 Prozent niedriger ausfiel als im Vormonat. "Die seit einigen Monaten zu beobachtende Tendenz eines Anstiegs der Auftragseingänge bei gleichzeitig stagnierenden Umsätzen dürfte unter anderem auf die in vielen Branchen berichteten Lieferengpässe von Vorprodukten zurückzuführen sein", erklärte das Statistische Bundesamt.

Die Aufträge aus dem Inland stiegen diesmal um 9,6 Prozent zum Vormonat, wozu besonders die gute Nachfrage in den Bereichen EDV und Optik sowie sonstiger Fahrzeugbau beitrugen. "Auch in den gewichtigen Bereichen Kfz und Maschinenbau stiegen die Auftragseingänge", so das Ministerium. Das Auslandsgeschäft legte dagegen nur um 0,4 Prozent zu. Dabei wuchsen die Bestellungen aus der Euro-Zone um 1,3 Prozent, während die aus dem restlichen Ausland leicht nachgaben. Gemessen am Februar 2020, dem Monat vor Beginn der Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie, liegen die Aufträge nun um 11,2 Prozent höher. Verglichen mit dem deutlich von der Pandemie beeinträchtigten Vorjahresmonat Juni 2020 zogen sie um 26,2 Prozent an.

Trotz Lieferengpässen und der weiter schwelenden Corona-Krise ist die deutsche Wirtschaft mittlerweile wieder auf Wachstumskurs. Mit dem Ende des Lockdowns stieg das Bruttoinlandsprodukt im Frühjahr um 1,5 Prozent zum Vorquartal, nachdem es zu Jahresbeginn noch um 2,1 Prozent gesunken war. Bereits im Sommer könnte die Wirtschaft wieder ihr Vorkrisenniveau erreichen.

ak/Reuters
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