Zur Ausgabe
Artikel 43 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Fingerzeige für die Krise

Glosse: Wie Mitarbeiter erkennen können, dass ihr Dotcom-Unternehmen abschmiert.
aus manager magazin 2/2001

Schlechte Nachrichten werden in jedem Unternehmen gern geheim gehalten. Manchmal gelingt das sogar. Die Beschäftigten erfahren erst dann von den grauenhaften Geschäftszahlen, wenn die Schlagseite ihrer Firma bis zur Wasserlinie reicht. Nicht wenigen der über 10 000 Dotcom-Mitarbeiter, die allein im vergangenen Dezember ihren Job verloren, dürfte es so ergangen sein.

Aufmerksame Zeitgenossen finden hingegen untrügliche Fingerzeige für die Krise:

Phase 1: Leichte Wolken am Horizont

l Am Empfang steht kein Strauß frischer Blumen mehr.

l Für Mitarbeiterbesprechungen rückt die Verwalterin des Konferenzraums keine Kekse mehr heraus.

l Zum Geburtstag der Unternehmensgründer stößt die Belegschaft mit Prosecco an; beim letztem Mal war es noch Champagner.

l Für den Betriebsausflug wird nicht - wie im vergangenen Jahr - eine Boeing gechartert, um alle Mitarbeiter nach Mallorca zu fliegen. Stattdessen gibt's eine Fahrradtour durch den Stadtwald.

l Ein Kollege wird zum Controller ernannt.

Phase 2: Mehr Wolken, auch nahe

l Erste Zeitungsabos werden gekündigt, für die verbleibenden Umlauf-listen angelegt.

l In der Beach-Volleyball-/Snow-board-/Montainbiking-/Canyoning-Gruppe werden Gerüchte über eine Betriebsrats-Initiative laut.

l Visitenkarten werden nicht nachgedruckt: "Zu teuer".

l Statt einzeln verpackter Milchdöschen gibt es große Kondensmilchbüchsen im Kühlschrank der Pantry.

l An der Pinnwand hängen Rundschreiben des Controllers. Sie beginnen mit dem Satz: "Da Ihr meine Mails nicht mehr quittieren wollt, muss ich auf diesem Wege ..."

Phase 3: Dräuendes Unwetter

l Grundsätzlich keine Flug-Dienstreisen mehr.

l Alle Extras, mit denen früher neue Mitarbeiter geködert werden sollten, entfallen - auch für die Alteingesessenen: also keine Hemdenbügeldienste, keine kostenlose Pizza und keine Massagen mehr im Büro.

l Nach Kundenbesuchen werden die nicht verzehrten Kekse wieder zurück in die Dosen sortiert.

l Am Fotokopierer wird ein Zähler installiert. Daneben hängt eine Liste, in der jeder eintragen muss, wie viele Kopien er wofür angefertigt hat.

l Die Chefs arbeiten nicht nur sonntags, sondern auch an Sonnabenden.

l An der Pinnwand hängen Plakate der Gewerkschaft.

l Der Controller kündigt.

l Die studentischen Aushilfen am Empfang wechseln immer öfter.

Phase 4: Vor dem Untergang

l Der Empfang wird aufgelöst, die Zentralnummer der Telefonanlage wird auf die Teamassistentinnen umgestellt, der Reihe nach wechselnd.

l Dienstreisen nur noch per Zug, zweiter Klasse. Übernachtungen am besten privat, im Hotel nur noch mit Genehmigung der Geschäftsführung.

l Ein mittleres Management wird installiert. Die Betroffenen verlangen eine "angemessene Zulage zum Gehalt". Optionen auf Unternehmensanteile lehnen sie ab.

l Die Geschäftsleitung verordnet Feierabend für alle um 20 Uhr, weil dann das Hoftor/die Haustür fest abgeschlossen wird. Niemand hat mehr einen Generalschlüssel, um dann noch hinauszukommen.

l Immer öfter müssen Projektbesprechungen wegen Betriebsversammlungen verschoben werden.

l Der kaputte Kopierer und andere defekte Bürogeräte werden nicht mehr ersetzt.

l Die Putzkolonne kommt nur noch alle zwei Tage/einmal pro Woche.

Phase 5: Unter Wasser

l Die Putzkolonne kommt gar nicht mehr.

l Auch die Chefs tauchen nicht mehr auf.

l Von Tag zu Tag gibt es weniger Büromöbel. Die Kollegen schleppen sie Stück für Stück nach Hause.

l Die Heizung ist abgestellt.

l Auf der Homepage des eigenen Unternehmens steht nur noch: "Tschüss, tut uns leid ..."

Michael O. R. Kröher

Zur Ausgabe
Artikel 43 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel