EU-Behörden warten ab Briten lassen trotz Zweifeln Impfstoff von AstraZeneca zu

Großbritannien prescht abermals bei der Zulassung eines Impfstoffs vor. Dabei war das britische Mittel zuletzt stark in der Kritik – und noch sind nicht alle Fragen beantwortet. Die EU-Aufseher rechnen daher nicht mit einer schnellen Freigabe.
Für gut befunden: Großbritanniens Gesundheitsminister Matt Hancock, nachdem die britische Regierung den Impfstoff erlaubt hat.

Für gut befunden: Großbritanniens Gesundheitsminister Matt Hancock, nachdem die britische Regierung den Impfstoff erlaubt hat.

Foto: Steve Parsons / AP

Schon wieder prescht Großbritannien bei der Zulassung eines neuen Impfstoffs vor. Als erste weltweit haben am Mittwoch die britischen Behörden dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca  und der Universität Oxford eine Notfallzulassung erteilt. "Ich bin nun, mit der Zulassung heute morgen, sehr zuversichtlich, dass wir bis zum Frühjahr genügend gefährdete Menschen impfen können, um unseren Weg aus dieser Pandemie sehen zu können", sagte Gesundheitsminister Matt Hancock (42), nachdem die Regulierungsbehörde für Arzneimittel und Gesundheitsprodukte (MHRA) den Einsatz des Impfstoffes empfohlen hatte.

Die britische Regierung steht unter Druck. Erst am Dienstag hatte Großbritannien, wo sich seit Wochen eine besonders ansteckende Virus-Variante verbreitet, mit 53.000 Neuinfektionen einen neuen Rekord vermeldet. Wie schon bei der Notzulassung des von Biontech und Pfizer entwickelten Impfstoffs  Anfang Dezember sind die Briten abermals schneller als der Rest der Welt. Dabei sind um den in Großbritannien entwickelten Impfstoff, der nach Veröffentlichung der ersten Studiendaten massiv in die Kritik geraten war, noch immer viele Fragen ungeklärt.

Bei zwei vollen Dosen, gespritzt im Abstand von mehreren Wochen, hatte das Vakzin lediglich eine Wirksamkeit von 62 Prozent gezeigt. In einer Untergruppe, die zunächst nur die halbe Dosis und dann die volle Dosis erhielt, stieg die Wirksamkeit auf 90 Prozent. Es gab unterschiedliche Darstellungen von AstraZeneca und der Universtität Oxford, ob die Verabreichung einer halben Dosis am Anfang ein Versehen oder Absicht war. Der Pharmakonzern hatte daraufhin Ende November angekündigt, die Studie wiederholen zu wollen.

Die Zulassung ist für die Forscher nun ein Schub. "Heute ist ein wichtiger Tag für Millionen von Menschen in Großbritannien, die Zugang zu diesem neuen Impfstoff erhalten", sagte AstraZeneca-Chef Pascal Soriot (61). "Er hat sich als effektiv, gut verträglich, einfach in der Handhabung erwiesen und wird von AstraZeneca ohne Gewinn geliefert." Anders als das von Biontech entwickelte Mittel, das die mRNA-Technik verwendet, wird der Vektorimpfstoff auf Basis der Adenoviren von Affen auf eher herkömmliche Art hergestellt. Dadurch sind schneller und deutlich günstiger große Mengen lieferbar. Das Vakzin muss auch nicht so extrem tiefgekühlt werden wie der Biontech-Impfstoff. Premierminister Boris Johnson (56) sprach nach der Notzulassung von einem "Triumph für die britische Forschung".

Seine Regierung macht nun Tempo. Sie hat 100 Millionen Dosen des AstraZeneca-Vakzins geordert. "Der Nationale Gesundheitsdienst NHS kann die Dosen nun so schnell in die Arme der Menschen geben wie sie produziert werden können", sagte Gesundheitsminister Hancock.

Die Menschen brauchten keine Sorgen vor dem Impfstoff zu haben, sagte Munir Pirmohamed von der britischen Zulassungsbehörde MHRA. Er entspreche allen Sicherheitsanforderungen und es gebe keine Anzeichen, dass er bei der neuen Virusvariante seine Wirksamkeit verliert. Die Aufseher gehen für ihre Zulassung von einer 80-prozentigen Wirksamkeit aus, wenn die zwei Dosen mit drei Monaten Abstand verabreicht werden. Die zuvor umstrittenen 90-Prozent-Werte in Bezug auf die halbe Dosis sehen sie durch die vorliegenden Daten nicht bestätigt.

Schnelle EU-Zulassung nicht wahrscheinlich

Nachdem die Briten Anfang Dezember dem Biontech-Impfstoff eine Notfallzulassung erteilt hatte, waren die Behörden in den USA und der EU innerhalb der folgenden drei Wochen nachgezogen. Das ist in diesem Fall unwahrscheinlich. Für die europäische Zulassung des AstraZeneca-Produktes noch im Januar hatte der stellvertretende EMA-Direktor Noel Wathion zuletzt nur geringe Chancen ausgerechnet. "Sie haben noch nicht einmal einen Antrag bei uns gestellt", sagte er. Die bislang erhaltenen Informationen reichten nicht aus. "Wir benötigen zusätzliche Daten zur Qualität des Impfstoffs."

Bislang ist in der EU nur der von Biontech und Pfizer entwickelte Impfstoff zugelassen. Das in den USA bereits zugelassene Produkt des US-Biotechkonzerns Moderna könnte im Januar eine Erlaubnis der EMA erhalten. Sie will bis zum 6. Januar ihre Bewertung des Moderna-Impfstoffes abschließen. 

cr, lhy/AFP, Reuters
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