Walter Sinn

Unternehmen als Talente-Entwickler Gehalt ist nicht mehr das entscheidende Jobkriterium

Walter Sinn
Ein Gastbeitrag von Walter Sinn, Bain & Company
Ein Gastbeitrag von Walter Sinn, Bain & Company
Weltweit überdenken viele Beschäftigte ihre Work-Life-Balance. Ein gutes Gehalt ist dabei gerade in Deutschland nicht mehr zwingend das entscheidende Jobkriterium. Für Unternehmen geht es jetzt darum, noch stärker auf den Faktor Mensch zu setzen.
Teamwork, Teamentwicklung, Work Life Balance wichtiger als Gehalt: Die Einstellung zur Arbeit verändert sich

Teamwork, Teamentwicklung, Work Life Balance wichtiger als Gehalt: Die Einstellung zur Arbeit verändert sich

Foto: Spectral / Westend61 / IMAGO

Mitte der 1960er-Jahre prognostizierte der US-amerikanische Thinktank RAND Corporation, dass die Menschheit bis 2020 intelligente Affen züchten würde, die manuelle Arbeiten verrichten. Der britische Ökonom John Maynard Keynes hatte bereits 1930 kundgetan, dass im Laufe des kommenden Jahrhunderts bei anhaltendem Wirtschaftswachstum die Wochenarbeitszeit auf 15 Stunden sinken würde. Und Nikola Tesla, seines Zeichens Physiker und Ingenieur, ließ 1935 verlauten, dass Roboter in den nächsten 100 Jahren den Großteil der menschlichen Arbeitskräfte ersetzen würden.

Eingetroffen sind diese Vorhersagen bislang nicht. Tatsächlich aber ist es zu einer Vielzahl technischer Innovationen gekommen, die signifikanten Einfluss auf den beruflichen Alltag haben. Maschinen nahmen den Beschäftigten immer mehr Arbeit ab und kommen heute selbst bei komplexen Tätigkeiten zum Einsatz. Damit einhergehend sind neue Arbeitsweisen und -modelle entstanden – eine Entwicklung, die sich in jüngster Vergangenheit noch einmal massiv beschleunigt hat. Dies hat auch mit der Digitalisierung zu tun, die insbesondere in Deutschland seit Beginn der Pandemie vielerorts klare Fortschritte gemacht hat.

Walter Sinn

Walter Sinn leitet als Managing Partner die internationale Unternehmensberatung Bain & Company in Deutschland.

Sinnhaftigkeit und Struktur der Arbeit neu denken

Der Wandel, in dem sich die Arbeitswelt derzeit befindet, ist also einmal mehr grundlegend. Denn nicht zuletzt wegen ihrer durch Covid-19 bedingten Tätigkeit aus dem Homeoffice heraus befassen sich viele Angestellte mittlerweile eingehend damit, wie ihr Job künftig aussehen und welche Rolle er in ihrem Leben spielen soll. Dies zeigt unsere aktuelle Studie "The Working Future", an der weltweit 20.000 Beschäftigte teilgenommen haben.

So sehen sich fast 60 Prozent aufgrund der Pandemie veranlasst, intensiv über ihre Work-Life-Balance nachzudenken. Lediglich für 20 Prozent ist eine gute Bezahlung noch das entscheidende Jobkriterium. Immer wichtiger werden dagegen eine interessante Tätigkeit, eine sichere Anstellung sowie flexible Arbeitszeiten. Das gilt insbesondere für Befragte in Deutschland, die diesen Faktoren inzwischen fast die gleiche Bedeutung beimessen wie einem Top-Gehalt. Letzteres wiederum steht in den USA und Japan nach wie vor an erster Stelle. In Frankreich rangiert hingegen die interessante Tätigkeit ganz oben.

Zugegeben: Viele der Veränderungen, die die Corona-Krise ausgelöst hat, hatten sich schon vorher angebahnt. Dennoch müssen Unternehmen jetzt mehr denn je Sinnhaftigkeit und Struktur der Arbeit radikal neu denken. Nur so bleiben sie schlussendlich für Talente attraktiv und setzen sich im angespannten Fachkräftemarkt durch.

Fünf Schlüsselthemen für die Zukunft der Arbeit

Im Rahmen unserer Studie haben wir deshalb fünf Schlüsselthemen definiert, mit denen sich das Topmanagement auseinandersetzen muss, wenn es das eigene Unternehmen im Wettbewerb auch künftig ganz vorne platzieren möchte. Im Einzelnen sind dies:

1. Einstellung zur Arbeit verändert sich

In den wohlhabenden Ländern sind die Erwartungen an eine Beschäftigung in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Der Arbeitsplatz hat sich zunehmend zu einer wichtigen Quelle sozialer Bindungen entwickelt. Vor allem jüngere Generationen suchen Sinn und Erfüllung immer häufiger in ihrem Job. Parallel dazu hat sich das Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Einkommen seit der Epoche der Industrialisierung umgekehrt. So arbeiten etwa in den USA die 10 Prozent, die am besten verdienen, heute mit durchschnittlich 42 Wochenstunden am längsten. Viel beschäftigt zu sein, ist in dieser Gruppe inzwischen zu einem Statussymbol geworden. Dagegen kommen die 10 Prozent mit dem niedrigsten Gehalt auf eine Arbeitszeit von im Schnitt 34,4 Stunden, was im Vergleich zu früher deutlich kürzer ist. Mit ein Grund dafür ist allerdings, dass oft nicht die gewünschte stabile Vollzeitbeschäftigung gefunden wird. Daher sind in Deutschland beispielsweise auch nur 60 Prozent der Befragten mit geringem Einkommen mit ihrem Job zufrieden. Bei Menschen mit Top-Verdienst sind es 89 Prozent.

2. Es gibt mehr als einen Beschäftigtentyp

Angesichts der Veränderungen in puncto Arbeitseinstellung haben althergebrachte Klassifizierungen von Jobs ausgedient. Aus Sicht von Bain gibt es nunmehr sechs Archetypen mit unterschiedlichen Prioritäten: pragmatische Anwenderinnen und Anwender, empathische Teamworker, autonome Spezialistinnen und Spezialisten, flexible Experimentierfreudige, ehrgeizige Aufsteigerinnen und Aufsteiger sowie mutige Pionierinnen und Pioniere. Letztere charakterisiert beispielsweise die höchste Risikobereitschaft und machen in den USA rund 25 Prozent der Führungskräfte aus, während Aufsteigerinnen und Aufsteiger besonders geld- und statusorientiert sind.

3. Automatisierung führt zu anspruchsvolleren Aufgaben

Dank des technischen Fortschritts werden Routinetätigkeiten zunehmend von Maschinen übernommen. Vor diesem Hintergrund gewinnen gerade in der Ära der Digitalisierung Fähigkeiten wie Kreativität, Problemlösungsexpertise oder soziale Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch mehr an Bedeutung. Insbesondere in den westlichen Industrieländern sind solche Qualitäten künftig wieder stärker gefragt, zum Beispiel in der Gesundheitsbranche. Allerdings macht dies zum Teil eine umfassende Umschulung und Weiterbildung der Belegschaft erforderlich.

4. Physische Anwesenheit im Unternehmen ist nicht länger das Maß aller Dinge

Die Pandemie und flexiblere Arbeitsmärkte haben dazu geführt, dass mehr Menschen im Homeoffice tätig sind. Infolgedessen verschwimmen die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben. Laut unserer Studie betrachtet fast die Hälfte aller Befragten Kolleginnen und Kollegen als Freunde. Zugleich fehlt vielen Mitarbeitenden der direkte Umgang mit ihrem Team. Dies zieht nach sich, dass in Deutschland beispielsweise nach der Pandemie 35 Prozent gar nicht oder nur noch selten von zu Hause aus arbeiten möchten – deutlich mehr als im weltweiten Schnitt. Immerhin 20 Prozent wollen jedoch dauerhaft im Homeoffice bleiben, 45 Prozent sind für hybride Modelle.

5. Jüngere Beschäftigte geraten zunehmend unter Stress

Bereits vor der Corona-Krise haben viele der jüngeren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter wachsendem psychischen Stress gelitten. In den westlichen Industrienationen sorgen sich unserer Studie zufolge derzeit mehr als 60 Prozent der unter 35-Jährigen um ihre finanzielle Situation, um Jobsicherheit und die eigenen Karriereziele. Bei den Älteren sind es nur 40 Prozent. Zudem rechnen immer weniger junge Menschen damit, später einmal mehr zu verdienen als ihre Eltern.

Versteckte Potenziale der Belegschaft erkennen und nutzen - so werden Firmen zu Talente-Entwicklern

Was diese Ergebnisse für das Topmanagement bedeuten, liegt auf der Hand. Die Zeit, in der Unternehmen lediglich als "Talente-Sucher" fungiert haben, sind endgültig vorüber. Für sie muss es jetzt vielmehr darum gehen, zum "Talente-Entwickler" zu werden – und zwar so rasch wie möglich. Das heißt konkret: Führungskräfte auf allen Ebenen haben verstärkt in Weiterbildungsmöglichkeiten für ihre Angestellten zu investieren, vielfältigere Karrierewege zu ermöglichen und das Wachstumsdenken innerhalb der Belegschaft zu fördern. Dies gilt speziell für etablierte Unternehmen, die dem Fachkräftemangel nichts entgegensetzen, während sich ihre Wettbewerber längst mit den versteckten Potenzialen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befassen und diese systematisch nutzen.

Angesichts der unterschiedlichen Bedürfnisse der Beschäftigten muss das Topmanagement einen regelrechten Spagat vollbringen. Denn in Zukunft heißt es, das vertraute Arbeitsumfeld und die Unternehmenskultur verstärkt auch ohne die physische Anwesenheit von Teilen der Belegschaft aufrechtzuerhalten. Gebot der Stunde für die Gewinner von morgen ist daher, sich noch intensiver auf den Faktor Mensch zu konzentrieren.

Walter Sinn leitet als Managing Partner die internationale Unternehmensberatung Bain & Company in Deutschland. Der studierte Ökonom verfügt über mehr als 20 Jahre Beratererfahrung in wichtigen strategischen Fragestellungen, wie Wachstumsstrategien, strategische Neuausrichtung, Effizienzsteigerungs- und Transformationsprogramme sowie Reorganisation und Post-Merger-Integrationen.