Impfstart in Niedersachsen Wer Fritz oder Adolf heißt, wird (vielleicht) geimpft

Nicht nur der Impfstoff ist knapp. Auch die Meldeämter sehen sich nicht in der Lage, Listen der über 80-Jährigen zu erstellen. Nun soll die Post helfen - mit einer eigenwilligen Strategie.
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil: Das Sozialministerium habe die Meldebehörden "nicht mit dem Zusammenstellen von Adresslisten belasten wollen". Auch deshalb warten die über 80jährigen Bürger bis heute auf Informationen

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil: Das Sozialministerium habe die Meldebehörden "nicht mit dem Zusammenstellen von Adresslisten belasten wollen". Auch deshalb warten die über 80jährigen Bürger bis heute auf Informationen

Foto: Holger Hollemann/ dpa

Nicht nur der Corona-Impfstoff ist knapp. Auch das Versagen vieler niedersächsischer Meldeämter trägt dazu bei, dass die meisten über 80-Jährigen in Niedersachsen auch Wochen nach dem Start der Impfkampagne in Deutschlan noch immer auf eine Nachricht zu einem möglichen Impftermin warten. Da sich die Meldeämter des Landes nicht in der Lage sahen, in Corona-Zeiten ihre Kernaufgabe zu erfüllen und Listen der über 80-Jährigen Bewohner des Landes zu erstellen, beauftragte das Sozialministerium zunächst die Deutsche Post als externen Dienstleister, um die älteren Bewohner des Bundeslandes anzuschreiben. Die Post verfügt jedoch nur über unvollständige Adresslisten: Rund 500.000 Menschen im Alter von mindestens 80 Jahren leben in Niedersachsen, die Post hat aber nur die Adressen von rund 210.000 Haushalten.

Für Kritik sorgte zudem der Umstand, dass die Deutsche Post in Ermanglung vollständiger Meldedaten auch Vornamen von Menschen auswertet, um die Gruppe der über 80-Jährigen in dem Bundesland zu ermitteln. Bei Menschen, bei denen die Post zwar die Anschrift, aber nicht das Alter kennt, wird anhand des Vornamens geschätzt, wie alt derjenige sein könnte, erklärte ein Postsprecher. Wie das Sozialministerium präzisierte, hätten der Post für 197.313 Menschen Altersangaben vorgelegen. Weitere 13.093 Menschen, deren Alter die Post nicht kennt, würden alleine aufgrund ihres Vornamens angeschrieben. Das bedeutet: Wer einen vor 1940 beliebten Vornamen wie Fritz, Hans oder gar einen seit 1945 kaum noch gebräuchlichen Vornamen wie Adolf trägt, hat gute Chancen, in der kommenden Woche einen Brief von der Deutschen Post mit Informationen zur Impfkampagne zu erhalten.

Ministerium holt im zweiten Versuch auch die Kommunen an Bord

Auf die am Donnerstag immer lauter werdende Kritik hat das Sozialministerium des Landes nun reagiert: Nun sollen auch die Städte und Gemeinden dabei helfen, dass alte Menchen über den Impfstart informiert werden. Damit startet also eine zweite unabhängige Informationskampagne mit Hilfe der Kommunen. Diese sollen die alten Menschen über die ihnen zur Verfügung stehenden Meldedaten anschreiben, teilte das Ministerium in Hannover mit. Die Kosten dafür trägt das Ministerium. Der Städte- und Gemeindebund hatte zuvor die Hilfe der Kommunen bei der Information der alten Leute angeboten.

Den Kommunen werde nun ein Schreiben des Ministeriums zur Verfügung gestellt, dass die Kommunen gerne ergänzt um örtliche Informationen an die alten Leute schicken können, sagte Ministeriumssprecher Oliver Grimm. "Alles was hilft, ist uns sehr willkommen." Die Schreiben sollen Menschen über 80 Jahre, die noch eigenständig zu Hause leben, über den Start und die Modalitäten der Corona-Schutzimpfung informieren.

Hotline wird am 28. Januar freigeschaltet

Für diese Personengruppe ist vom 28. Januar an per Hotline und im Internet eine Terminvereinbarung für das Impfen möglich, das am 1. Februar in den Impfzentren startet. Allerdings wird es zunächst nur begrenzt Termine geben, da der Impfstoff noch knapp ist.

Landespolitiker von Grünen, FDP und CDU hatten mit Unverständnis darauf reagiert, dass das Sozialministerium nicht gleich auf die Daten der örtlichen Meldebehörden zurückgegriffen hat, um alle Impfberechtigten zu erreichen. Man habe "die Behörden mitten in der Corona-Krise nicht mit dem Zusammenstellen von Adresslisten belasten wollen", hieß es aus dem Ministerium. Außerdem dürfe man aus Datenschutzgründen keine Daten an einen privaten Postversender weitergeben, versuchte sich das Ministerium zu rechtfertigen. Der CDU-Landtagsabgeordnete Uwe Schünemann widersprach der Auffassung des Ministeriums. Behörden dürften personenbezogene Daten durchaus an private Dritte weitergeben, damit diese die Daten unter Verantwortung des Verantwortlichen nutzen, in diesem Fall zum Briefversand.

la/dpa
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