Studie berechnet Folgen Gaslieferstopp birgt hohe Risiken – nicht nur für die Wirtschaft

Ein sofortiger Lieferstopp von russischem Erdgas wäre einer neuen Studie zufolge hochriskant für die deutsche Wirtschaft. Der Einbruch wäre mit dem des Corona-Jahres 2020 oder der Finanzkrise 2009 vergleichbar. Noch stärker könnten die sozialen Folgen sein.
Noch fließt das Gas aus Russland in die meisten EU-Länder: Bei einem abrupten Lieferstopp müssten deutsche Industrieunternehmen die Produktion drosseln

Noch fließt das Gas aus Russland in die meisten EU-Länder: Bei einem abrupten Lieferstopp müssten deutsche Industrieunternehmen die Produktion drosseln

Foto: JOE KLAMAR / AFP

Die möglichen Auswirkungen eines Gaslieferstopps aus Russland hält seit Wochen die deutsche Wirtschaft in Atem. Möglich ist sowohl ein Embargo der Europäischen Union als auch ein Stopp russischer Seite, wie er zuletzt angesichts des andauernden Rubel-Streits oder einer Reaktion auf ein Öl-Embargo befürchtet wurde.

Ein abruptes Ende von russischen Erdgaslieferungen in die EU ist einer neuen Studie  zufolge aktuell "hochriskant" für die deutsche Volkswirtschaft. Bei einem sofortigen vollständigen Lieferstopp von russischem Erdgas könnte die Wirtschaftsleistung in Deutschland um bis zu 12 Prozent einbrechen. Zu diesem Ergebnis kommen Berechnungen des Wirtschaftsökonomen Tom Krebs von der Universität Mannheim, gefördert wurde die Studie vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.

Damit wäre durch ein kurzfristiges Erdgas-Embargo ein wirtschaftlicher Einbruch auf dem Niveau des Corona-Jahres 2020 oder der Finanzkrise im Jahr 2009 zu erwarten, schreibt der Ökonom. Es "könnte jedoch auch zu einer Wirtschaftskrise führen, wie sie (West)Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt hat", warnt Krebs. Sich in einem überschaubaren Zeitraum bis 2025 aus der Abhängigkeit von russischen Erdgasimporte zu befreien, wie es die Bundesregierung vorhat, sei dagegen "weitaus leichter".

Ohne russisches Erdgas würde die Produktion in Deutschland in den ersten 12 Monaten um 114 bis 286 Milliarden Euro fallen, das entspricht einem Verlust von rund 3 bis 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Hinzu kämen weitere Verluste in Höhe von 2 bis 4 Prozent durch nachfragebedingte Effekte auf die Wirtschaftsleistung, zum Beispiel wenn Verbraucher aufgrund höherer Energiepreise weniger für andere Güter ausgeben.

Soziale Folgen wären gravierender als 2020 oder 2009

Gravierender als zu Zeiten der Corona- oder Finanzkrise wären daher "mit hoher Wahrscheinlichkeit" die sozialen Folgen einer derart zugespitzten Energie-Krise, schätzt Krebs. Nach zwei Pandemie-Jahren stehe die deutsche Wirtschaft durch globale Lieferkettenprobleme und den Transformationsdruck angesichts des Klimawandels ohnehin unter Stress. Das könnte die Zahl an Insolvenzen oder Produktionsverlagerungen in die Höhe treiben und die Arbeitslosigkeit steigern. Gleichzeitig sieht der Ökonom geringe Möglichkeiten der Wirtschafts- und Geldpolitik gegenzusteuern angesichts schon stark erhöhter Ausgaben zur Abfederung der Corona-Krise und hoher Inflation. Die Preisschocks bei Energie und Nahrungsmitteln würden vor allem die unteren und mittleren Einkommen treffen.

Die Studie unterscheidet zwischen zwei Szenarien, die unterschiedlich starke Folgen haben für die Wirtschaft. Im Falle eines kompletten Lieferstopps, dem Basisszenario, ist der Studie zufolge ein Rückgang von bis zu 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den zwölf Monaten nach Einsetzen des Lieferstopps zu erwarten. Geringer würde dieser ausfallen, wenn kurzfristig deutlich mehr Gaslieferungen aus anderen Ländern das russische Gas ersetzen als momentan in den Krisenplänen von Bundesregierung und EU angenommen. In diesem optimistischeren Alternativszenario wäre mit einem 7 Prozent niedrigerem BIP zu rechnen. Ohne Erdgasembargo erwarten die meisten Forschungsinstitute für dieses Jahr ein BIP-Wachstum von rund 2 Prozent.

Industrie müsste Produktion drosseln

In beiden Szenarien könnte zwar ein Teil des Erdgasschocks durch Substitution mit anderen Energieträgern aufgefangen werden. Die Produktion müsste die Industrie aber dennoch zurückfahren. Zu den Hauptabnehmern von Erdgas zählen die Industriezweige Chemie, insbesondere Grundstoffchemie, Metallerzeugung und -bearbeitung sowie Gießerei, Glas und Keramik, Steine und Erden, Ernährung, das Papiergewerbe und der Maschinen- und Fahrzeugbau. "Für diese Industriezweige ist Erdgas ein essenzieller und schwer ersetzbarer Inputfaktor im Produktionsprozess", schreibt Krebs.

Der Ökonom warnt angesichts dessen vor sogenannten Kaskadeneffekten. Die ergeben sich, wenn Schlüsselindustrien ihre Produktion herunterfahren oder ganz einstellen müssen und anderen Branchen dann zentrale Vorprodukte fehlen. Dies erhöhe den "den volkswirtschaftlichen Schaden drastisch". Vorprodukte zu importieren, wie manche Forscher vorschlagen, ist aus Krebs´ Sicht nur begrenzt möglich. Die energieintensiven Industriezweige stellten zu großen Teilen Spezialprodukte her, die kurzfristig kaum zu ersetzen sind und auch nicht auf einem 'Weltmarkt' gehandelt werden, so Krebs.

dri