Chips, Holz und noch viel mehr Mangelwirtschaft in Deutschland – worauf Kunden derzeit warten müssen

Ob ein neues Auto, Bauholz, ein Rasenmäher oder einfach nur ein Brettspiel: Kunden in Deutschland brauchen derzeit viel Geduld. Das liegt nicht nur an mangelnden Rohstoffen - die Störung der Lieferkette hat mehrere Gründe. Ein Überblick.
Baumarkt: Auch Unternehmen fischen derzeit in Verbrauchermärkten nach begehrtem Material

Baumarkt: Auch Unternehmen fischen derzeit in Verbrauchermärkten nach begehrtem Material

Foto: DPA

Wer derzeit keine Zeit hat, auf einen Neuwagen monatelang zu warten, dem bleibt nur eine Alternative: Ein besonders teures Neuwagenmodell bestellen. Da vier von fünf Unternehmen in der deutschen Autoindustrie laut Ifo-Institut unter einem Mangel an Vorprodukten wie zum Beispiel elektronischen Bauteilen leiden , haben die meisten deutschen Autobauer auf eine "Premium first" Strategie umgestellt. Die Bauteile und Chips, die sie überhaupt noch von Zulieferern wie Infineon oder Continental bekommen, werden bevorzugt in den margenstarken Premium-Modellen eingebaut. Dies führt dazu, dass viele Kunden monatelang auf ihre Neuwagen warten und die Absätze zurückgehen – die Gewinnmargen bei vielen Autoherstellern aber zugleich in den zweistelligen Bereich steigen.

Autokunden warten lange, Autohersteller verdienen prächtig

BMW zum Beispiel schaffte im ersten Halbjahr 2021 eine Rendite von 13 Prozent – obwohl BMW-Finanzchef Nicolas Peter fürchtet, bis Jahresende bis zu 90.000 Fahrzeuge wegen Materialknappheit nicht produzieren zu können. Der Rivale Mercedes liegt mit 12,8 Prozent Rendite nur knapp dahinter. Auch die Schwaben gehen davon aus, dass bis Jahresende bis zu 150.000 Autos weniger ausgeliefert werden als zunächst geplant. Bei den Masseherstellern Stellantis (Opel, Fiat, PSA) und Volkswagen dürften es bis Jahresende jeweils mehr als eine Million Fahrzeuge sein – und auch hier sind die Gewinnmargen deutlich gestiegen, im Fall von Stellantis sogar in den zweistelligen Bereich. Eine Folge der Mangelwirtschaft: Während Kunden warten, verdienen Hersteller prächtig.

"Automobilhersteller und ihre Zulieferer sind derzeit besonders vom Mangel bei Vorprodukten betroffen", erklärt Oliver Falck, Leiter des Ifo-Zentrums für Industrieökonomik. Die Quote der betroffenen Unternehmen liege bei rund 83 Prozent – der höchste Wert seit 30 Jahren. Und Zulieferer schaffen es wegen coronabedingter Zwangspausen derzeit nicht, ihre Produktion entsprechend hochzufahren. "Die Vorräte sind auf einem historischen Tiefstand", schildert Infineon Chef Reinhard Ploss die Lage. "Die Lieferschwierigkeiten bleiben allgegenwärtig. Wir kämpfen um jeden zusätzlichen Wafer." Mit einer Besserung rechnet Ploss "frühestens weit im Jahr 2022."

Elektroindustrie: Betriebe errichten Notfall-Lager

Auch Unternehmen aus der Elektroindustrie versuchen derzeit, den Materialmangel bestmöglich zu managen. Bei vielen Einzelartikeln kommt es wegen Lieferengpässen immer wieder zu Verzögerungen: Die Auftragsbestände reichen bereits bis zu vier Monate in die Zukunft, sagt Andreas Gontermann, Chefvolkswirt beim Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). Die Kapazitätsauslastung der Unternehmen sei auf knapp 90 Prozent gestiegen, die Firmen arbeiten laut ZVEI am Anschlag.

Doch die Lieferketten werden nicht nur durch steigende Rohstoffpreise und Materialmangel gestört. Einige Unternehmen bauen angesichts der Knappheit einige Lager auf, um im Notfall ihre wichtigsten Kunden noch beliefern zu können. Diese Hamster-Taktik treibt die Preise weiter in die Höhe und erhöht den Nachfragedruck. Auch der Technologieriese Siemens hat diesen Effekt beobachtet: Siemens habe festgestellt, dass einige Kunden Lager aufbauten, um die Risiken in den Lieferketten abzufedern, sagte Siemens-Chef Roland Busch. Hinzu kämen anhaltend höhere Kosten für Rohstoffe, elektronische Bauteile und bei der Fracht – voraussichtlich auch im Jahr 2022. Eine weitere Folge der Mangelwirtschaft: Hamsterkäufe und hohe Frachtkosten verstärken das Problem.

"Alles für den Hausbau ist knapp und teuer"

Auch im Handwerk müssen sich Kunden auf längere Wartezeiten und höhere Preise einstellen. "Nicht nur Holz ist derzeit knapp und teuer, sondern alles, was man braucht, um ein Haus zu bauen oder zu renovieren", sagte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer der Deutschen Presse-Agentur.. "Auch elektronische Teile für unsere Elektroniker und Kabel fehlen. Das macht unseren Betrieben im Moment schwer zu schaffen."

Der Materialengpass am Bau hat sich laut ifo-Institut zuletzt zwar minimal entspannt, dennoch stehen Preiserhöhungen an. Im Hochbau leide jedes zweite befragte Unternehmen derzeit unter Lieferverzögerungen. Im Tiefbau seien es knapp 34 Prozent. Der Mangel macht sich auch bei den Kosten bemerkbar, sagt Ifo-Forscher Felix Leiss. Jedes zweite Hochbau-Unternehmen plane den Angaben nach, bis September die Preise zu erhöhen. Bei Holz sei laut Leiss eine leichte Entspannung zu beobachten, dennoch blieben viele Baumaterialien knapp und teuer. "Es fehlt an Stahl, Dämmmaterialien und anderen Kunststoffprodukten."

Das Problem betrifft nicht nur Unternehmen, sondern auch den privaten Endkunden, der im Baumarkt zeitweise vor leeren Regalen steht. Auch im Großhandel werde vielerorts über Lieferprobleme geklagt, berichtet das Ifo. Bei Holz und bei den Baustoffen meldeten 74,4 Prozent der Händler Engpässe, bei Metall- und Kunststoffwaren für Bauzwecke sogar neun von zehn der befragten Händler. "Das treibt die Preise", erklärt ifo-Forscher Leiss.

Warten auf Möbel – und auf Brettspiele

Wenn Spanplatten oder Polsterschaum zu einem knappen und begehrten Gut werden, bekommt dies auch die Möbelindustrie zu spüren. Die Hoffnung von Händlern und Produzenten, die nach dem ersten Corona-Jahr 2020 bereits leeren Lager rasch wieder auffüllen zu können, habe sich nicht erfüllt – auch wegen der anhaltend hohen Nachfrage seit diesem Frühjahr, berichtet der Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM). Laut dem Branchenverband ist derzeit immer noch jeder zweite Möbelbauer wegen fehlenden Materials in der Produktion eingeschränkt. So konkurrieren Möbelbauer mit Bauunternehmen und Verpackungsherstellern um das Basismaterial.

Sogar auf Brettspiele müssen Kunden derzeit einige Wochen warten. Zum einen sei die Nachfrage nach Spielen in der Corona-Pandemie deutlich gestiegen. Gleichzeitig können aufgrund von Corona-Auflagen, Personal- und Rohstoffmangel viele Fabriken nicht auf Volllast laufen, teilte etwa der Spiele-Verlag Heidelbär Games mit. Zum anderen herrsche weiterhin Containerknappheit in Asien, dadurch fehlen Leercontainer zum Verschiffen der produzierten Spiele. Auch die Transportplätze auf den Schiffen sind rar. Einige der noch nicht angekündigten Spiele-Neuheiten würden daher bereits auf das Jahr 2022 verschoben.

Gartengeräte: Das Gras wächst, die Kunden warten

Nicht nur für Autofans, Heimwerker und Hausbauer entwickelt sich der Sommer 2021 zur Geduldsprobe. Auch Gartenfreunde in Deutschland bekommen den Mangel an elektrischen Kleingeräten zu spüren: Mal fehlen bestimmte Bauteile für den Robo-Rasenmäher, mal hängt die neue Motorsäge oder Heckenschere einfach nur in einem Container in Asien fest und kann nicht verschifft werden. Die Nachfrage nach Neugeräten sei seit Herbst 2020 so stark angestiegen, dass weder die Hersteller der Geräte noch die Zulieferer diverser Bauteile noch hinterher kamen, heißt es zum Beispiel beim mittelständischen Motorgerätehersteller Söllner GmbH.

Vor allem bei den begehrten Akkugeräten und Robomähern seien Bauteile knapp und führe in Einzelfällen zu Wartezeiten von mehreren Wochen, heißt es in der Branche. Wer auf ein Ersatzteil warte, müsse sich manchmal noch länger gedulden, da Hersteller von Neugeräten oftmals bevorzugt beliefert würden.

Vieles wird teurer: Wartezeit treibt Preise

Vieles regelt sich derzeit über den Preis. Wer es eilig hat, zahlt mehr. Der Mangel an Material und die Preissteigerungen bei vielen langlebigen Konsumgütern wirken sich damit ebenso auf die Inflation aus wie die seit Monaten steigenden Preise für Rohstoffe. Der Rohstoffpreis-Index des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) zum Beispiel stand im Juli um 87 Prozent über seinem Vorjahreswert. Die Steigerungen sind unter anderem mit der schwachen Wirtschaftsleistung und dem geringeren Preisniveau im ersten Corona-Jahr 2020 zu erklären, deuten teils aber auch auf Versorgungsengpässe hin.

Kunden, die sich die Wartezeit bei einer Tasse Kaffee vertreiben wollen, spüren den Preisauftrieb bereits beim Einkauf. Auf Grund einer Kältewelle und Ernteausfällen in Brasilien müssen die dortigen Röster bereits 80 Prozent mehr für rohe Kaffeebohnen zahlen als zum Jahreswechsel, berichtet der Branchenverband Abic. Die Preise für die Sorten Arabica und Robusta notieren auf Dreijahreshoch. "Abwarten und Tee trinken" könnte hier der Ausweg lauten – doch an das Prinzip "länger warten, mehr zahlen" müssen sich deutsche Verbraucher voraussichtlich mindestens noch bis zum Jahresende halten.

la/mg/mit Material von dpa-afx, Reuters und AFP
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